Professor Wolfgang Sonne, Leiter des Baukunstarchivs NRW © Foto: Felix Schmale

Im Gespräch mit Wolfgang Sonne zur Eröffnung das Baukunstarchivs NRW

Am 4. November 2018 wird das Baukunstarchiv NRW in Dortmund eröffnet. Es übernimmt die Sammlung des Archivs für Architektur- und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI), das 1995 an der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen der TU Dortmund gegründet wurde und bezieht das ehemalige Museum am Ostwall, das ursprünglich als Oberbergamt gebaut wurde. Als Wolfgang Sonne den Lehrstuhl für Lehrstuhl Geschichte und Theorie der Architektur (GTA) 2007 übernommen hat, war damit auch die Leitung des Archivs verbunden. Seitdem war es ihm ein Anliegen, für das Archiv eine breite Trägerschaft und sowohl größere als auch dauerhaft nutzbare Räume zu finden.

 

Ein Haus erzählt seine Geschichte © Barbara Schlei

 

Was sammelt das Baukunstarchiv NRW?

Wolfgang Sonne: Es sammelt Baukunst mit Bezug zu NRW. Dahinter verbirgt sich nicht nur Architektur, sondern auch Ingenieurbau, Städtebau, Landschaftsarchitektur und Innenarchitektur. Auch wenn ganz oben die großen Namen stehen, haben wir den Anspruch, auch das alltägliche und typische Bauen darzustellen. Alles was einmal öffentlich eingereicht wurde, liegt bei den Bauämtern, die auch für die Archivierung zuständig sind. Wir kümmern uns um die privaten Nachlässe, die gewöhnlich an die nächste Generation gehen oder weggeworfen werden. Damit führen wir eine Tradition fort, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, als zum Beispiel Gottfried Sempers Nachlass der ETH Zürich anvertraut wurde.

Kann also jeder Architekten aus NRW dem Baukunstarchiv seinen Nachlass vermachen?

Unser Sammlungskonzept sieht vor, dass wir sowohl besondere als auch typische Werke sammeln. Gerade beim Typischen müssen wir eine möglichst objektive und fachlich breit abgestützte Auswahl treffen. Deshalb haben wir einen Fachbeirat, in dem alle Fachrichtungen des Bauens sowie Verbände, Museen und Universitäten vertreten sind. Seine Empfehlung bildet eine wichtige Grundlage der Entscheidung.

Schon der Nachlass eines einzigen Büros, das über 40 Jahre tätig war füllt mehrere Kellerräume mit Rollen, Modellen und Schriftwerk. Wie wählen Sie aus?

Das ist sehr schwierig. Manchmal haben wir Glück und die Akteure haben ihre Bestände selbst schon auf das Wichtigste beschränkt. Aber für unsere Sammlungsstrategie sind, anders als bei manche anderen Archive, wo nur die schönsten Pläne bewahrt werden, alle Medien aus dem Produktions- oder Rezeptionsprozess interessant: auch Briefe und Akten, Modelle, Fotografien und Bücher. Dadurch erhöht sich die Menge und die Vielfalt dessen, was wir bewahren wollen. Schwierig ist das bei sehr großen Nachlässen, zum Beispiel dem von Harald Deilmann, den wir vor 15 Jahren übernommen haben, und ganz aktuell bei dem sehr umfangreichen Nachlass von Josef Paul Kleihues. Unsere Strategie ist, die Akten für wichtige Projekte umfassend vorzuhalten und uns bei Projekten, die uns „normal“ erscheinen, auf das Wesentliche konzentrieren.

 

Baukunstarchiv NRW, Ansicht vom Ostwall, 2018 © Foto Detlef Podehl

 

Was oder wen möchten Sie mit der Sammlung erreichen?

Traditionell gesehen sind die Architektursammlungen deutscher Hochschulen alle aus Lehrsammlungen hervorgegangen. Doch seitdem wir uns die Welt lieber selber ausdenken, als aus der Geschichte zu lernen, erfüllen die Archive einen ganz anderen Zweck. Sie sollen die kulturellen Leistungen der Architektur überliefern. Neben der klassischen historischen Forschung nutzen wir die Sammlung auch zur forschenden Lehre mit Studierenden. Letztlich aber verstehen wir uns als eine Sammlung für die Öffentlichkeit. Das soll mit der Lage des Baukunstarchivs NRW in einem ehemaligen Museum mitten in Dortmund und mit Veranstaltungen deutlich werden.

 

Seminar mit Studierenden im Baukunstarchiv NRW; © Foto Detlef Podehl

 

Wer finanziert und unterstützt das Archiv und die Arbeit darin?

Im Januar 2016 gründeten die Stiftung Deutscher Architekten, die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, die Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen und der Förderverein für das Baukunstarchiv NRW e. V. die „Baukunstarchiv NRW gGmbH“. Die TU Dortmund ist Kooperationspartner der Gesellschaft und stellt dem Baukunstarchiv NRW den Bestand ihres Archivs für Architektur- und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI) sowie die wissenschaftliche Leitung zur Verfügung. Die gGmbH trägt den laufenden Betrieb, die Stadt Dortmund stellt das Gebäude, das mit Hilfe von Landesmitteln der Städtebauförderung renoviert wurde, miet- und abgabenfrei zur Verfügung.

Sind Sie analog oder digital aufgestellt? Wie wichtig sind Originale heutzutage noch?

Das ist eine spannende Frage. Das Archiv der TU Dortmund nahm zunächst die Nachlässe der Nachkriegsarchitekten auf, bei denen sämtliches Material analog war: Handzeichnungen, die unsere Studierenden ungeheuer anrührend finden, wenn dort Spuren weggekratzter Tusche auf dem Transparent zu sehen sind. Aber auch jüngere Nachlässe oder Teilvorlässe, zum Beispiel der von Eckhard Gerber, bestehen primär aus Papier. Auch wenn wir bislang nur sehr wenig ausschließlich in digitaler Form vorliegen haben, ist klar, dass das kommen wird, die Architekturproduktion ist ja inzwischen auch schon seit über 20 Jahren digital. De facto ist das Archiv sehr analog und das wird es auch bleiben: Modelle sind nun mal Objekte. Und Pläne werden bei uns immer auch auf Papier weiterexistieren. Das Analoge wird bei uns durch das Digitale höchstens erweitert.

Sie haben also wirklich Planschränke voller Pläne und Industrieregale voller Modelle?

So ist es.

Kann ich online recherchieren?

Das ist die Planung. Es gibt Sammlungen wie die des Architekturmuseums der TU Berlin, die vollständig digitalisiert im Netz stehen. Für die wichtigen Bestände wollen wir das auch. Wir beginnen gerade mit einem Pilotprojekt zu Peter Grund. Wir werden aber nicht jeden Brief und jede Akte digitalisieren. Vieles muss zunächst katalogisiert werden, denn wir sind ein vergleichsweise junges und noch wachsendes Archiv. Manches haben wir mitten in der Nacht vor dem Container gerettet. Das kann dann auch mal einige Jahre ungesichtet in Kartons lagern. Der Prozess vom Sichern, Ordnen und Katalogisieren wird nie abgeschlossen sein, da immer wieder neues Material dazu kommt.

 

Ausstellung im Baukunstarchiv NRW © Foto Detlef Podehl

 

Das Baukunstarchiv bezieht die Räume des Museums am Ostwall in Dortmund. Dort haben Sie ja nun endlich den Platz und die Möglichkeiten, die Ihnen so lange gefehlt haben.

Sämtliche Archivbestände werden am Ostwall unterkommen. Für die Räume, die wir derzeit noch nicht benötigen, wird es Zwischennutzungen geben, damit das Haus von Anfang an voll und bespielt ist. Unser Wachstum ist aber geplant. Wir sehen uns im Dienste der Wissenschaft und Forschung, möchten aber auch die Bürger ansprechen. Unser Archiv, seine Bibliothek und die Veranstaltungen, mit denen wir das Potential unseres Hauses ausnutzen möchten, stehen allen offen.

 

Wie wurde aus dem ehemaligen Museum Ostwall das Baukunstarchiv NRW?

Mit dem Umbau beauftragt war das Büro Spital-Frenking + Schwarz (Lüdinghausen/Dortmund), das viel Erfahrung mit historischen Bauten hat. Umbau ist in unserem Fall aber das falsche Wort, eher war es eine Revitalisierung. Die größte Maßnahme war der Aufzug, der das Haus nun barrierefrei macht. Die innere Struktur und die Wirkung des Lichthofs, der 1911 in das Oberbergamt von 1875 eingebaut wurde, haben wir belassen.

 

Michael Schwarz und Oskar Spital-Frenking bei der Eröffnung des Baukunstarchivs am 4. November 2018 © Barbara Schlei

Keine Schatzkammer also?

Schatz ja, Kammer nein. Unser Haus bringt eine sehr schöne Museumsatmosphäre mit, die wir erhalten und nutzen möchten. Es lebt davon, dass seine Geschichte in der Architektur ablesbar ist, denn auch dafür steht das Archiv.

 

Eckhard Schulze-Fielitz, Raumstadt, Modell, 1968 © Baukunstarchiv NRW

Welches sind Ihre prominentesten Archivalien?

Unser wahrscheinlich kuriosestes und bedeutendstes Stück ist das Modell der Raumstadt von Eckhard Schulze-Fielitz aus dem Jahr 1968. Schulze-Fielitz hat solche Raumstadtmodelle schon 1959/60 mit Yona Friedman entwickelt. Doch unseres ist das größte Modell der strukturalistischen Raumstadtkonzepte, das tatsächlich überlebt hat. Und das, obwohl es extrem fragil ist und schon zu mehreren Ausstellungen ausgeliehen wurde. Dieses Paradestück werden wir natürlich auch in der Eröffnungsausstellung zeigen.

 

Das Gespräch führte Uta Winterhager für das BauNetz

Artikel teilen

Ihre Meinung zählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.