Der Autor Niklas Maak. Foto: © Peter Hassiepen, München

Wir haben das Buch von Niklas Maak gelesen

Der FAZ-Redakteur und ehemalige Streiflicht-Autor der Süddeutschen Zeitung, Niklas Maak, hat ein neues Buch „Wohnkomplex – Warum wir andere Häuser brauchen“ (Carl Hanser Verlag) über das komplexe Themenfeld des Wohnens geschrieben.

Gleich zum Einstieg wird Ex-Bundespräsident Christian Wulff als prototypischer Einfamilienhausbesitzer präsentiert und sein Rücktritt auf die Kreditaufnahme für sein Eigenheim bei Hannover zurückgeführt. Das Haus auf dem Land, „das Krüppelwalmdach wie eine Mütze in die Stirn gezogen“, als Ursprung allen Übels und der Anfang vom Ende der Karriere.

 

Bauen als ökonomische Disziplin

In der Folge arbeitet sich Maak an dem sich in die Landschaft ergießenden „Siedlungsbrei“ der Vorstädte mit ihrer ästhetischen und räumlichen Verödung ab, wobei er den Hauptschuldigen daran in der Bauindustrie ausmacht, die mit ihren vorgefertigten rein ökonomisch ausgerichteten Konzepten maßgeblich für das triste Aussehen dieser Siedlungen verantwortlich ist: „Denn Bauen ist in den allermeisten Fällen eben keine primär ästhetische, sondern eine vor allem ökonomische Disziplin, was man den meisten Bauten leider auch sehr deutlich ansieht.“

In diesem ersten Teil des Buches spielt Niklas Maak seine Stärken als sprachgewandter Redakteur voll aus, und es macht regelrecht Spaß, dem Autor bei seiner gnadenlosen und scharfzüngigen, immer wieder sehr bildhaften Abrechnung mit dem seiner Ansicht nach überholten Ideal des Eigenheims auf dem Lande beizuwohnen. So spricht er von „mit Baumarktlametta individualisierten Serienbauten“ und der „ästhetischen Kakophonie“ der Vororte, in denen sich „ein ästhetisches Massaker“ ereignet.

Nicht nur das Dilemma der Vorstadt auch die Verödung, bzw. wie Maak es anschaulich nennt, die „Zombiefikation“ der Stadt mit ihren blutleeren Luxusimmobilien in bester Zentrumslage wie z. B. den „Kronprinzengärten“ in Berlin wird vom Autor treffend beschrieben und angeprangert. Allein wie er die mit diesen Investorenbauten verbundenen Werbefilme gekonnt seziert und die dargestellte Hochglanzidylle als Horrorszenario entlarvt, ist sehr vergnüglich zu lesen.

Auch wenn Maak sich in dem kurzen Abschnitt „Superobjekte“ über am Computer entworfene „bionische Monster“ und „Scheiblettenarchitektur“ auslässt, ist dies dank seiner plastischen Wortwahl sehr kurzweilig und für jedermann nachvollziehbar. Inhaltlich mündet dieser Exkurs in die berechtigte Frage, warum über architektonische Superzeichen so viel gesprochen und publiziert wird und die Orte und die Architektur des täglichen Lebens im öffentlichen Diskurs meist außen vor bleiben.

 

Von Celebration City über Fujimoto zum Neanderthaler

Nach diesen pointierten Betrachtungen zum Wohnen im Spannungsfeld von Stadt und Vorstadt sucht man im mittleren Teil des Buches jedoch vergeblich nach einem darauf aufbauenden roten Faden, der weiter durch das Buch führt. So folgt auf den Exkurs über die amerikanische Idealstadt Celebration City und die Architektur der geplanten Konzernzentralen von Facebook und Apple „Eine kurze Geschichte des Wohnens“, die u. a. auch eine Abhandlung über das Autodesign bereithält. Im anschließenden vierten Kapitel werden dann „Andere Häuser“ beschrieben, ehe „Eine kurze Geschichte des Einfamilienhauses“ vom Neanderthaler bis heute skizziert wird.

„Andere Häuser“ sind für Maak experimentelle Architekturbeispiele aus Japan wie Hiroshi Nakamuras “Optical Glass Brick House“, der Wohnturm von Ryue Nishizawa oder auch Sou Fujimotos Haus NA, dessen Foto auch das Titelbild des Buches ziert. Diese Häuser stellen eine interessante Anregung dar, da sie das architektonische Vokabular und konventionelle Zusammenspiel von Wand, Fenster, Raum und Geschoss in Frage stellen, auflösen und neu zusammensetzen.

 

Fragwürdig ist allerdings an dieser Stelle die Reduzierung der Auswahl auf ausschließlich japanische Beispiele, die auf einer ganz eigenen Tradition aufbauen, wie Niklas Maak selbst schreibt: „Das traditionelle japanische Haus kennt, anders als europäische Häuser, die einfache Trennung von Innen und Außen durch eine gemauerte Wand, in der sich eine Tür befindet, und die Aufteilung von Wohnen, Essen und Schlafen in eigene Zimmer nicht.“

Später gibt Maak einen Überblick über postfamiliäre kollektive Wohnformen, wobei er wiederum schwerpunktmäßig japanische Beispiele beschreibt. Aber diesmal werden auch Kollektivhäuser in Europa oder der Fall der gescheiterten Münchner Wekbundsiedlung beleuchtet. Danach widmet er sich umfänglich der Frage, wie öffentliche und private Flächen und deren Verzahnung neu oder anders gedacht werden können, wobei Maak für eine Zone des Dazwischen, das die harte Trennung zwischen öffentlich und privat, innen und außen aufhebt bzw. einen Übergang schafft, plädiert.

Nach einem kurzen Ausflug in die „Atmosphären“ der Architektur kurz vor Ende des Buches startet Maak im abschließenden Kapitel schließlich fast überraschend ein vehementes Plädoyer für eine neue Baupolitik mit konkreten Forderungen, die sich allerdings nicht zwangsläufig aus den im Buch gemachten Ausführungen herleiten lassen.

 

Bestand, Baugruppen, Städtebau?

Eine der großen Fragen bei diesem Buch bleibt, warum Niklas Maak das Thema des Wohnens fast ausschließlich vom Neubau her denkt, während bis auf die abschließenden Forderungen der Umbau des Bestandes weitestgehend ignoriert wird. Dabei stellt diese Bauaufgabe sicher eine der Herausforderungen beim zukünftigen Wohnen in der Stadt dar und hätte besondere Aufmerksamkeit verdient.

Was ist mit dem Wohnen auf dem Land (nicht in der Vorstadt) mit seinen ganz gegensätzlichen Problemen des Leerstands und Rückbaus?

Auch werden Baugruppen und Genossenschaftsprojekte als mögliche und nützliche Katalysatoren bei der Suche nach neuen Wegen des Zusammenwohnens in der Stadt inhaltlich im Buch nur gestreift und thematisch nicht vertieft, um im Schlussplädoyer dann plötzlich doch als wichtiger Innovationsgeber erwähnt zu werden.

Und der Disziplin des Städtebaus in seiner nicht ganz unwichtigen Funktion hinsichtlich der Stadtentwicklung traut Maak offensichtlich nicht allzu viel zu und wird daher nicht weiter erwähnt.

Dieses Auslassen wichtiger Themenschwerpunkte ist um so überraschender, da Maak ansonsten ein Thema an das Nächste reiht: Er schreibt über „Quadratmeterfetischismus“ und die „Dämmungsmanie“, Architekturen der Panik, prekäre Architektur, den Fetisch Wohnen, Autodesign, das den Bewohner ausspähende Haus usw.. Macht man sich die Mühe einer kurzen Recherche, findet man übrigens zu den meisten dieser Einzelthemen einen über weite Strecken wörtlich übernommenen bereits in der FAZ erschienenen Artikel des Autors, einschließlich des eingangs erwähnten Aufmachers über Christian Wulff.

Genau hier liegt auch das Problem dieses Buches, das mit vielen bemerkenswerten Gedanken gespickt ist, die sich aber zu keinem echten Ganzen fügen, sondern eher eine Zusammenstellung von einzelnen Artikeln und Beobachtungen darstellen, die nicht aufeinander aufbauen. Beeindruckt von der Formulierungskunst des Autors wünscht man sich, dass er diese Finesse auch auf den Aufbau des Buches verwendet hätte. So bleibt es ein kurzweiliges Buch zu einem interessanten und wichtigen Thema, dem aber leider die klare Linie fehlt.

 

Ralf Roeder

 

Über den Autor Niklas Maak

Niklas Maak studierte in Hamburg und Paris Kunstgeschichte, Architektur und Philosophie und lehrte u.a. an der Städelschule in Frankfurt am Main sowie an den Universitäten in Basel und Berlin. Er lebt in Berlin und leitet das Kunstressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Niklas Maak erhielt den George-F.-Kennan-Preis, 2012 den Henri-Nannen-Preis und zuletzt den COR-Preis 2014 für Architekturkritik.

 

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Wohnkomplex – Warum wir andere Häuser brauchen

Autor: Niklas Maak

320 Seiten, zahlreiche Abbildungen (s/w)

Hanser Verlag, München, 2014, 21,90 €

 

 

Die in der vergangenen Woche krankheitsbedingt ausgefallene Lesung von Niklas Maak soll im Januar 2015 nachgeholt werden. Informationen hierzu beim hdak und natürlich bei koelnarchitektur.de.

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