Das Hans Sachs Haus in Gelsenkirchen ist der erster Ausstellungsort der vom M:AI und der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen entwickelten Ausstellung. Foto: Claudia Dreysse

Von Gewölben, Schalen, Kuppeln, Dächern und ihren Ingenieuren

In vierzig großen Dachkonstruktionen zeigt das M:AI noch bis zum 18. Dezember 2014 die Ausstellung »die 5. Ansicht«. Dächer sind meist starke bauliche Zeichen, repräsentative Abschlüsse von Bauwerken und konstruktive Herausforderung zugleich. Sie sind die fünfte Ansicht bei der Darstellung eines Gebäudes. Das M:AI zeigt die Ausstellung im Rahmen des 20jähigen Jubiläums der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen.
Die imposanten Gewölbe der gotischen Kathedralen zum Beispiel suchen die Nähe zum Himmlischen, die mächtigen Kuppeln des Barock demonstrieren Macht und Einfluss ihrer Erbauer. Die expressiven Dachformen der heutigen Architektur – hauchdünne Schalen oder leichte Membrankonstruktionen – sind Ausdruck von Innovationskraft. Dem Dach als „fünfte Fassade“ kommt damit eine herausragende Rolle zu. Ingenieure mussten und müssen neben der konstruktiven auch immer eine gestalterische Lösung finden. Viel zu oft allerdings bleibt ihre Arbeit im Verborgenen. Deshalb widmet sich die Show ihrer Tätigkeit, um das eine oder andere Geheimnis über Tragkonstruktionen zu lüften.

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Kleiner Sportpalast Rom; Luigi Nervi . Foto: Courtesy Pier Luigi Nervi Project Association, Brussels.

 

Dachlandschaften im Wandel der Zeit

Die Ausstellung gliedert sich in zwei Bereiche: Zum einen geht es um die Darstellung ausgewählter Projekte von der Antike bis in die 1970er Jahre. Rund 20 beispielhafte Bauwerke zeigen, wie sich Dachlösungen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Das119/125 n. Chr. fertiggestellte Pantheon in Rom als ältestes Beispiel für einen Dachsuperlativ besaß für mehr als 1700 Jahre die größte Kuppel der Welt. Die enormen Ringschubkräfte mussten durch zahlreiche bauliche Maßnahmen abgefangen werden – so über die starke Außenmauer, die über den Kuppelansatz hinausragt und zusätzliche stützende Abtreppungen. Bis heute ist es ein Rätsel, wie die Kuppel aus Opus caementitium letztendlich errichtet wurde. Da ist die Überlieferung für die Kuppel des Florenzer Doms (1436) schon präziser: Der Baumeister Brunelleschi erfand eine Vielzahl von Maschinen – Hebekräne und Winden – die die Arbeit in schwindelerregender Höhe möglich machten. Im Laufe der Industrialisierung kamen neue Materialen auf den Markt: Glas, Gusseisen, Stahl und immer neue Sorten von bewehrtem Beton, die eine neue Formensprache ermöglichten und damit weitere Herausforderungen für Ingenieure darstellten. Ein schönes Beispiel aus den 1970er Jahren ist die Dachkonstruktion des Münchener Olympiageländes: Aus Glas und Stahl gebaut hat sie dennoch die Anmutung einer biegsamen, gespannten Zeltstruktur.

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Das Hans Sachs Haus in Gelsenkirchen ist der erster Ausstellungsort der vom M:AI und der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen entwickelten Ausstellung. Foto: Claudia Dreysse

 

Der zweite Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit rund 20 Beispielen zeitgenössischer Architektur: Formen werden heutzutage immer experimenteller, beflügelt auch durch das Entwerfen am Computer. Ingenieure sind hier noch einmal besonders gefordert. Kulturbauten, Stadien, Messehallen, Flughäfen, Bahnhöfe – diese gigantischen Bauaufgaben suchen immer wieder nach Formen, die wesentlich durch die Dachkonstruktionen dominiert werden. Die Auswahl aller Projekte hat ein kleines Gremium aus erfahrenen Ingenieuren aus Nordrhein-Westfalen getroffen. Die Vielfalt von Materialien und möglichen Formen wird ansatzweise in der Ausstellung skizziert: Da ist zum einen die gläserne, stützenfreie Nur-Dach-Halle der Messe Leipzig mit der tragenden zylindrischen Gitterschale, unterstützt durch eine außen liegende Verspannung. Auch neue Formen mit dem uralten Baustoff Holz wie bei dem Metropol Parasol im Herzen von Sevilla werden in der Ausstellung skizziert. Und da der erste Ausstellungsstandort Gelsenkirchen ist, wird natürlich die Veltins Arena (Schalke Arena) thematisiert.

Autobahnkirche Siegerland

Autobahnkirche Siegerland, Architekten schneider+schumacher, Frankfurt . Foto: Jörg Hempel

 

Die knapp 40 Projekte in der Ausstellung erzählen die Geschichte ihrer Entstehung, sie beleuchten die Besonderheiten der jeweiligen Konstruktion und der Montage vor Ort. So erzählen die Projekte auch von den Innovationen und Leistungen ihrer Ingenieure. Herausragende Bauwerke aber sind immer das kongeniale Gemeinschaftswerk aller am Bau beteiligten, auch das verdeutlicht der Rundgang.
Empfehlung für die Besucher der Ausstellung: Kopf hoch, es gibt auch draußen viele spannende Dachlösungen zu entdecken!

Ein Team aus Nordrhein Westfälischen Ingeneuren traf die gezeigte Projektauswahl (Ewald Bubner, Wilfried B. Krätzig, Herbert Schmidt und Michael Fastabend). Sie alle sind weltweit an Projekten beteiligt und beantworten in acht kleinen und kurzweiligen Filmen Fragen zur Konstruktion von Schalen, zur Ausbildung von Ingenieuren und zur Wahrnehmung des Berufsstandes oder wie die Idee zum Dach des Münchner Olympiastadions entstanden ist. >>Fragen an:

 

Inhalt und Ort
Das Hans Sachs Haus in Gelsenkirchen als erster Ausstellungsort ist selbst ein anschauliches Beispiel für einen zeitgemäßen Dachabschluss: Es sieht zwar noch fast genauso aus wie 1927 als es – nach den Entwürfen des Architekten Alfred Fischer (1881 – 1950) gebaut – als Gelsenkirchener Büro- und Rathaus eröffnet wurde. Durchschreitet man heute die alte, dunkel gebrannte Backsteinfassade, betritt einen markanten Lichthof, mehrere Stockwerke hoch, um den Büroetagen und Sitzungssäle angeordnet sind. Entwickelt hat die neue „Innenarchitektur“ das Büro gmp Gerkan Marg und Partner.

Die Ausstellung ist im Lichthof vom 20. November bis 18. Dezember 2014 zu sehen. Öffnungszeiten: Mo – Fr 8 – 18 Uhr und Sa 8 -16 Uhr-
Postalische Adresse: Ebertstr. 11, Gelsenkirchen.

 

(red/bs)

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