Neue Schule auf altem Grund: Willy-Brandt-Gesamtschule in Höhenhaus © Visualisierung rendertaxi

Hahn Helten + Ass. planen die Willy-Brandt-Gesamtschule neu bei laufendem Betrieb

46 Schule brauche Köln in den nächsten Jahren, schrieb die Rundschau in der vergangenen Woche und führte als Gründe unter anderem stark steigende Schülerzahlen, eine zunehmende Nachfrage nach Gesamtschulen und Gymnasien und die nun beschlossene Rückkehr zu G9 an. Dringend müsse gebaut werden, aber auch Übergangslösungen in Containern seien unumgänglich. Dass das Soll in dem bis 2025 gesteckten Rahmen erfüllt werden kann, scheint angesichts der allgemeinen Lage in Köln vollkommen utopisch. Doch es gibt einzelne Lösungen, die beispielhaft zeigen, dass es durchaus voran geht.

 

Im Fall der Willy-Brandt-Gesamtschule im rechtsrheinischen Höhenhaus wurde von der städtischen Gebäudewirtschaft zunächst ein Verfahren für die Sanierung des im Jahr 1975 eröffneten Schulgebäude ausgelobt. Gravierende brandschutztechnische, funktionale und technische Mängel sollten behoben werden und der Bestand an die inzwischen geringere Zahl von Schülern angepasst werden, um einen wirtschaftlicheren Betrieb zu ermöglichen. Dazu sollte die achtzügig geführte Schule in einen vorübergehend in einen temporär errichteten Systembau umziehen, während der Altbau zurückgebaut und saniert werden sollte. Doch dieses Konzept erwies sich nach genauerer Untersuchung als unwirtschaftlich, so dass die Gebäudewirtschaft der Stadt Köln entschied, die Gesamtschule für 1300 Schüler und 110 Lehrer nach der Planung von Hahn Helten + Assoziierte Architekten GmbH (Aachen), die in dem zugrundeliegenden Verfahren überzeugt hatten, in vier Abschnitten neu zu bauen:

1. Neubau der Schule neben dem bestehenden Schul- und Sportgebäude
2. Rückbau der Bestandsschule, Aufrechterhaltung der Bestandssporthalle
3. Neubau einer 6-fach Sporthalle
4. Rückbau der Bestandssporthalle

 

Seit ihrer Gründung im Jahr 1975 verfolgt die Willy-Brandt Gesamtschule das pädagogische Konzept der Jahrgangscluster. 12 bis 15 Lehrer bilden mit ihren 4 bis 6 Jahrgangsklassen eine überschaubare Schuleinheit in der großen Institution Schule. Direkte Kommunikation, kurze Wege und Überschaubarkeit sollen den Schülerinnen und Schülern ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit als Grundvoraussetzung für das Entstehen von Heimat und Zuhause vermitteln. Das kommunikative Konzept der Lernlandschaft, das auch von der Stadt Köln favorisiert wird, leben Schüler und Lehrer bereits im Bestand, im Entwurf für den Neubau findet es durch die Clusterbildung einzelner „Lernhäuser“ besondere Berücksichtigung.

Das neue Schulensemble bilden Hahn Helten + Assoziierte plastisch und programmatisch aus drei deutlich lesbaren Großformen: der Gesamtschule als Lernhaus, dem Forum mit dem Pädagogischem Zentrum und einer 6-fach Sporthalle.

In dem schmalen Raum zwischen Bestand und südwestlicher Grundstücksgrenze wird die neue Gesamtschule als dreigeschossiger Riegel errichtet, wobei aus Kosten- und Zeitgründen ein hoher Vorfertigungsgrad im Stahlbetonmassivbau erwünscht war. Die Erschließung dieses sogenannten Lernhauses erfolgt zentral über den Campus, da der langgestreckte Baukörper durch seine Positionierung bereits einen Lärmschutz für die Anwohner, südlich der Schule mitbringt.

 

Finale Situation des Nebaus der Willy-Brandt-Gesamtschule © Hahn Helten + Ass. Architekten GmbH

 

Das Lernhaus

Fünf als Glasfugen ausgebildete Eingänge mit Treppenhäusern gliedern das 192,75 Meter lange Lernhaus, das in der Lokalpresse schon als „längste Schule Kölns“ bezeichnet wurde. Im Erdgeschoss, das mit seiner Fassade aus Sichtbetonfertigteilen einen robusten Sockel ausformt, sind entlang eines Lernboulevards die Fachklassenräume, der „Ganztag“ sowie die Bibliothek mit dem Selbstlernzentrum angeordnet. In den beiden Obergeschossen befinden sich die Jahrgangscluster der Sekundarstufe 1 und die Räume der Sekundarstufe 2. Jeder dieser Cluster besteht aus 4 oder 6 Jahrgangs-Klassenräumen und einem Teamraum für ca. 15 Lehrer. Eine gemeinsame Mitte mit Nebenräumen, Schüler- und Lehrer-WCs sowie individuellen Kommunikationsorten erweitert sich über gemeinsam nutzbare Räume, wie Differenzierungs- und Inklusionsräume zu einer Lernlandschaft. Verglast und transparent sind Sonderräume zwischen die Klassenräume eingestreut und lassen sich bei Bedarf über Vorhänge, jedoch auch blickabgewandt, nutzen. Da die Cluster über eigene Außenzugänge und eine interne Lernstraße direkt erschlossen werden, erhalten die einzelnen Jahrgangsbereiche ohne „Durchgangsverkehr“ einen intimen Charakter.

 

Grundriss 1. Obergeschoss der Willy-Brandt-Gesamtschule © Hahn Helten + Ass. Architekten GmbH

Foyer und Forum

Das Foyer wird als kommunikatives Zentrum der Schule definiert. Es verbindet das Lernhaus über die Geschosse mit dem ebenfalls dreigeschossigen Forum, in dem sich die Sondernutzungen, wie das pädagogische Zentrum, die Mensa und der Lehrerbereich befinden. Ähnlich einer klassischen Aula wird das Pädagogische Zentrum im Erdgeschoss des Forums als schulischer Versammlungsort mit einer besonderen Nutzung für den überregional bekannten Schulzirkus „Radelito“ konzipiert. Der Raum ist als ein quadratischer Saal mit zweiseitigem Ausblick konzipiert, so dass er sowohl klassisch als gerichteter Raum mit Bühne als auch in Manegenform in Raummitte alternativ in Reihenbestuhlung oder mit Tischmöblierung für bis zu 650 Personen bespielt werden kann.

Neubau der Willy-Brandt-Schule: Links das Lernhaus, rechts das Foyer, das das Form anschließt © rendertaxi

 

Das Gebäudeensemble aus Solitär und Lernhaus wird im letzten Bauabschnitt durch eine 6-fach Sporthalle ergänzt werden, die als eigenständiger Baukörper im rückwärtigen Grundstücksbereich positioniert wird. Um städtebaulich einen sanften Übergang zum nördlich angrenzenden Waldgebiet zu gewährleisten, wird die Sporthalle eingegraben, so dass sie zum Schulhof hin nur als eingeschossiges Gebäudevolumen in Erscheinung tritt. Hierfür kann zu großen Teilen die Baugrube der unterkellerten Bestandsschule genutzt werden, die durch den Rückbau entsteht.

Derzeit gehen die Planer davon aus, dass Abbruch und Neubau inclusive Außenanlagen 2024 abgeschlossen sein werden. Und vielleicht macht dieses äußerst ökonomisch geplante aber großzügig gedachte Modell in Köln ja noch Schule – der Bedarf ist da.

 

Uta Winterhager

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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