NEW Michael Weichler (li) und Fritz Keuthen Foto ©Berit Schneidereit

Gründeten das Dreibuchstabenbüro NEW in Dortmund

Fritz Keuthen, Michael Weichler und ihr Büro NEW, sind vorerst die letzten jungen Architekten unserer kleinen Reihe NEUE ANSÄTZE. Zufall und Umweg brachten die beiden zur Architektur. Seit sie sich jedoch dazu entschlossen haben ein gemeinsames Büro zu gründen, überlassen Sie nicht mehr viel dem Zufall, Umwege gehen sie seit dem ab und an, aber auch diese ganz bewusst und zielstrebig.

Sie leben in Köln, Büro und Lehrtätigkeit sind jedoch in Dortmund angesiedelt. Erst der Schulterschluss mit der Hochschule räumt ihnen die Freiheit ein, die Akquise fast ausschließlich über Wettbewerbe zu gestalten und sie können bereits einige beachtliche Erfolge aufweisen. Kurz vor der Veröffentlichung dieses Interviews kam die schöne Nachricht vom Gewinn des Verfahrens „Stadtquartier Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort“. Herzlichen Glückwunsch!

 

Wie seid Ihr zur Architektur gekommen?

Fritz Keuthen: Das war mehr oder weniger Zufall. Nach Abitur und Zivildienst wollte ich Kommunikationswissenschaften studieren, hätte jedoch 30 Wartesemester gehabt. Eine Freundin von mir hat Architektur in München studiert, das fand ich interessant und vielseitig. Architektur war für mich zunächst auch nicht die große Leidenschaft. Mit dem Studium begonnen habe ich eher, weil mir die Idee des Generalisten gefallen hat, nicht unbedingt mit dem Ziel Architekt zu werden, sondern als Ausgangssituation für Weiteres. Erst nach dem Vordiplom habe ich mich aktiv für das Studium entschieden.

Michael Weichler: Für mich war es kein Zufall, eher ein Umweg. Ich hatte bereits eine Schreinerlehre hinter mir und vor der Gesellenprüfung die Fluse im Kopf, doch Produktdesign zu studieren. Hat zum Glück nicht geklappt, ich bin abgelehnt worden und habe mich wieder darauf besonnen den ursprünglichen Plan zu verfolgen. Ich habe meine Mappe für Architektur fertig gemacht, das hat geklappt, und ich habe in Düsseldorf (PBSA) angefangen zu studieren.

 

Gab es einflussreiche Lehrer und Mentoren oder große Ideale für Euch?

FK: Nach dem Vordiplom habe ich bei V-Architekten in Köln Praxiserfahrung sammeln können. Plötzlich wurde mir deutlich, dass aus Projekten Häuser werden. Das hat mein Verhältnis zur Architektur intensiviert. Im Studium waren es die konstruktiven Lehrstühle, der von Mirko Baum zum Beispiel. Mirko war allerdings auch immer ein Stück weit Schreckgespenst, weil es schwer einzuschätzen war, wie eine Präsentation ausgehen wird. Aber vielleicht war es gerade diese latent gereizte Atmosphäre, die uns motivierte und die Arbeiten bei ihm interessant machte. Nicht zuletzt waren es sicher sein Idealismus und die Autorität eines überschaubaren, aber inhaltlich herausragenden Werkes.

MW: Für mich waren das besonders diejenigen, die über das Fachliche hinaus Lebensmodelle aufzeigten, die mich ansprachen. Da kommen natürlich immer wieder Neue hinzu, aber zu Beginn war es Prof. Stefan Korschildgen, er hat mich sowohl fachlich als auch menschlich beindruckt. Auf einer ähnlichen Ebene war es auch der Künstler Oliver Kruse, den ich sehr schätzen gelernt habe. Er war es, der mir die Welt der Kunst über die Architektur hinaus eröffnete. Beide haben einen entscheidenden Anteil daran, dass ich den Plan an die Akademie zu wechseln auch in die Tat umgesetzt habe. Dort war es sicherlich Laurids Ortner, für den ich später auch in Köln gearbeitet habe.

Das erste realisierte Projekt: Grenzlandtheater Aachen (realisiert 2017), hier der Blick ins Foyer. Foto ©Carsten Pesch

Du sprachst eben von „Lebensmodell“, was meinst Du damit und was hat Dich angesprochen?

MW: Bei allen drei vorher genannten war es nicht nur die fachliche Kompetenz, die mich angesprochen und inspiriert hat. Sie alle üben den klassischen Beruf aus, das definiert auch mich in meiner Arbeitswelt und darüber hinaus bin ich, genau wie sie, an der Hochschule tätig. Aber es gibt auch Eigenschaften, die weit über die Profession hinausgehen, wissbegierig sein, oder besondere menschliche und soziale Kompetenzen.

 

Wie habt Ihr Euch denn überhaupt kennengelernt? Ihr habt an unterschiedlichen Hochschulen studiert und auch nie im selben Büro gearbeitet?

FK: Michael hatte sich auf eine an unserem Lehrstuhl ausgeschriebene Stelle beworben. Sein Portfolio war sehr „luftig“ gestaltet, aber er war uns gleich sympathisch. Was für Ansgar und Benedikt Schulz, die damals die Vertretungsprofessur am Lehrstuhl Baukonstruktion innehatten, den Ausschlag gab, war der künstlerische Hintergrund, den er von der Akademie mitbrachte.

MW: Ich habe Fritz das erste Mal bei der Mittagspause in der Mensa erlebt.

 

Wie kam es zu der Idee, ein gemeinsames Büro zu gründen?

FK: Die gemeinsame Arbeit am Lehrstuhl brachte uns 2015 auf die Idee, zu viert das Büro NEW zu gründen, auch um eine engere Verknüpfung der Bereichen Lehre und Bürotätigkeit zu etablieren.

MW: Unsere Verbindung geht auf eben jene gemeinsame Assistenz am Lehrstuhl Baukonstruktion an der TU Dortmund zurück. Ich selber war in einer Phase, in der ich meine Arbeitssituation ändern wollte, da kam die Idee ein gemeinsames Büro in Dortmund zu gründen, genau richtig. Und es lag nahe das gemeinsam anzugehen. Wir waren bereits am Lehrstuhl ein gutes Gespann, und es war sehr spannend, die gemeinsame Arbeit auch auf einer anderen Ebene auszuprobieren.

Denkmalpfad Kokerei Zollverein (in Bearbeitung 2017-2022) Isometrie der Kokereistraße ©NEW

 

Habt Ihr eine architektonische Haltung?

FK: Naja, 2018 ist das mit der eigenen Haltung nicht mehr so ein Thema. Früher gab es zum Beispiel Ungers- oder Böhmschüler, Konstruktivisten oder Dekonstruktivisten. Abgrenzungen waren vielleicht damals wichtig, warum auch immer. Heute ist es ja auch in anderen Disziplinen zu beobachten, wie sich die Strömungen vermischen. Wir verfolgen kein Dogma und grenzen uns nicht ab, sondern verfolgen verschiedene Interessensstränge. Was uns allen gemein ist: Ein kritisches Verhältnis zur Autorenarchitektur.

MW: Wir haben uns nie zusammengesetzt, um darüber zu diskutieren, „wie wollen wir Architektur machen?“. Trotzdem gibt es natürlich bestimmte Architekten, die uns besonders beeindrucken und Gebäude, die wir besonders schätzen. Und es gibt Themen, die uns umtreiben: Einfachheit ist so ein Stichwort, Handwerklichkeit, materialgerechter Einsatz und die Liebe zum Detail.

 

Was war Euer erstes Projekt unter eigenem Namen?

MW: Wenn es um unser erstes realisiertes Projekt geht, dann ist es das Grenzlandtheater in Aachen. Das war eine ganz lange Geschichte, geprägt von großer Ungewissheit, um ein ganz kleines Projekt. Wir konnten den Wettbewerb durch eine Kombination von interessantem Vorschlag und günstigem Angebot für uns entscheiden und haben ganz viel Herzblut und Schweiß darauf verwendet, es auch bauen zu dürfen. Der Ratsbeschluss hat dann sehr lange auf sich warten lassen, und plötzlich musste der gesamte Umbau innerhalb von acht Wochen in der Spielpause 2017 über die Bühne gehen. Was auch geklappt hat.

FK: Es war ein offenes, nicht anonymes Verfahren mit vorgeschalteter Bewerbung und Ideenskizze. Ein ungewöhnliches Verfahren mit internationaler Besetzung im grenznahen Aachen. Ein schönes Beispiel für einen wirklich guten Bauherrn und umtriebigen Intendanten, der eine sehr genaue Vorstellung davon hatte, was er für das Projekt erreichen konnte.

 

Denkmalpfad Kokerei Zollverein (in Bearbeitung 2017-2022), Station 01 AUFTAKT, Collage ©NEW

 

 

Und was kam danach?

FK: Wir wussten, dass man uns nach dem ersten realisierten Projekt die Bude einrennen wird. Und mussten feststellten, dass genau das nicht passierte. Wir haben natürlich gemerkt, dass wir an Souveränität gewonnen haben, da wir gezeigt hatten, ein Projekt im Zeit- und Kostenrahmen realisieren zu können, aber in Folgeaufträgen hat sich das erste Projekt nicht niedergeschlagen.

MW: Parallel zur Bearbeitung des Grenzlandtheater haben wir einen Wettbewerb für die ehemalige Kokerei Zollverein, den „Denkmalpfad Kokerei Zollverein“ gewonnen. Hier werden Ausstellungskuben in und auf der gigantischen Batterie des Koksofens entstehen. Die erste von fünf geplanten Stationen soll hier bis Sommer 2019 fertiggestellt sein.

 

Betreibt Ihr direkte Akquise:

MW: Akquise machen wir wie alle anderen auch, möglichst breit aufgestellt. Auch wenn bisher alle Aufträge über Wettbewerbe kamen, wären wir mit einem privaten Bauherrn nicht unglücklich.

FK: Nie macht man irgendetwas umsonst, auch wenn es nicht immer einen unmittelbaren Effekt hat. Das konnten wir kürzlich in Aachen sehen, wo wir einen Wettbewerb für einen Schulbau, an dem wir per Losverfahren teilnehmen konnten, für uns entscheiden konnten. Das erfolgreich fertiggestellte Theaterprojekt schafft in diesem Zusammenhang eine Vertrauensgrundlage für den Auftraggeber.

Stadtquartier Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort (WB-Erfolg September 2018 gemeinsam mit Ortner und Ortner und KRAFT.RAUM. Landschaftsarchitekten) Lageplan©NEW

 

Was wünscht Ihr Euch denn für die Akquise?

FK: Wir wünschen uns mehr offene Wettbewerbe und transparente Verfahren! Gutes Beispiel ist das offene internationale Verfahren für das Konzerthaus Nürnberg, wo wir als junges Büro eine Anerkennung erreichten und im Übrigen ein junges lokales Büro mit einem herausragenden Beitrag gewonnen hat. Wir sind also scheinbar näher dran, im Überregionalen ein Hundertmillionenprojekt zu planen, als in unserem Umfeld an einem Verfahren für eine Kindertagesstätte beteiligt zu werden. Da bekleckert sich auch die Stadt Köln nicht gerade mit Ruhm. Aber momentan können wir uns die Wettbewerbe noch aussuchen, die erfolgversprechend sind.

 

Das könnt Ihr Euch natürlich leisten, weil Ihr als zweites Standbein die Hochschule habt.

FK: Ja und nein, natürlich bildet die Hochschularbeit die Basis, ohne die wir uns dem Wettbewerbsgeschäft nicht so frei widmen könnten, denn Alltag und Miete sind durch die Lehre bezahlt. Anderseits bringt die Hochschule auch eine Zeitbegrenzung in unseren Alltag. Durch die Wettbewerbe kommt ja immer wieder auch Preisgeld rein, und wir merken, dass wir auch immer schneller werden.

MW: Der Schulterschluss mit der Hochschule räumt uns die Freiheit ein, innerhalb der für uns zugänglichen Wettbewerbe auswählen zu können. Nur wenn die Auslobung präzise und gewissenhaft erarbeitet wurde, haben wir die Möglichkeit eine passgenaue Lösung anzubieten und auch eine reelle Chance zu gewinnen. Bei einer unpräzisen Aufgabenstellung unterliegt das Wettbewerbsergebnis stärker dem Zufallsfaktor.

 

Wo wollt Ihr hin, was wollte Ihr bauen?

MW: Wir sprechen immer scherzhaft von unserem Kulturportfolio, weil es da halt schon mehrfach geklappt hat, vielleicht zufällig, aber vielleicht liegt es auch daran, dass uns das Thema Kulturbau eben besonders interessiert. Aber festgelegt sind wir überhaupt nicht und können uns für kleine oder große Bauaufgaben gleichermaßen begeistern.

 

Und die Bürostruktur? Klein und fein, inhabergeführt oder das Dreibuchstabenbüro?

MW: Wir haben ein Dreibuchstabenbüro (lacht) sind aber keins. Auch wenn wir uns darüber noch nicht wirklich ausgetauscht haben, aber ich glaube niemand von uns sieht uns als die Erben von gmp.

FK: Für mich ist nicht die Größe die Frage, sondern die inhaltliche Ausrichtung muss stimmen. Wer weiß, was noch alles kommt. Zurzeit bearbeiten wir gerade zwei ganz unterschiedliche Wettbewerbe: Ein Gemeindehaus im ländlichen Bayern und das Zechengelände Friedrich Heinrich in KampLintfort gemeinsam mit Ortner und Ortner. Letzteres ist natürlich ein ganz anderer Maßstab, ein ganz anderes Planungsareal. Das beschreibt ganz gut, dass es uns nicht darum geht einen bestimmten Maßstab zu bedienen, sondern eine Aufgabe dazu zu nutzen, Antworten zu finden.

Böcke aufstellen, Türblätter drauf! Büro-Panoramafoto, NEW, Dortmund Foto ©NEW

 

Warum sollte man als junger Architekt / als junge Architektin ein eigenes Büro gründen? Lohnt es sich das Risiko auf sich zu nehmen?

MW: Aus unserer Sicht lohnt es unbedingt. Es natürlich eine Typfrage. Wenn man Interesse am Selbermachen hat und die Dinge vorantreibt, dann ist das ein Beruf, der dies gut ermöglicht. Aber der Stressfaktor selbstständig zu sein, ist ungleich größer, und nicht für jeden wiegt er die gewonnenen Freiheiten auf. Wäre ich jetzt 20 Jahre Mitarbeiter eines Büros, hätte ich vom Wissensschatz des Büros profitieren können, so müssen wir uns die Strukturen selber erarbeiten.

 

Ihr habt seit drei Jahren ein eigenes Büro. Was ratet Ihr jungen Architekten die jetzt überlegen den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?

FK: Gemeinsam zu zweit zu dritt und so früh als möglich selber machen! Böcke aufstellen, Türblätter drauf, Wettbewerbe machen und schauen was passiert!

 

Das Interview mit NEW Friedrich Keuthen und Michael Weichler führte Barbara Schlei

 

 

Zur Person, zum Büro

NEW GbR
Stockumer Straße 475
D-44227 Dortmund

Friedrich Keuthen geb. 3.Dezember 81 in Köln
Studium: 2001 – 2009, RWTH Aachen

Michael Weichler geb. 7.Oktober 81 in Düsseldorf
Studium: PBSA Düsseldorf 2006-2009 / Kunstakademie Düsseldorf 2009-2013

Bürogründung 2015, gemeinsam mit Ansgar und Benedikt Schulz

Mitarbeiter: 2
www.newnew.eu

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