Martin Wendling vor Haus 13A © Foto: Ben van Skyhawk

Loslegen und konsequent weitermachen bis das Bild stimmig ist

Deutz lässt mich staunen, als ich mit Martin Wendlig in seinem Büro verabredet bin. An einem Freitagmorgen im Sommer ist es hier so friedlich, als wäre die Zeit vor längerem – als die Welt noch vollkommen in Ordnung war – einmal stehengeblieben. Mit der Großspurigkeit der Messe, der MesseCity und dem Konglomerat aus LanxessArena und Technischem Rathaus hat dieser so beschauliche Teil von Deutz nichts zu tun. Etwas irritiert, weil ich fürchte schon fast wieder am Rheinufer zu stehen, schaue ich mich in der Arminiusstraße um – wo ist dieser weiße Neubau mit der Durchfahrt und dem dahinterliegenden Wohnhaus der Familie Wendling… doch der Architekt hat mich längst gesehen. Lässig steht er in Arbeitsmontur auf der Leiter am Fenster seines aktuellen Projektes auf der gegenüberliegenden Seite und beobachtet die suchende Autorin. Lange lässt er mich nicht zappeln, dafür ist er zu nett, aber der Spaß sei ihm gegönnt!

Nach einer kleinen Tour durch Haus und Hof und die Geschichte dieses unglaublich idyllischen Teils von Deutz, landen wir zum Gespräch an dem großen Tisch im Esszimmer.

 

Landgewinn im Hinterhof – Haus 13A von WENDLINGARCHITEKTUR © Foto: Ben van Skyhawk, Mannheim

 

Wie bist du zur Architektur gekommen?

Zuerst bin ich durch meinen Vater mit der Architektur in Berührung gekommen, er ist seit 35 Jahren freischaffender Architekt, ebenso wie meine Tante. Meine tatsächliche Leidenschaft, die mich auch heute antreibt, ist jedoch während meines ersten Semesters an der Hochschule entstanden, als ich durch meinen Professor Uwe Schröder einen sehr eigenen Blick auf die Architektur und ihre Möglichkeiten kennengelernt habe.

 

Materialzitate, Haus 13A von WENDLINGARCHITEKTUR © Foto: Ben van Skyhawk, Mannheim

 

Gab es einflussreiche Lehrer/Mentoren oder große Ideale?

Ja, da gab es verschiedene, die mich vor allem dadurch inspiriert haben, in welchen Bezügen ein Gebäude zu seiner Umwelt steht und wie dies durch eine eigene, wiedererkennbare Handschrift unterstrichen wird. Architektur ist nicht nur ein Haus zu bauen, sondern es ist gleichzeitig Philosophie, Soziologie, Politik und Verantwortung für die Gestaltung unserer Umgebung. Zu meinen Vorbildern, oder Mentoren, gehörte beispielsweise mein Gestaltungslehreprofessor Cord Machens, der ein Freigeist mit einem unheimlich breiten Wissensspektrum ist. Den theoretischen Hintergrund zur Gestaltungslehre habe ich in den inspirierenden Vorlesungen in Architekturtheorie von Uwe Schröder, später dann bei Andreas Denk, schätzen gelernt. Und in der Entwurfslehre prägten mich Uwe Schröder, Paul Böhm und Nikolaus Bienefeld, die alle sehr unterschiedlich und auf ihre Art und Weise besonders arbeiten. An allen diesen Vorbildern hat mich vor allem die Konsequenz der eigenen Haltung beeindruckt, sowie der Wille einer anspruchsvollen Gestaltung, von dem Entwurf bis zur Ausführung.

Was war dein erstes unter eigenem Namen realisiertes Projekt?

Das war ein kleines Einfamilienhaus in Bergisch Gladbach. Bis zum Einbau der Fenster lief es richtig gut, doch dann hat der Bauherr sein Haus von Außen komplett anders verputzen lassen als von mir geplant, er hat vor seinen Eingang in Eigenregie eine Art Vordach aus dem Baumarkt gestellt und die Außenanlagen in Eigenarbeit mit zwei Hilfskräften angelegt. Nach wie vor finde ich den Entwurf des Hauses, die Grundrisse und die Innenräume gut, aber mein gestalterischer Ansatz wurde nicht konsequent zu Ende gebracht. Das war meine erste und leider niederschmetternde Erfahrung mit einem Bauherrn.

 

Kopfbau – Haus 13 in Deutz, WENDLINGARCHITEKTUR © Foto: Ben van Skyhawk

 

Was hast du daraus gelernt?

Heute würde ich ein solches Projekt von Anfang an anders steuern. Ich würde meine Position und meine Arbeitsweise klarer zu Beginn des Projekts darstellen. Vielleicht würde ich für denjenigen heute auch gar nicht mehr unbedingt bauen wollen.

 

Das heißt, du kannst dir deine Bauherren inzwischen auszusuchen?

Das würde ich so nicht sagen, auch wenn ich heute meine im Voraus erkennen zu können, mit wem ich ein Projekt glücklich und gemeinsam zu Ende bringen kann. Aber so wähle ich mir meine Bauherren nicht aus. Ich versuche für jeden zu bauen und mit jedem Budget zu bauen. Mir ist es auch wichtig für Leute mit begrenztem Budget zu bauen und neben großen Projekten auch kleinere Aufgaben zu lösen, sei es eine Garage oder nur eine Trennwand. Mir kommt es darauf an, meinen Bauherren etwas Vernünftiges zu entwickeln.

 

Kannst du deine architektonische Haltung – vielleicht an einem aktuellen Projekt – kurz erläutern?

Für mich ist es wichtig ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, für wen und wo ich baue. Ich möchte zusammenhängende Bezüge schaffen, damit ein Ort lebendig wird und nicht wie zusammengestückelte Fremdkörper wirkt. Es geht darum zu erkennen, was man einem Ort vorfindet, welche Typologien oder Regelmäßigkeiten es gibt, an denen man sich orientieren kann. Ich fühle mich von der Herangehensweise vieler Rationalisten und auch Traditionalisten sehr angesprochen. Ich würde mich jedoch nicht als konsequenten Rationalisten oder Traditionalisten bezeichnen, da mir die strenge Einordnung in eine Kategorie widerstrebt. Meine Herangehensweise und meine Haltung sind immer unmittelbar mit der jeweiligen Aufgabe verknüpft. Ich strebe für meine Arbeit eine zeitgenössische, sensible konzeptionelle Herangehensweise an und sehe mich gleichzeitig in der Verantwortung traditioneller Prinzipien und wertbeständiger Materialität. Das oberste Ziel meiner Arbeit ist das Schaffen ästhetischer Räume mit einem hohen Aufenthaltswert.

 

Backsteindetails verweisen auf die Schule von Uwe Schröder, Haus 13A, WENDLINGARCHITEKTUR © Foto: Ben van Skyhawk

 

Geben dir deine Aufträge/Projekte die Möglichkeit zu zeigen, was du kannst, dir ein Profil zu erarbeiten?

Es geht um die einfachen Dinge beim Bauen. Ich kann zu einem Nachbarhaus einen Bezug aufnehmen, indem ich beispielsweise auf die Art des Sockels antworte und ähnliche Materialien oder Farben verwende, um diese dann wiederum individuell auszuloten.  Ich versuche immer meinen Bauherren zu vermitteln, dass es schöner ist ein stimmiges Bild zu erzeugen, als sich mit etwas völlig anderem zu profilieren.

Mein eigenes Haus ist eine sehr lebendige Visitenkarte. Ich habe es konsequent so gebaut, wie ich es haben wollte und wie es sich in die Umgebung einfügt. Wenn jetzt jemand kommt, der Gefallen daran findet und etwas ganz Ähnliches haben möchte, ist das für mich ein großes Lob.

 

Musst du noch aktiv Akquise machen?

Untätig sein, sollte kein Architekt. Aber ich bin auch niemand, der im Karnevalsverein rumklüngelt. Ich halte mich nur dort auf, wo ich mich wohlfühle, dort wo ich nette, anständige Leute finde. Es hilft unheimlich, wenn man dort, wo man lebt und arbeitet gut vernetzt ist, wenn man Präsenz zeigt, und sich am Diskurs vor Ort beteiligt.

Zur Akquise nutze ich mehrere Kanäle, pflege natürlich auch meine Internetseite, öffne mein eignes Haus am Tag der Architektur und freue mich, wenn es in einer Veröffentlichung zum Thema nachhaltige Wärmedämmung vorgestellt wird. Meine besten Referenzen aber sind meine Bauherren und die Handwerker, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite. Wenn man relativ viel baut, wird die Akquise irgendwann zum Selbstläufer, denn der Prozess des Bauens fasziniert die Leute.

 

Ihr lebt hier im alten Teil von Deutz in einer fast dörflichen Struktur, aber dennoch mitten in einer Metropole. Ist Köln dadurch der richtige Standort für dein junges Büro?

Ja, der Dorfcharakter ist hier wirklich noch sehr ausgeprägt. Nachbarn, die sich kennen, bei denen man den Gartenschlauch ausleihen kann, die nette Nachbarin, die unserer Tochter einen Kinderriegel schenkt. Zum Brötchenholen dürfen wir die Abkürzung durch den Garten der anderen Nachbarn nehmen und der Spielplatz, für den ich eine Patenschaft übernommen habe, ist direkt neben unserem Haus. Aber andererseits ist die Bühne, die die Großstadt mir und meiner Architektur mit ihrem Angebot an Medien und verschiedenen Präsentationsmöglichkeiten bietet, ungeheuer wichtig. Diese zwei Welten in einer Stadt vereint kommen meiner Art zu leben und zu arbeiten sehr entgegen.

 

Würdest du heute einem Absolventen dazu raten ein eigenes Büro gründen?

Ich würde ich zunächst einmal fragen, was denn genau sein Ziel ist.

 

Der Flur als konsequente Achse, Haus 13A, WENDLINGARCHITEKTUR © Foto: Ben van Skyhawk

 

Was war denn 2013 dein Ziel?

Ich wollte möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen und zeigen, dass ich die Dinge, von denen viele sagen, dass man dafür erst ein paar Jahre auf dem Markt sein muss, schneller realisieren kann. Ich habe genau das gemacht, was scheinbar unmöglich ist und als erstes Projekt mit meinem eigenen Büro unser eigenes Einfamilienhaus und das dazugehörige Vorderhaus mit vier Mietwohnungen gebaut. Mit etwas Glück haben meine Frau und ich ein Grundstück von der Stadt kaufen können und dann einfach losgelegt. Dass ich Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten hatte und das Risiko eingegangen bin, ist heute ein Grund, warum der ein oder andere sagt, dem können wir auch unser Haus anvertrauen… unser Geld. Denn letztendlich geht es ja darum.

 

Und was würdest du heute als dein Ziel nennen?

Ich würde gerne mal einen ganzen Block bauen, einen relativ differenzierten Wohnblock, selbst wenn es dann nur ein Viertel von einem Block wäre, wäre es auch schön. Denn ein Block vereint alle Aspekte, ist Straßenraum, Hof und Wohnung, ist öffentlich und privat. Einen Block vom Städtebau bis zum Möbeldetail komplett durchzuplanen, das wäre durchaus ein Traum, den ich gerne umsetzen würde.

 

Interview: Uta Winterhager

 

Zur Person, zum Büro

  • Martin Wendling
  • Geboren 1983 in Bergisch Gladbach
  • Studium 2004-2010 an der FH Köln (Diplom), davon 1 Semester an der RWTH Aachen
  • Büroname: WENDLINGARCHITEKTUR
  • Schwerpunkt: Wohnungsbau
  • Keine Büropartner
  • Bürogründung 2013

 

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Eine Reaktion auf “NEUE ANSÄTZE – Martin Wendling”

  1. Horst Winkler

    allerdings hat das haus den großen nachteil, auf strassennievau völlig verfehlt zu sein. diese strassen, eher gassen, in deutz sind unglaublich eng, was seinen charme hat. allerdings muss man da dann auch unten was bieten, sonst ist das städtebaulich in etwas so fehlerhaft wie die ganzen bauten der 60/70er in den engen strässchen einiger kölner viertel, die auf strassenniveau öde garagen aneinanderreihen…

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