Der monolithische Baukörper der Annakirche © Inge von der Ropp

Architekt Rudolf Schwarz verwendete alte Steine für eine neue Form des Kirchenbaus in Düren.

Köln ist nicht die einzige Stadt, die mit Narben der Nachkriegszeit zu kämpfen hatte. Talentierte Architekten füllten auch in umliegenden Kleinstädten das städtebauliche Vakuum nach den Zerstörungen mit modernen Ideen. Rudolf Schwarz, einst Generalplaner des Wiederaufbaus in Köln, verewigte sich in Düren 1956 mit dem Neubau einer traditionsträchtigen Pilgerkirche in der Innenstadt – der Annakirche.

 

Innenraum der Kirche © Nathalie Gozdziak

 

 

Die Bauaufgabe war keine leichte, denn die Bevökerung trauerte dem gotischen Bau der alten Annakirche sehr nach, die einst dort stand und 1944 beim Angriff der Alliierten völlig zerstört wurde. Übrig geblieben ist ein großer Trümmerhaufen, den Schwarz buchstäblich in eine moderne Kirche verwandelte. 

 

Südseite der Annakirche © Nathalie Gozdziak

 

 

Seit dem 16. Jahrhundert ist die Annakirche in Besitz des Annahauptes, einer Reliquie der heiligen Anna, die jährlich zahlreiche Pilger anzieht. Den Spagat zwischen moderner Architektur, kirchlichen Symbolen und dem Besucherstrom der Pilger löst Schwarz mit seinem monolithischen Bau vorbildlich, jedoch für viele Dürener zu seiner Zeit gewöhnungsbedürftig.

 

Die Rautenstruktur der Betonbalken erlaubt eine flexibel Anpassung an polygone Grundrisse © Nathalie Gozdziak

 

 

Bei einem Spaziergang vom Marktplatz zur Annakirche präsentiert sich der Bau erstaunlichen abweisend. Eine harte Mauer trennt den sakralen Raum vom geschäftigen Treiben der Einkaufsmeile. ‚Klagemauer‘ nannten einst böse Zungen diesen Schwarz’schen Minimalismus. Den Kirchenbau und den Turm trennte Schwarz vollständig voneinander.

 

Ein typisches Element der Architektur von Rudolf Schwarz © Nathalie Gozdziak

 

Die Anforderung, dass der Bau für eine kleine Gemeinde nicht zu groß und doch eine große Schar an Pilgern aufnehmen können sollte, löste er mit der L-förmigen Aufteilung in Haupt- und Nebenschiff. Der Raum, der sich zwischen den beiden Bereichen aufspannt, dient als Pilgerhalle. Diese erhält trotz direkter Anbindung an den Kirchenraum dank niedriger Decke und einer Stützen-Aufteilung eine Intimität, die durch das Element der Kuppel mit Glasbausteinen eine mystische Stimmung erhält. Wer schon mal das MAKK in Köln besucht hat, wird dieses Gestaltungsmittel wieder erkennen. 

 

Taufbecken © Nathalie Gozdziak

 

 

Inhaltlich emanzipiert sich Schwarz vom zu Beginn des 20. Jahrhunderts typischen Aufbau einer katholischen Kirche, der eine Trennung des Chorraumes von der Gemeinde vorsieht. In der heutigen Annakirche steht der Altar in der Mitte des Podests, der Pfarrer wendet sich zur Gemeinde hin – keine Selbstverständlichkeit für damalige Zeiten.

 

Der monolithische Baukörper der Annakirche © Inge von der Ropp

 

 

 

 

 

 

Doch nicht alles an der Annakirche bricht mit alten Traditionen. Die Fassade aus rötlichem Bruchstein wie wir sie heute sehen besteht zu zwei Dritteln aus dem Schutt der alten Kirche. Das Ausführen statisch wirksamer Wände aus unbehauenen Steinen war für die Handwerker eine Herausforderung, da sie es gewohnt waren mit neuzeitlichem Material zu arbeiten. Angesichts des Zeit- und Kostendrucks in höheren Leistungsphasen heutzutage erscheint es schwer vorstellbar, dass die Handwerker damals Exkursionen zu Burgen unternahmen, um von den alten Mauern etwas für ihre Baustelle zu lernen. Das romanische Südportal, das als einziges nennenswertes Element in den Trümmern stehen blieb, wurde dokumentiert und behutsam rekonstruiert.

 

Der Turm der Annakirche © Nathalie Gozdziak

 

 

Die für Kirchenbauten typischen Rosette interpretierte Schwarz in Form eines Lebensbaums neu. Auch hier forderte der Architekt die Handwerker heraus, indem er das Bild eines Lebensbaumes mittels einer speziellen Schichtung der Steine entstehen ließ. Die Früchte symbolisierte er mit Alabasterscheiben mit braun-grauer Maserung, durch die morgens die Sonne den gesamten Kirchenraum flutet. 

 

Der ‚Lebensbaum‘ symbolisiert durch geschichtete Steine © Nathalie Gozdziak

 

 

Gute Architektur möchte gepflegt und erhalten werden. Das Büro Paulssen und Schlimm aus Aachen leitet aktuell Renovierungsarbeiten, bei denen Decken, Wände und Fassade gereinigt und die historischen Lampen von Rudolf Schwarz gewartet und auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden.

Ab Dezember kann somit die Annakirche ungehindert von Besuchern besichtigt und bestaunt werden. Wer nicht genug vom Charme der 50er Jahre hat, dem sei ein Besuch des hübschen Weihnachtsmarktes am Fuße des postmodernen Rathauses in Düren aus dem Jahr 1959 von Denis Boniver empfohlen.

von Nathalie Gozdziak

 

 

Quelle: Erwin Gatz, St. Anna in Düren, 1972

Mit bestem Dank an Pfr. Hans-Otto von Danwitz der Pfarre St. Lukas.

 

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