Frederic Schnee hat mit 32 Jahren bereits sein erstes Werk in China realisiert. Statt mit Traditionen zu brechen, greift er diese subtil und stilsicher auf. ©Frederic Schnee

Ein junger Kölner sorgt für frischen Wind im fernen China

Frederic Schnee ist eine bescheidene Person. Er spricht mit leiser Stimme und er drängt sich nicht auf. Dabei hat er viel zu sagen, denn sein in Kürze fertiggestelltes Hofhaus in China wurde bereits auf Plattformen wie Designboom, Domus und Dezeen publiziert. Den Wurf ins kalte Wasser als junger deutscher Architekt im fernen Osten hat er dank seiner zurückhaltenden Art gepaart mit souveränem Humanismus gemeistert. Obwohl er erst seit kurzer Zeit Architektur praktiziert, sticht der 32-Jährige stark aus der Masse junger Architekten hervor.

 

Tradition trifft Moderne – Frederic Schnee nennt sein 2018 in Peking realisiertes Erstlingswerk ‚Peach House‘ ©Frederic Schnee

 

Wie bist du zur Architektur gekommen?

Durch Zufall. Ich wollte mich nicht auf eine Auffassung limitieren. Da ich ein breites Spektrum an Interessen habe, hätte ich unter anderem Umständen auch eine ganz andere Richtung einschlagen können. Ich kann mich für ein Thema schnell begeistern und habe dann den Ehrgeiz mich intensiv mit einer Thematik auseinanderzusetzen. Architektur als Profession ermöglicht mir gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, meine Interessen zu vertiefen und eigene Ansätze zu entwickeln.

 

Der Typus des Hofhauses hat eine lange Tradition in der chinesischen Baukultur. ©Frederic Schnee

 

 

 

Gab es einflussreiche Lehrer/Mentoren oder große Ideen?

Reisen halte ich für essentiell zur eigenen Entwicklung und zum Verständnis von Ereignissen im globalen Kontext. Das Verstehen von anderen Kulturen hilft neue Impulse für das Wahrnehmen von Architektur und für das Herausbilden ihrer Prinzipien zu empfangen. Die Verantwortung von Architekten und der Aspekt des Transfers und Austausches von Wissen scheint mir immer offensichtlicher und wichtiger. Junge Architekturbüros, die eine Hinwendung zu regionalen Typologien, zum ortsspezifischen Kontext und zur Wiederentdeckung traditioneller Handwerkstechniken aufweisen, interessieren mich sehr. Sie unterscheiden sich dadurch von großen Planungsbüros, die von elementaren Zusammenhängen oftmals losgelöste spektakuläre und spekulative Bauten errichten. Die derzeitige Tendenz im Wohnsektor aus gemeinschaftlichen Initiativen, ob Baugruppen oder anderen Modelle der Selbstorganisation, verfolge ich mit großem Interesse.

 

Alt und Neu nebeneinander ©Frederic Schnee

 

 

Gibt es Architekten, die diese Vorgehensweise in deinen Augen konkret vorleben?

Ich habe zwei Jahre in China gearbeitet und mir ist aufgefallen, dass es dort immer mehr junge Architekten gibt, die sich mit vorhandenen Strukturen und den traditionellen Bautechniken befassen. Diese waren bei den verschiedenen Architekturausstellungen der letzten Jahre stark vertreten. Viele dieser jungen Architekten agieren in der vorhandenen Bausubstanz chinesischer Großstädte, die sie auf die Abläufe und Aneignungsprozesse der Bewohner genau studieren, um im Anschluss diese räumlichen und sozialen Zusammenhänge in Architektur weiterentwickeln. In den letzten zwei Jahren habe ich mit Architekturstudenten, die ich an der TH Köln betreue, Masterexkursionen nach China begleitet und wir haben uns viele dieser Projekte vor Ort gemeinsam angeschaut.

 

Fassade des angrenzenden Bestandsgebäudes ©Frederic Schnee

 

 

 

Inwiefern beeinflusst dich deine Arbeit an der Hochschule als Architekt?

Bei 60 bis 80 Stunden pro Woche Arbeit im Büro hat man keine Zeit, sich mit theoretischen Themen zu befassen. Nun habe ich die Zeit die ich brauche, um mich umzuschauen was aktuell geschieht, publiziert und gebaut wird. Das hat natürlich auch Einfluss auf das, wie ich Architektur praktiziere und ist der Grund, warum ich zurück an die Hochschule gehen wollte.

 

 

Wo hast du deine ersten Berufserfahrungen gesammelt?

Ich habe sowohl in kleinen als auch in großen Architekturbüros Erfahrung sammeln können, wo die Arbeitsphilosophie und Herangehensweise sich sehr differenzierten. So konnte ich mir ein Bild machen und eine Präferenz für die kleinen, flexibel agierenden Büros entwickeln. Das Arbeiten im Ausland und die Baukultur in den verschiedenen Ländern wo ich gewohnt habe, ermöglichten mir Architektur und Urbanismus nicht nur zu erleben, sondern zu verstehen und kritischer die Profession und das eigene Arbeiten zu betrachten.

 

Längsschnitt durch Bestand und Neubau ©Frederic Schnee

 

Was war das erste Projekt unter eigenem Namen?

Das erste gebaute Projekt war ein Hofhaus im Norden Pekings, wo ich zunächst eine umfassende Vorstudie und Dokumentation des Bestands gemacht habe. Das Landhaus in Nordchina ist eine interessante Wohnform und ein Bautyp, der das Ergebnis eines langen Prozesses ist, der Interaktion zwischen der gebauten Form und den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnissen und Gewohnheiten der dortigen Bevölkerung ausdrückt. Das Ziel war ein Gebäude zu entwerfen, indem der Hof angehoben wird, um Raum für ein neues, notwendiges Geschäft im Erdgeschoss zu schaffen. Das ursprüngliche Erdgeschoss wurde zudem abgesenkt und eine neue Decke in das bestehende Gebäude für das neue Obergeschoss gezogen. Die Raumaufteilung des neuen Grundrisses entspricht dem typischen Hofhaus in Nordchina, wobei im Prozess immer wieder Komplikationen wegen der Berücksichtigung der Prinzipien des Feng Shui auftauchten. Ein Aspekt, mit dem ich nicht vertraut war und deswegen das Projekt auch kulturell sehr lehrreich war.

 

Treppenraum im Inneren des Hofhauses ©Frederic Schnee

 

Beeinflusst Feng Shui in China die Architektur ganz anders als in Westeuropa?

Vereinfacht gesagt ist Feng Shui eigentlich ein Prinzip, dass wir hier in Europa sowieso beim Planen anwenden, wenn wir beispielsweise unsere Gebäude nach einer bestimmten Himmelsrichtung ausrichten oder Belichtung, Zugänge und Raumorganisation ausloten. Für uns ist es selbstverständlich, diese Prinzipien zu verfolgen, nur verwenden wir nicht den Begriff des Feng Shui dafür. Schwierigkeiten hatte ich mit Raster, Orientierung des Gebäudes und der Verortung von Öffnungen. Wenn man sich nicht an diese Regeln hält, machen Bauherren und Handwerker auf dem Bau auch nicht mit.

 

Schlafzimmer mit Fenster zum Hof ©Frederic Schnee

 

Wie hat die Zusammenarbeit beim Hofhaus funktioniert?

Ich habe Pläne angefertigt, aber die Kommunikation war aufgrund der sprachlichen Barriere teilweise schwierig, so auch der Fakt, dass Bauarbeiter unsere typischen Pläne nicht lesen konnten und deshalb musste ich viel Zeit vor Ort sein. Teilweise habe ich auf dem Boden Details skizzieren müssen, einzelne Steine gesetzt und vorgemacht, wie ich es mir vorgestellt habe.

 

Waschraum ©Frederic Schnee

 

Das Projekt wird in Kürze fertiggestellt. Was hast du daraus für dich gelernt?

Obwohl man lang studiert und Erfahrungen in Büros sammelt, lernt man sehr viel von Handwerkern vor Ort. Man muss Vertrauen haben, betrachten und abschauen. Man schlägt als Architekt was vor und oft haben sie einen Gegenvorschlag, bei dem man einsehen muss, dass dieser sinnvoll ist.

 

 

Ist Köln ein guter Standort für junge Architekten wie dich?

Der Standort ist für mich gar nicht so relevant. Ein Ort an dem man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt befindet, betrachte ich als eine Etappe. Wo man arbeitet und wie man arbeitet sollte etwas Flüchtiges sein. Zukünftig sollte der Standort an dem man arbeitet nicht nur eine Neuerung des formalen und informellen Raums sein, denn er erfordert eine tiefgreifende Herausforderung der Art, wie wir Arbeit an einem Standort verstehen und mit ihm interagieren. Mit der Erscheinung von flexibleren Arbeitszeiten verbringen die Menschen weniger Zeit in ihrem Büro. Man braucht Räume, die das Arbeitsleben tatsächlich bereichern und verbessern. Wir wissen bereits, dass Menschen zu bestimmten Tageszeiten kreativer sind und dass Umweltreize die Zusammenarbeit verstärken können.

 

Was auf den ersten Blick wie Zufall wirkt, wurde mühevoll geplant und ausgeführt. ©Frederic Schnee

 

Mit welchen Herausforderungen siehst du die neue Architekturgeneration konfrontiert?

Ein demografischer Wandel findet in ganz Europa statt, wo Architekten und Stadtplaner die soziale Integration sicherstellen und die Verantwortung für die Quartier- und Stadtentwicklung tragen müssen. Zudem ist ein Paradigmenwechsel gesellschaftlicher Werte festzustellen, der sich auch in der Architektur beobachten lässt und Architekten auffordert partizipative Prozesse zu initiieren. Die Qualität des städtischen Lebens muss durch eine gestärkte Beziehung zwischen dem privatem und öffentlichem Raum gesteigert werden. Die urbane Stadt muss durch eine konsequente Nutzungsmischung gestärkt werden, die eine soziale Schichtung gewährleistet und Menschen aus den verschiedensten Einkommensgruppen räumlich zusammenleben lässt.

 

Blickbezug in die Umgebung vom Hofhaus ©Frederic Schnee

 

Warum ein eigenes Büro gründen? Lohnt sich das?

Da ich kein eigenes Büro führe, würde ich für die Zukunft das Zusammenarbeiten, das je nach Situation in wechselnden Partnerschaften mit Architekten und Experten aus den verschiedensten Disziplinen an Projekten entsteht, befürworten. Aus der Arbeitsweise resultierend könnten gemeinschaftliche Prozesse und Projekte mit Berücksichtigung auf ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit und auf gesellschaftliche Hintergründe basierend, realisiert werden.

 

Hat deine Arbeit eine Handschrift, die dich von anderen unterscheidet?

Zunächst möchte ich ein paar mehr Projekte realisieren, dann weiß ich mehr.

 

Das Interview mit Frederic Schnee führte Nathalie Gozdziak

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