Der Neubau im gewachsenen Gefüge, links und rechts Dürener Kleinteiligkeit, gegenüber die historische Stadtmauer © Foto Peter Hinschläger

Das Papiermuseum in Düren arbeitet sich an die Grenzen des Materials heran

Salat im Museum erscheint vielleicht genauso abwegig wie zeitgenössische Architektur in Düren. Doch der Raum zwischen Aachen und Köln ist, genauso wie das Museum, längst kein Vakuum mehr. Warum sollte dort also nichts gedeihen? Warum die Kuratorin Carolin Kaiser aber ausgerechnet Salat angekündigt hat, klären wir später.

Düren ist die deutsche Papierstadt. Seit Jahrhunderten versteht man sich hier, dem weichen Wasser der Rur sei es gedankt, auf die Herstellung von Papier. Doch an den Glanz der einst reichen Industriestadt erinnerte seit den massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges lange kaum etwas. Eine Ausnahme bildete das 1905 eröffnete Leopold-Hoesch-Museum mit seiner neobarocken Opulenz. Zunächst ein „gemischtes Museum“, das von den Schenkungen und Sammlungen seiner Mäzene profitierte, ist es nun ein städtisches Kunstmuseum, das in den 80er Jahren begann, mit der Papierkunst einen neuen Schwerpunkt aufzubauen. Die dort von 1986-2005 ausgerichtete Internationale Biennale PaperArt ließ eine umfangreiche Sammlung entstehen, die jedoch in einer hinterrücks gelegenen ehemaligen Ölhandlung kaum angemessen untergebracht war.

 

Schräge Nachbarschaften © Uta Winterhager

Leichtes Spiel

Klaus Hollenbeck (Köln) wurde von der Stadt Düren nach überzeugenden Vorstudien direkt mit dem Neubau und der Erweiterung des Papiermuseums beauftragt und unterzog den Bestand einer vollständigen baulichen wie auch szenografischen Neugestaltung. Denn nicht nur die Papierkunst, auch die Geschichte, die Produktion die Weiterverarbeitung des Materials sollten publikumswirksam und zeitgemäß dargestellt werden. Das Papiermuseum hat seinen Platz an der Ecke eines Blocks einfacher Nachkriegswohnhäuser. Nur eine schmale Anliegerstraße trennt diesen von der Kehrseite des 2010 von Peter Kulka quasi monolithisch erweiterten Leopold-Hoesch-Museums. Leicht sollte die neue Erscheinung sein, sich abheben, darin war man sich schnell einig. Wie eine Origami-Figur scheint das neue Papiermuseum nun seine Form und Stabilität aus der Faltung des Materials zu generieren, kühn reckt sich die Spitze empor als versuche sie Kulkas Erker zu kitzeln.

 

Ansicht auf die Eingangsseite des Papiermuseums – links das Leopld-Hoesch-Museum mit dem Anbau von Peter Kulka © Hollenbeck Architektur

 

Werkstoff und Bild

Papier ist die Gebäudehülle nur in der Anmutung, unter dem strahlend weißen Putz verborgen, ist Beton für den Neubau und eine Stahlkonstruktion vor dem Bestand – nur eine schmale vertikale Fuge verweist auf das Konglomerat hinter den Schrägen. Tief in das Material eingeschnitten sind drei Öffnungen: zwei hochgelegene Fenster, der Eingang weit und nicht zu verfehlen.

 

 

Der Schriftzug darüber Ton in Ton, aber glatt auf rau im Putz, ist gleich einem Wasserzeichen so lesbar, wie das Licht es erlaubt. Darunter ein Punktenebel, die gleiche Information in Braille-Zeichen. Niemand wird sie dort oben ertasten können, doch geben sie den Sehenden einen Hinweis darauf, dass Düren eben auch eine lange Tradition als „die Stadt der Blinden“ hat und sowohl das Museum als auch die Ausstellung allen Bedürfnissen entsprechend barrierefrei geplant wurden.

Wasserzeichen und Braille-Schrift auf der neuen Fassade, im Hintergrund die Museumserweiterung von Peter Kulka © Foto Peter Hinschläger

 

Zweigeschossig und in der Fläche fast verdoppelt, verfügt das Museum mit nun 900 qm BGF neben der Lobby und der multifunktional nutzbaren Paperlounge über eine kompakte Fläche für die Dauerausstellung. Gemeinsam mit expo2508 (BONN) haben die Architekten eine schlüssige und vielfach interaktive Dramaturgie entwickelt, die der scheinbar so trockenen Materie einen ungeahnten Charme verleiht. Es werden „Geschichten“ erzählt, die „Wertschöpfung“ lädt neben der Theorie auch zur Papierherstellung an der Schöpfbütte ein, „Visionen“ zeigt, was Papier heute schon kann und für morgen verspricht, „Ordnung“ inszeniert die Schnittstelle von analog und digital und „Künste“ bietet Raum zur Präsentation von Werken aus der Sammlung der Museen, ein Platz, den sich Günther Uecker und Gjertrud Hals zur Eröffnung teilen.

 

Fundstück aus der Pressemappe, eine von fünf Postkarten, gedruckt auf fünf unterschiedlichen Dürener Papieren

Raum zur Entfaltung

Selten nur bietet sich Architekten die Möglichkeit, ein Projekt so ganzheitlich durchzudenken. Von der städtebaulichen Figur, über Räume und Mobiliar, die sowohl thementreu wie barrierefrei und als außerschulischer Lernort geplant wurden, bis zur Beantwortung der Frage, was soll gezeigt werden und in welchem Kontext, haben die Bauherren den Gestaltern hier große Freiheiten gelassen, Neues zu wagen und Ideen konsequent zu verfolgen. Konsequent ist natürlich auch, dass es in diesem Haus keine Eintrittskarte geben wird, sondern ein kleines Büchlein (aus Dürener Papier, in Düren gedruckt!), das zu einem individuell gestalteten Souvenir werden kann.

Und wer den Salat sucht, der wird ihn irgendwann hoffentlich auf dem Mulchpapier unter den „Visionen“ wachsen sehen.

 

Uta Winterhager

 

Bilder der Ausstellung fügen wir ein, sobald sie uns vorliegen.

 

Papiermuseum Düren Wallstraße 2-8, 52349 Düren museum@dueren.de

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen  10 bis 17 Uhr

Donnerstag zusätzlich von 17 bis 19 Uhr

 

Eröffnung 9. September 2018 – Eintritt frei bis 16. September!

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