Entwurfsbesprechung der unkonventionellen Art in der Linie 9 - Sebastian Quiel (links im Bild) und Eugenio D Catalano @CATALANOQUIEL

Demokraten mit Liebe zum Handwerk

Wie definiert man Arbeitsplatz in der heutigen Zeit? Gibt es überhaupt den einen Arbeitsplatz und wo findet der wahre gedankliche Austausch statt? Etwa in einer Kölner Straßenbahn? Im Falle von CATALANOQUIEL stimmt das sogar. „Wir haben viele Entwürfe besprochen, Entscheidungen getroffen, Planübergaben gehabt und das geschah alles in der Linie 9. Wenn wir also irgendetwas unser Büro nennen können, dann ist es sicherlich die Straßenbahn.“ So erklärt Eugenio D Catalano die überraschende Kulisse des Portraitfotos. Wer über diese außergewöhnliche Antwort schmunzelt, darf auf ihre Vision einer demokratisierten Arbeitswelt des Architekten gespannt sein.

 

Die denkmalgeschützte Fassade wird bewahrt – Wettbewerbsbeitrag Realisierungswettbewerb 
 ‚Das Neue Buddenbrookhaus Museum‘ in Lübeck @Catalanoquiel, Gerit Yonny Godlewsky, Frederic Schnee und Nisaan Uthayakumar 

 
 

Wie seid ihr zur Architektur gekommen?

Sebastian
Ich habe schon als Kind gerne gebastelt und Möbel gebaut, daher war für mich ziemlich früh klar, dass ich Architektur machen werde.
Eugenio
Bei mir war das absolut nicht klar. Es gab in meiner Vergangenheit keine Berührungspunkte mit der Architektur. In meiner Familie, die in den 60er Jahren als Gastarbeiterfamilie nach Deutschland kam, gingen die Berufszweige eher in Richtung Gastronomie und dem einfachen Handwerk. Ein Teil meiner in Italien lebenden Familie arbeitete in der Modebranche für Valentino, was mich schon immer sehr faszinierte.
Bis zu meinem Abitur lag meine Leidenschaft jedoch im mathematischen Bereich und
mein damaliger Plan sah ein Mathematikstudium in Aachen vor. Auf dem Rückweg von einer Gastvorlesung liefen wir, wetterbedingt, durch das Reiff Museum der Architekturfakultät, wo einige Studienarbeiten ausgestellt worden sind – das war mein erster Berührungspunkt mit der Architektur.

 

Welche Berufserfahrungen habt ihr unmittelbar nach dem Studium gesammelt?

Eugenio
Ich habe bereits während des Studiums ein Praktikum in Wien bei juri troy architekten absolviert, in einem kleinen Büro mit Zweitsitz in Vorarlberg und dem Schwerpunkt auf Holzbau. Unmittelbar nach dem Diplom habe ich bei Juri weitergearbeitet, bis ich dann nach Köln gekommen bin. Von Juri habe ich jede Menge gelernt. Neben dem dort erworbenen Architekturwissen konnte ich mich auch persönlich enorm weiterentwickeln, was mir in der Absolventenphase frisch nach dem Studium fast noch wichtiger erschien. Grundsätzlich hat mich die Arbeit in verschiedenen Büros und die damit verbundenen Baustellenbesuche wissenstechnisch viel weiter gebracht als die Studienjahre.
Sebastian
Das sehe ich auch so. Man hat an der Uni vielleicht 5% dessen gelernt, was man später als ausführender Architekt oder Bauleiter wirklich braucht, wenn überhaupt. An der Uni lernt man hauptsächlich komplexe Zusammenhänge zu entwerfen. Da wir aber nun viel auf Baustellen unterwegs sind und viel Zeit in die Ausführungsplanung investieren, ist es tatsächlich so, dass man das meiste im Berufsalltag und im wahren Leben lernt.

 

Das Volumen hinter der historischen Fassade des Buddenbrook-Museums beweist Mut zu einfachen, klaren Formen @Catalanoquiel, Gerit Yonny Godlewsky, Frederic Schnee und Nisaan Uthayakumar 

 
 

Ihr habt euch für ein gemeinsames Büro zu zweit entschieden – wie kam es dazu?

Eugenio
Wir hatten unabhängig voneinander jeweils eine Anfrage. Sebastian von seinem Schwiegervater und ich von einem Bekannten. Wir haben uns eines Morgens zehn Minuten vor der Arbeit verabredet – Sebastian wollte mich um eine Zusammenarbeit für sein Projekt bitten und mit der gleichen Bitte kam ich zu ihm. Es war ein absoluter Zufall.
Wir haben uns zu Beginn nicht zugetraut, das jeweilige Projekt alleine anzugehen. Ich wusste, dass ich Sebastian brauche und er wahrscheinlich, dass er mich braucht, … nehme ich mal an. (Sebastian lacht)
Sebastian
Ich hatte auch immer die Idee, dass wenn man ein eigenes Büro gründet, dann zu zweit. Wir waren zu der Zeit gemeinsam in einem Büro in Köln angestellt und wenn wir zusammen an etwas gearbeitet haben, dann hat das super geklappt. Ich glaube, dass das eine gute Grundlage ist.
Eine gute Kommunikation ist in der Architektur elementar. Man muss ständig im Gespräch und Diskurs bleiben. Man kann sich meiner Meinung nach nicht bei Allem alleine durchbeißen.

 

Bei euren Projekten gibt es viele Kooperationen. Ihr habt einige Wettbewerbe beispielsweise mit Frederic Schnee gemacht. Seht ihr einen Vorteil in Kooperationen?

Eugenio
Ja, definitiv. Kooperationen sind ein wichtiger Baustein unseres Bürokonzeptes.
Wir arbeiten nicht in einem physischen Büroraum und werden es vielleicht auch nie. Es gibt da lediglich diese Cloud, ein paar Apps und eine synchronisierte digitale Bürostruktur die wir nutzen, um arbeiten zu können. Im Grunde können wir von überall aus arbeiten und kommunizieren, was eine Zusammenarbeit mit Kollegen aus Österreich, Luxembourg , Spanien etc. möglich macht. Das ist eine Sache, die wir auch gerne weiterführen möchten.
Sebastian
Zusammenarbeiten wie mit Frederic Schnee haben zudem das Potenzial, dass es jemanden gibt, der die vorherige Konstellation mit etwas füllt, das vorher vielleicht gefehlt hat. Im Büro löst man sowas, indem man kurzfristig freie Mitarbeiter dazu holt. Bei uns sind die Konstellationen einfach freier.

 

 

Ihr saniert aktuell ein Gründerzeithaus in Solingen, das diesen Sommer fertiggestellt wird. Könnt ihr über Erfahrungen und Herausforderungen berichten?

 

Sebastian
Angefangen hat es als relativ kleines Projekt mit etwa 600qm Wohnfläche, 6 Wohneinheiten und sollte eigentlich aus dem Bestand heraus mit relativ wenig Aufwand saniert werden, sodass man es wieder vermieten kann. Wir haben angefangen den Bestand zu erforschen und sind auf immer mehr einzigartige und erhaltenswerte Strukturen gestoßen, sodass alles ein wenig komplizierter wurde. Schritt für Schritt haben wir entdeckt, dass man etwas richtig Tolles daraus machen kann und sind gemeinsam mit dem Bauherrn am Projekt gewachsen.
Eugenio
Was wir vor allem in Solingen gelernt haben ist, dass es durchaus möglich ist etwas Schönes und Funktionierendes für wenig Geld zu schaffen. 
Allerdings geht das nur mit intensivem Zeitinvestment in der Planung und auf der Baustelle.
Diese Zeit, die ein Architekturbüro dafür investieren muss Miete, Personal und Weiteres zu zahlen, kann und will ein normaler Bauherr jedoch nicht stemmen. Daher gilt in den meisten Fällen: schnell und günstig. 
Da wir digital aufgestellt sind und das Modell der Kooperation fahren, sparen wir uns enorm viele Fixkosten. Diese Tatsache und ein zweites Standbein ermöglichen uns Projekte frei und ohne jeglichen Druck zu bearbeiten. Wir investieren so viel Zeit in das Projekt, bis unsere Werte an die Architektur und den Bestand erfüllt sind. Das ist das, was uns Spaß macht und uns erfüllt. Es geht heute um sehr viel mehr als den Raum vermietbar zu machen. Es geht um Nachhaltigkeit, um ressourcenschonendes Bauen und um die Vermittlung von Werten in der Architektur.
Sebastian
Das zweite Standbein gilt nur für Eugenio. Ich mache das Vollzeit und deswegen muss ich auch davon leben. Trotzdem ist es unser gemeinsames Ziel, uns und die Architektur nicht von dem im Büro üblichen finanziellen Druck beeinflussen zu lassen.

 

Das ehemalige Firmengebäude der „Cartonnagen-, Etuis- und Messerbeutelfabrik“ aus dem Jahr 1898 steht in einer gründerzeitlichen Straße nahe der Solinger Innenstadt @CATALANOQUIEL

 
 

Wie gestaltet sich die Zukunft von Catalanoquiel?

Eugenio
Sollten wir mit der Zeit wachsen, würden wir versuchen das Büro nicht im klassischen Sinne zu strukturieren. Wir wünschen uns ein freies, vertrauenvolles und selbstständiges Büroklima ohne Hierarchien, Anwesenheitspflichten und Kontrollen. Wir würden den Aufbau gerne genauso wie viele moderne Start-Ups gestalten. Jeder soll in Bezug auf Entscheidungen, Entwurf und Planung integriert und gleichgestellt sein. Wir würden alles transparent halten und eine projekt- und leistungsorientierte Struktur aufbauen wollen. CATALANOQUIEL ist der Anfang und kann dann auch zu Catalanoquielschneemeyermüller…oder so ähnlich werden. 
Ein großer Traum ist es irgendwann selbst Bauherr zu sein und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. In Zeiten der wachsenden Miet- und Baupreise, Konsumgier und persönlicher Bereicherung ist mein Ziel ein sich selbst finanzierendes Gebäude zu entwickeln, um Menschen mit geringem Einkommen eine schöne Unterkunft zu bieten: ein Zuhause.
Sebastian
Die Zukunft ist ziemlich offen. Wir möchten schöne Dinge gestalten, die nicht als bloße Geldmaschine funktionieren. Wenn wir die Möglichkeiten haben damit zu wachsen ist das schön, aber es kann genauso gut sein, dass wir in zehn Jahren immer noch zu zweit oder zu dritt sind, aber dennoch schöne Architektur geschaffen haben.

 

 
 

Habt ihr diese Haltung aus euren Erfahrungen in der Arbeitswelt entwickelt?

Sebastian
Das Angestelltenverhältnis hat immer etwas mit Beeinflussung zu tun. Die Ideen kommen von ganz oben und die anderen müssen es lediglich abarbeiten. Es entsteht das Gefühl, dass man ausgenutzt wird.
Eugenio
Hierarchien und Kontrollen sind in der Arbeitswelt absolut nicht mehr zeitgemäß, in Architekturbüros allerdings leider noch immer gang und gäbe. Darunter leidet die Motivation. Warum kann kein System funktionieren, in dem alle gleichgestellt sind? Wir sehen uns nicht als geniale Köpfe an der Spitze, die sich persönlich verwirklichen, sondern als Teil der Kommunikation zwischen allen Beteiligten.

 

Im Inneren ergänzen sich alte Tragstrukturen und ein minimalistischer Ausbau gegenseitig @CATALANOQUIEL

 
 

Läuft eure Akquise gut?

Sebastian
Die funktioniert bisher hauptsächlich über Empfehlungen.
Eugenio
Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen hat uns mal gesagt, dass wir leben sollen, wenn wir selbstständig Architektur machen wollen. Sein Wortlaut war: ‚Geht raus, verreist, holt euch Inspiration, seid hilfsbereit und einfach ihr selbst. Euer Gesprächspartner in der Bar ist der potentielle Bauherr, nicht der Professor, der euch im Studium bewertet.‘
 Diesen Rat habe ich mir zu Herzen genommen. Wir haben einen großen Freundes- und Familienkreis und es kommt regelmäßig vor, dass unsere Leistungen bzw. unsere Hilfe benötigt werden und wir glücklicherweise weiterempfohlen werden.
Was uns allerdings besonders freut sind Empfehlungen von ehemaligen Arbeitgebern und befreundeten Architekten, die arbeitsmäßig überlastet sind oder Anfragen aufgrund von ungünstigen Standorten ablehnen müssen. 
Empfehlungen von Kollegen sind in unserem Beruf sehr rar und damit umso wertvoller. An dieser Stelle nochmal vielen Dank an Herwig Spiegel von AllesWirdGut Architekten aus Wien und Bernd Kusserow von Damrau Kusserow Architekten aus Köln!

 

Neue fließende Räume, ohne den Bestand zu negieren – diese Sprache spricht die Sanierung des Solinger Firmengebäudes @CATALANOQUIEL

 
 

Ihr habt offensichtlich ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft – habt ihr auch eine architektonische Haltung?

Eugenio
Unsere architektonische Haltung hat sich aus der Sanierung in Solingen heraus entwickelt.
 Genauso wichtig, wie es ist, eine Zusammenarbeit auf eine menschliche Art und Weise zu führen, müssen auch der Bestand und die Architektur respektiert werden. Wir fühlen uns mit dem Bauen im Bestand am Wohlsten. Zum Einen hat man etwas, dass man analysieren, lesen, verstehen kann und auf historische Spurensuche gehen kann und zum Anderen hat man die Möglichkeit zu zeigen, dass man die gebaute Struktur respektiert. Wenn wir eine Wand sehen, die wir aus grundrisstypologischen Gründen entfernen müssten, überlegen wir uns das drei Mal. Wir sehen nicht nur die Wand als Element, sondern auch die Arbeit die dahinter steckt. In dieser Wand steckt menschliche Arbeit. Warum sollten wir so respektlos sein und diese Wand grundlos entsorgen, gerade in einer Zeit, wo uns die Ressourcen ausgehen?
Außer es gibt einen triftigen Grund. Wir sind keine Architekten, die auf die Baustelle kommen und mit zehn Jahren Berufserfahrung allen diktieren, was sie zu machen haben. Es gibt Firmen, die haben 30, 40, vielleicht 90 Jahre Erfahrung auf ihrem Gebiet und wir können sehr viel von ihnen lernen.

 

Badezimmer einer Wohneinheit im Gründerzeitbau Solingen @CATALANOQUIEL

 
 

Sebastian
Im Bestand steckt so viel Geschichte, es haben so viele Menschen darin gelebt, daran gearbeitet und überlegt – was unglaublich faszinierend ist. Da steckt so viel drin, womit man weiterarbeiten kann.
Die Bauwirtschaft tut heutzutage genau das Gegenteil. Jeder am Bau Beteiligte würde empfehlen abzureißen und neu zu bauen. An so einer Stelle versuchen wir immer sofort dagegen zu wirken. Alte Teile zu erhalten und sichtbar zu machen, ist deutlich atmosphärischer als sie einzupacken.
Eugenio
Ich habe an der RWTH in Aachen Architektur als Showing-Off erlebt. Bauen im Bestand habe ich erst während meiner Praxis als Architekt zu schätzen gelernt.
Sebastian
Das war bei mir tatsächlich anders. Diese Haltung habe ich sehr stark aus meinem Studium an der Bauhaus-Universität in Weimar mitgenommen.

 

 

Wenn man euch mit drei Schlagwörtern definieren müsste, würden euch die Begriffe Respekt, Einfachheit und Demokratisierung gerecht werden?

(beide lachen)
Sebastian
Ja, das trifft es ziemlich gut. Einfachheit ist mir vor allem wichtig. Das absolute Ideal in meinen Augen ist die Berghütte. Sie ist auf das Wichtigste reduziert: Regenschutz, Kälteschutz, Schlafen und Essen. Daraufhin ist sie optimiert und nicht ein Schalter mehr, denn die Materialien auf den Berg zu bringen, ist bereits kompliziert genug.

 

Eugenio D Catalano (links im Bild) und Sebastian Quiel @CATALANOQUIEL

 

 

Das Interview mit CATALANOQUIEL führte Nathalie Gozdziak

 

  • CATALANOQUIEL Architekten
  • Zülpicher Str. 183, D-50937 Köln
  • mail@catalanoquiel.de
  • www.catalanoquiel.de
  • Instagram: @catalanoquiel
  • Schwerpunkt: Bauen im Bestand, Sanierung, Wohnbau
  • Bürogründung: 2016
  • Geschäftsführer: Eugenio D Catalano, geb. 1986, Studium an der RWTH Aachen und TU Wien und Sebastian Quiel, geb. 1978, Studium an der Bauhaus-Universität Weimar

 

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