Ausschnitt des Ausstellungsplakats von großgestalten, Köln © MAKK

SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag

System, von griech. systema ‚Zusammenstellung‘

 

Mario Bellinis Tetrax Stativ, ein Schweizer Taschenmesser, Boule-Kugeln aus den 20ern, Büromöbel von Olivetti, fischertechnik, das Bauhaus Schachspiel, Barnacks Leica von 1925, eine Espresso Kapsel, Kölschkästen (leere!), ein iPhone. Ach ja, und noch eine Burger-Schachtel aus Styropor. Auch leer.

Museum für Angewandte Kunst Köln, MAKK, Slg.Overstolzen, OV 95

Standardisierte und variierte Grundelemente: Bauhausschach, Josef Hartwig, 1925, MAKK © Foto: RBA Köln, Marion Mennicken

 

Nein, wir spielen nicht „Am Laufenden Band“, wir waren im Museum. Dort werden Systeme ausgestellt. Natürlich nicht irgendwelche, sondern Entwürfe von über 80 namhaften Designern. Aber auch viele anonyme Begleiter unseres Alltags.

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System für deutsche Wohnzimmer: Dieter Rams Regalsystem „606“ von 1960 © MAKK / Foto: Jonas Schneider, Gabriel Richter

„Der Systemgedanke beruht auf dem Wunsch, das Chaos dadurch zu bewältigen, dass wir eine überschaubare Anzahl von einzelnen Elementen verbinden und dadurch einen Zusammenhang herstellen,“ erklärt uns die Broschüre zur Ausstellung. Diese soll „die Genese des Systemgedankens im Design – vom Einzelobjekt zu Gesamtlösungen – spielerisch erfahrbar“ machen.

 

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Das Chaos bewältigen: Schalter- und Steckdosenserie „System 80“ von Wolfgang Dyroff, 1984 für den VEB Elektroinstallation Oberlind © Die Neue Sammlung – The International Design Museum Munich

 

Skizziert wird eine Entwicklung vom autonomen Objekt – etwa die Coca Cola „Urflasche“ von Alexander Samuelson von 1904 – über die Reihe – zum Beispiel gleiche Stühle in unterschiedlicher Größe – zum Programm. Marcel Breuers Stahlrohrmöbel für Thonet – unterschiedliche Elemente in einer einheitlichen Formensprache – bilden ein solches. Schafft man dazu standardisierte Grundelemente und wieder auflösbare Verbindungen, so habe man ein analoges System, siehe Lego Steine und USM Haller. In digitalen Systemen schließlich sei der Zusammenhang nicht mehr sichtbar, nur noch dem Nutzer erfahrbar.

 

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IBM brachte 1964 das Großrechnersystem 360 raus. “Systemdesign” spielt sich nun aber nicht mehr an Oberflächen und Formgebung ab. © IBM Corporation, Somers, New York

 

Die begleitenden Texte sind angenehm kurz und erhellend, nur dann und wann etwas überlastet. So fällt es dem Besucher möglicherweise schwer, bei einem Bild von IBM Großrechnern aus den 60ern die Reihe über „isometrische Darstellungen bei italienischen Systemdesignern […] bis zu den quadratischen Rastern bei […] Superstudio und den Bildern des ‚New Domestic Landscape‘[…] zur Bildersprache der italienischen Postmoderne“ nachzuzeichnen oder die „poetisch-ironische Brechung“ in Ingo Maurers Halogenleuchten auszumachen.

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Viele machen einen Kronleuchter: System von ineinandergreifenden Kristallglas-Elementen – „Giogali“ von Angelo Mangiarotti, 1967© Vetreria Vistosi

 

Das Systematisieren ist dem Menschen ein Grundbedürfnis und Systeme sind allgegenwärtig. Die Schau ist sehenswert dank ihres Konzeptes, den Systemgedanken von Design-Klassikern bis zu unauffälligen Alltagsbegleitern aufzuzeichnen.

Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog (deutsch/englisch) mit Beiträgen zu unterschiedlichen Aspekten des Themas (240 Seiten mit 180 größtenteils farbigen Abbildungen, für 24,90 Euro im Museum erhältlich.

 

Ira Scheibe

 

Vortrag

Donnerstag, 19. März 2015, 19 Uhr

„System: Design zwischen Chaos und Alltag“ von Dr. René Spitz, Kurator

Eintritt frei

 

Symposium

Freitag, 15. Mai 2015, 17 Uhr

„System: Design zwischen Chaos und Alltag“

Eintritt frei

SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag

20. Januar bis 7. Juni 2015

Museum für Angewandte Kunst Köln

An der Rechstschule 50667 Köln

 

 

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