Detail des Kreuzes auf der Altarwand © Foto Stefan Schilling

Die Sanierung der Heilandkirche in Bonn, Lorber Paul legen Otto Bartning wieder frei

Die 1955 erbaute Heilandkirche in Bonn-Mehlem gehört zum Spätwerk des Architekten und Architekturtheoretikers Otto Bartning (1883-1959). Bekannt wurde er, der sein Studium in Berlin ohne Abschluss beendet hatte, durch seine zahlreichen Kirchenbauten. Ein Aufsehen erregendes Werk war die 1928 auf dem Gelände der Pressa in Köln errichtete Stahlkirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Bartning Leiter der Bauabteilung des Evangelischen Hilfswerks in Neckarsteinach und entwickelte zwei Serienkirchenprogramme. Er entwarf drei Typen von Notkirchen, von denen 43 (andere Quellen nennen über 100) zwischen 1947 und 1953 in ganz Deutschland gebaut wurden, um den Mangel an gottesdienstlichen Räumen, der durch die Kriegszerstörung und den Zuzug von Flüchtlingen entstanden war, mit schnellen und einfachen Mitteln zu beseitigen. Das Grundmodell der Notkirche wurde in Leichtbauweise aus vorgefertigten Einzelteilen errichtet und ließ sich lokalen Bedürfnissen einfach anpassen. Obschon sie nur als Provisorien geplant waren, haben die meisten dieser Kirchen bis heute Bestand.

 

Ansicht der Heilandkirche in Bonn Mehlem, vorne das eingeschossige Foyer, dahinter erhebt sich der Kirchenraum © Foto Paul Ott

 

Die Bonner Heilandkirche war keine der seriellen Notkirche mehr, obschon auch hier Betonfertigteile und ein einfaches Holzdach Verwendung fanden. Doch wirkt die ungewöhnliche Kubatur des Gotteshauses auf dem L-förmigen Grundriss in jenem den Fünfziger Jahren eigenen Duktus trotz aller Bescheidenheit modern und elegant.

Grundriss der Heilandkirche, Zustand nach der Sanierung © Lorber Paul Architekten

 

Zurück zu den Anfängen

Nur war das Gebäude nach zahlreichen Um- und Einbauten in die Jahre gekommen, Bartnings klare Gliederung, seine Lichtführung und der von ihm gewünschten Raumeindruck waren vielfach überschrieben und dadurch vollkommen unlesbar geworden, und der Raum hatte seine Qualitäten eingebüßt. So lobte die Gemeinde 2015 einen Wettbewerb für die Sanierung und Neugestaltung der Kirche aus, den das Kölner Büro Lorber Paul Architekten mit einem ebenso sensiblen wie mutigen Entwurf für sich entschied.

 

Kirchenraum und Andachtsraum treffen mit einer runden Ecke aufeinander © Foto Stefan Schilling

 

Der Kirchenraum ist heute licht und klar und somit das Abbild eines zeitgenössischen Kirchenkonzeptes. Lorber Paul ließen zunächst alles entfernen, das den Raum beschnitt, den Lichteinfall hemmte oder Barrieren bildete. So wurde die nicht länger benötigte Orgelempore zurückgebaut, der Zugang in der Höhe und Breite vergrößert und die hölzernen Eingangstüren durch gläserne ersetzt. Der Altarbereich wurde in der Tiefe erweitert, so dass er der Gemeinde mehr entgegenkommt und dafür in der Höhe von fünf auf drei Stufen reduziert. So entsteht ein einheitliches Niveau von Altarraum und Andachtsraum, der in dem kürzeren der beiden Schenkel und somit seitlich des Altars liegt. Über eine Rampe, die in den Altarbereich integriert wurde, sind alle Bereiche der Kirche barrierefrei zugänglich. Anstelle von Kirchenbänken werden Kirchenraum und Andachtsraum nun frei bestuhlt, so dass – wie die evangelische Kirche es erlaubt – verschiedene, auch profane Nutzungen möglich sind.

 

Der Andachtsraum wurde mit der Sanierung besser integriert, der neue Fußboden aus Pietra Santa liegt hier und im Altarbereich © Foto Stefan Schilling

Das Wesentliche zeigen

Der Schieferboden des Kirchenschiffs konnte erhalten werden, den Bereich der Bestuhlung markiert eine eingelegte hölzerne Fläche, darunter befindet sich nun eine Fußbodenheizung. Den neu gestalteten Altarraum und den Andachtsraum verbindet ein neuer hellgrauer Natursteinboden aus Pietra Serena. Auf diese Weise wird die Differenzierung der Raumbereiche deutlich und die räumliche Verschränkung des Andachtsbereichs mit dem Kirchenraum gestärkt.

Bei genauer Betrachtung sind es gar nicht so wenige Elemente, mit denen Bartning seinen Kirchenbau gestaltet hatte, da sie jedoch integrale Bestandteile des Einwurfs sind und kein nachträglich appliziertes Dekor, drängen sie sich dem Besucher nicht auf. Nur waren diese leisen Töne mit den Jahren kaum noch hörbar. Eine Reihe schlanker Säulen trennt den Sitzbereich von der Erschließung, abstrakt gestaltete Fensterbänder mit buntem Glas filtern das Tageslicht und eine runde Ecke markiert die Position des Altarbereichs an der Schnittstelle der beiden unterschiedlich langen Schenkel. Lorber Paul mussten nur weniges hinzufügen, vielfach genügte es, das Vorhandene wieder heraus zu arbeiten. So zeichneten sie die Rundung mit einer Rampe und einer in der Kehle zwischen Wand und Decke laufenden Lichtvoute nach, um sie und damit den gesamten Altarbereich zu betonen. Die Stirnwand hinter dem Altar ziert nun ein großes Kreuz, eine bewegt erscheinende Struktur aus in die Fugen der Ziegelwand eingelassenen, angerosteten Stahllamellen.

 

Der weiter Raum verträgt eine künstlerische Gestaltung der Prinzipalstücke und des Kreuzes auf der Stirnwand hinter dem Altar © Foto Stefan Schilling

 

Kirchenraum mit Mehrwert

Die von Lorber Paul aus Eichenholz gestalteten Prinzipalstücke, Altar, Ambo und Taufbecken, verbindet die Verwandtschaft ihrer Form, die leicht und beweglich wirkt, als ob sie ihre Stabilität wie eine papierene Origamifigur allein aus der Faltung generiere.  Tatsächlich sind die Prinzipalstücke durch steckbare Unterkonstruktionen und abnehmbare Oberteile mobil und können je nach Nutzung des Altarbereichs durch zwei Personen einfach verschoben werden.
2017 erhielten Lorber Paul eine Anerkennung bei der Auszeichnung guter Bauten des BDA Bonn/Rhein-Sieg. Dabei würdigte die Jury „den sensiblen und in ihrer Sprache angemessenen Umgang mit dem Baudenkmal und das Zurücktreten vor dem Ursprungsverfasser. Als besonders wohltuend wurde empfunden, dass die Architekten (außer vielleicht bei der Gestaltung des Altares) auf modische oder zeitgemäße Attitüden verzichten und das Haus im minimalistischen Sinne von Otto Bartning weiterentwickelt und zu neuem alten Leben erweckt haben.“

 

Uta Winterhager

 

 

 

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