Schöner Scheitern

Bekenntnisse aus der Kellerbar: Liebe und Scheitern in der Architektur#2

In lockerer Folge lädt der BDA Köln zur Reihe welovearchitecture – unterhaltsame Abende zu und über Architektur, im Sinne einer Liebeserklärung. Als Thema eignet sich z.B. das Scheitern ganz hervorragend: Der Gescheiterte kann sich das Ganze noch einmal von der Seele reden, und der Zuhörer weiß, er ist in guter Gesellschaft. Sowas macht man natürlich am besten mit einem alkoholischen Getränk in der Hand. In der Kokett Bar, einem versteckten Kellerlokal ganz in der Nähe der Bahnhofsrückseite, gab es nun die zweite Bekenntnisrunde, nachdem schon vor einigen Jahren der erste Abend der Reihe dem Scheitern gewidmet war. Zwölf Beiträge zum Thema Bauchlandung waren zusammen gekommen.
Drei besonders amüsante seien hier stellvertretend nacherzählt:

Manchmal verliert man, und manchmal gewinnen die Anderen.

Seyed Mohammad Oreyzi von smoarchitektur entwickelt 2002 ein Hochhaus für Unter den Linden: das sogenannte Bubble Highrise, mit einer an Flüssigkeitsblasen inspirierten Außenhaut. Der Entwurf wird abgelehnt. Kurz darauf geht ein Mitarbeiter aus Liebeskummer nach Sydney und fragt an, ob er denn die Idee in seinem neuen Büro PTW noch einmal für einen Wettbewerb verwenden könne. Und siehe da: Was Herrn Stimmann in Berlin nicht zusagte, kann man heute als Beijing National Aquatics Center bewundern – für die Ursprungsidee gab es dann immerhin ein herzliches Dankeschön des Büroleiters.

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Was hat das Schwimmzentrum in Peking mit einem nicht gebauten Hochhaus Unter den Linden zu tun? Grafik: smoarchitektur
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Schwimmzentrum in Peking, Foto: Charlie fong für Wikipedia

 

„Wir waren jung und brauchten das Geld.“

Ein unkonventioneller, aber durchaus finanzstarker Bauherr, ein riesiges Grundstück auf dem Land: das ist der Stoff, aus dem die Träume jungen Architekten sind. Ungefähr so etwas wie das Farnsworth House sollte es schon werden, erzählt Frank Lohse von Lindner Lohse Architekten BDA, Dortmund. Allein, der Bauherr zeigt weniger Enthusiasmus, ihm schwebt eher „etwas Toskanisches“ vor. Am Ende ist es wohl eher ein Kapitulieren als ein Scheitern: Was der Bauherr eigentlich will und schließlich auch kriegt, ist ein schlichter Kasten mit rotem Walmdach. Jedem das Seine.

 

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Wunsch und Wirklichkeit! Die ambitionierte Zielvorstellung von Frank Lohse für sein Erstlingswerk… Foto: marco 2000 für wikimedia
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….und was schließlich daraus geworden ist. Foto: Google Maps

 

 

Das geklaute Haus

Reinhard Angelis Scheitern ist da von anderer Art: sein kluges Konzept wird durchaus gewürdigt und umgesetzt, oh doch. Wir schreiben das Jahr 1978, und da ist diese eine besondere Kommilitonin, die nun ausgerechnet nach Indien gehen will. Es entsteht die Skizze für ein Haus, das in optimaler Ausrichtung zu Windrichtung und Sonneneinstrahlung ein Maximum an Kühle verspricht. Aber auch noch so geniale Pläne können die Reisende nicht aufhalten. Die Jahre vergehen, die Anziehung nicht. Man bleibt im Kontakt. Über zwanzig Jahre später kommt von ihr eine Anfrage, aus der flüchtigen Skizze von damals wird ein fertiger Entwurf, aus dem Entwurf ein Haus, aus dem Haus eine Expertise, und aus der Expertise eine Professorenschaft. Herz und Haus gestohlen: wenn schon scheitern, dann auch richtig!

Erst geschenkt und dann gestohlen
Das geklaute Haus. Zeichnung: Reinhard Angelis

 

 

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Bekenntnisse in der Kellerbar: die Referenten… Fotos: Barbara Schlei

 

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…und gespannte Zuhörer. Fotos: Barbara Schlei

 

 

Ira Scheibe

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