Muttergottes mit Kind aus St. Kolumba um 1650, Jeremias Geisselbrunn / Stuhlskulptur 1964/2009, Stefan Wewerka. Foto: Uta Winterhager

Glückserfahrungen in Kolumba

Kolumba bezeichnet sich als einen Ort der Langsamkeit. Zurecht, denn die Jahre des Wartens auf Konzeption, Plan und Bau waren lang, aber sie haben sich gelohnt und diesen Ort zu einem ganz besonderen gemacht. Doch es ist nicht nur die Architektur des Museums, das Spiel mit Licht und Schatten, mit Öffnungen und Flächen, Raumfolgen und Perspektiven, sondern auch die außergewöhnliche Sorgfalt, mit der es bespielt wird. Jedes Jahr Mitte September präsentieren Stefan Kraus und seine Mitarbeiter eine neue Ausstellung, die jedoch, so zeigt es sich grade wieder, so intensiv gedacht und so dicht angelegt ist, dass ein Jahr genau angemessen scheint, um sich Thematik und Inhalten langsam anzunähern.

 

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Tagebuch 1979 – 1981, Michael Buthe. Foto: Uta Winterhager

 

1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende, das für die katholische Kirche den Beginn eines bedeutenden Reformprozesses bedeutete. „Gaudium es Spes“, Freude und Hoffnung, war das abschließende Dokument überschrieben, mit dem die Kirche sich neu orientierte, sich vorsichtig öffnete. Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln feiertdas 50jährige Jubiläum mit der aktuellen Jahresausstellung „playing by heart“. Gezeigt werden Bilder der Freude und Hoffnung, wie Kunst und Kultur sie sichtbar machen. Alle Gegenbilder des Schmerzes, der christlichen Passion wurden zugelassen, um diesen Aufbruch heute noch einmal zu zelebrieren. Es geht um ein Gefühl wie Glück, um gänzlich Unerwartetes wie Spiel und Kreativität oder gar Witz und Humor. Es ist eine der herausragenden Qualitäten von Kolumba, dass religiöse Inhalte so transportiert werden, dass sie einen Platz im Heute finden. Nicht verdeckt oder vertuscht, sondern ganz offen und bereit, das Nebeneinander verschiedener Standpunkte zuzulassen.

 

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Roni Horn „When The How and The What Are The Same“. Foto: Uta Winterhager

 

Gotteskinderspielzeug

Im Foyer empfängt die Muttergottes mit Kind (Jeremias Geiselbrunn, um 1650), eine aus den Kriegstrümmern von St. Kolumba geborgene Alabasterfigur die Besucher. Das Kind hält eine Weltkugel wie einen Ball in der Hand, verträumt beginnt es seine Herrschaft mit zweckfreiem Spiel. Doch in den Sockel rammte Stefan Wewerka einen Stuhl. Kühn ist diese Stuhlskulptur, die sogar noch ein Jahr älter ist als das Konzil, heute ist sie ein Wegweiser für die Haltung, die diese Ausstellung, die keine Berührungsängste kennt, ausmacht. Im Hof gurren die in der Kolumba-Ruine lebenden Tauben, 1994 aufgezeichnet von Bill Fontana. Sie klingen wie heute, denn nicht alles ändert sich. Die fromme, einfache Bildhaftigkeit der kleinen Andachtsbildchen ist uns heute fremd, vermag uns aber dennoch zu berühren, weil sie erzählen können. Davor verführerisch schimmernd die massiven Kupferkugeln von Roni Horn „When The How and The What Are The Same“, zu schön, zu wertvoll, um damit zu Spielen – sind auch sie vielleicht nur Spielzeuge des Gotteskindes?

 

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Bernhard Leitner, Serpentinata 2004/2014, im Hintergrund Kruzifix, Rheinland , 2. Hälfte 12. Jhd. Foto. Uta Winterhager

 

Vereint im Spiel

In der mittleren Halle des 2. Obergeschosses steht ein Konstrukt aus Schläuchen und Lautsprechern. Zu hören sind Texte von Novalis, Fragmente über Raum, Ton und Zeit. Doch es ist nicht nur das Objekt von Bernhard Leitner selbst, sondern der Rahmen, den „Serpentinata“ den umgebenden Werken gibt. Akustisch natürlich, aber auch visuell. Denn für alles dahinterliegende bildet es einen Rahmen aus PVC-Schläuchen. Auch für das kleine Elfenbeinkruzifix (2. Hälfte 12. Jh.), das alleine an einer Wand hängt, nicht als Zeichen für den menschlichen Tod Christi, sondern für den darin liegenden Beginn seines neuen, anderen Lebens. Ein krasser Bruch? Nein, denn auch ästhetisch fügt sich in diesem Raum alles zu einer wunderbaren Harmonie aus Grau und Weiß, die auch das kleine Ölgemälde von Norbert Schwontkowski einschießt. „Flaute“ heißt sein Bild, das dem Kruzifix gegenüberhängt. Hier der entschlafene Christus, da werden die wartenden Segel zu Kreuzzeichen am Himmel.

Werke von 59 Künstlern zeigt die Ausstellung, die so reich an Bildern und Ideen, Farben und Glanz ist, dass man der intellektuellen Fülle mit einem Besuch kaum Herr werden kann. Man nehme sich also Zeit „playing by heart“ mit allen seinen Facetten zu genießen, die Spiritualität genau wie das Spielerisch-Komische, das Kuriose wie auch das Ästhetische. Denn, so deutet die Titelmetapher es an, die für ein ganzheitliches, kreatives und fürsorgliches Verhältnis zur Welt steht: es geht um eine Glückserfahrung, vergleichbar mit dem Empfinden eines Musikers, er sich sein Stück so angeeignet hat, dass er es auswendig spielen kann, der sich vom Papier losgelöst auf sein Herz verlässt.

 

Uta Winterhager

 

Ab 16. Oktober findet jeden Donnerstag um 16  Uhr im Lesezimmer von Kolumba ein Philosophisches Gespräch statt. Darin werden Fragen aus dem 2002 erschienenen Künstlerbuch »Findet mich das Glück?« des Schweizer Kün­stlerduos Peter Fischli und David Weiss (ausgestellt in Raum 20) aufgegriffen, um angeleitet von Prof. Andreas Speer, dem Leiter des Thomas-Institutes an der Universität zu Köln, und seinen Doktoranden gemeinsam darüber nachzudenken.

Die ersten Themen und Termine:

16.10.2014 Soll ich alles zusammenschlagen? Ein Gespräch über das Verhältnis des Menschen zur Gewalt

23.10.2014 Könnte man heute noch mit einer wilden-fremden Frau in einer Höhle wohnen? Ein Ge­spräch über den Unterschied von Mann und Frau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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