Andreas Fritzen. Foto: Andrew Hull

Interview: Architektur im Gespräch mir Prof. Andreas Fritzen, einem der Initiatoren des Thesenpapieres "100% Stadt"

 

Ende August veröffentlichte die Bauwelt auf ihrer Internetseite zwei Thesenpapiere, die eine Neuausrichtung der Städtebauausbildung an deutschen Hochschulen fordern. Im Mai dieses Jahres initiierte Christoph Mäckler mit einer Reihe ebenfall hochschullehrender Kollegen eine Tagung in Köln, die zu der Verfassung der Kölner Erklärung „Die Stadt zuerst!“ führte. Als Reaktion darauf tat sich eine weitere Gruppe um Andreas Fritzen, Christa Reicher und Frauke Burgdorff zusammen, die, ihrem erweiterten Stadtbegriff entsprechend, in ihrem Thesenpapier „100% Stadt“, die Anforderungen an die Lehre anders definieren.

Die Bauwelt fordert ihre Leser zu Diskussion der beiden Papiere auf, und wie die Beiträge zeigen, stößt die allgemeine Zielsetzung beider Lager, unsere Städte lebenswerter zu machen, erwartungsgemäß auf große Zustimmung. Nun geht es um die Mittel und darum eine gemeinsame Linie zu finden.

Wir sprachen mit Professor Andreas Fritzen, der an der Hochschule Bochum im Fachbereich Architektur den Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen hat und in Köln mit dem Büro Fritzen Architekten und Stadtplaner tätig ist.

 

Steht es denn wirklich so schlimm um die deutschen Städte?

Andreas Fritzen: Schlimm wird es, wenn man die deutschen Städte mit ausländischen vergleicht. Man kann nach Holland, Frankreich oder Skandinavien fahren und wird schnell feststellen, wieviel besser es dort um die Gestaltung gestellt ist. Grade unsere Städte in NRW sind in vielerlei Hinsicht desolat, in Bezug auf Straßenräume, Fassaden, Oberflächen, Beleuchtung, Stadtmobiliar, Plakatierungen, Beschilderung, die Pflege von Denkmälern und Grünflächen. Die Liste der Schreckensbilder ist leider sehr lang.

 

Und aus der Betrachtung des ernüchternden Ist-Zustandes sind die beiden Thesenpapiere, erst die „Kölner Erklärung: Die Stadt zuerst!“, dann „100% Stadt“ entstanden?

AF: Die „Kölner Erklärung“ ist sicher vor diesem Hintergrund entstanden und passt ja auch wie die Faust auf das Kölner Auge, weil wir die Hässlichkeit unserer eigenen Stadt gerne ausblenden. Gleichermaßen ist aber ja auch bekannt, dass die Kölner ihre Stadt trotzdem durchaus lieben. Aus dieser Liebe zum Städtischen, zum Abwechslungsreichen, auch zum Bruchstückhaften ist unser Thesenpapier „100% Stadt“ entstanden.

 

Ganz knapp gefasst lese ich bei der „Kölner Erklärung“ das Ziel eines schön gestalteten Stadtraumes heraus. „100% Stadt“ setzt bei der Vielfalt der Städte an – sind Sie toleranter?

AF: Bestimmt … es ist aber einfach ein anderer Blickwinkel. Das Papier von Herrn Kollege Mäckler bezieht sich vor allem auf die Innenstadtbereiche, weil grade diese für die Identifikation der Bewohner und der Besucher mit einer Stadt extrem wichtig sind. Die meisten Touristen sehen nur einen sehr kleinen Teil einer Stadt und machen sich dann darüber ein Bild der Gesamtstadt. Wenn dieser Teil gepflegt und ordentlich ist, hat man ein positives Bild dieser Stadt. Der Blick auf die Innenstadt ist wichtig – das sagen wir ja auch in „100% Stadt“ – , man darf nur nicht vergessen, dass Stadt zu 95% eben nicht Innenstadt ist. Denn die Mehrzahl der Bewohner einer Stadt wohnt in den Stadtbezirken außerhalb der Innenstadt, in den Vororten und im Umland. Es steckt eine Gefahr in der Kölner Erklärung, dass die „normale“ Lebenswelt unserer Städte über die Verschönerung der Innenstädte vergessen wird. Frauke Burgdorff, Christa Reicher und ich hatten das Gefühl genau darauf hinweisen zu müssen.

 

In beiden Thesenpapieren wird eine Ausbildungsreform im Städtebau gefordert. Sie haben es so formuliert, dass die künftigen Planer der Stadt lernen müssen mit ihrer „Unübersichtlichkeit“ umzugehen. Welche zusätzlichen Kompetenzen müssen die Studenten heute lernen?

AF: Die Studierenden müssen lernen, komplex zu denken und verschiedene Wirkungszusammenhänge zu erkennen. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass man sich nicht nur auf die Innenstadt konzentriert und darüber das Umland und die Region vergisst. Das komplexere Denken ist für Städtebauer noch wichtiger als für Architekten.

Außerdem halte ich die Kommunikation von Vorhaben, Ideen und Zielsetzungen für extrem wichtig, da die Zahl der Akteure in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat. Was früher Wenige im Rat oder auf Investorenseite entschieden haben, wird mittlerweile über unterschiedlichste Medien mit der ganzen Stadtbevölkerung diskutiert. Diese Kommunikations- und Medienkompetenz müssen Städtebauer heutzutage mitbringen. Es kann nicht nur darum gehen, die Gestaltungsqualitäten der Städtebauer im Studium zu fördern, sondern auch darum, neue Möglichkeiten der Kommunikation zu lehren.

Foto 1

Foto: Robert Winterhager

 

Wenn ich mich an das Studium in Aachen erinnere flüchteten die, die nicht gut entwerfen konnten, vor dem Diplom in den Städtebau …

AF: Das ist eine gewisse Crux und wir stellen das auch immer noch fest. Unterscheiden müssten wir aber zwischen den Städtebauern und den Stadtplanern. Die Städtebauer haben in der Regel eine Architektur-Grundausbildung. Daher sind sie es gewohnt, mit dem dreidimensionalen Raum gestalterisch umzugehen. Früher fiel die Entscheidung für den Studienabschluss Städtebau nach dem Vordiplom, heute ist es üblicherweise nach dem Bachelorabschluß. Die Stadtplaner haben in der Regel eine Ausbildung als Raumplaner oder Geograph, in Gestaltungsfragen sind sie weniger geschult und denken Stadt stark in Prozessen und überwiegend zweidimensional. Jemand, der als Raumplaner ausgebildet ist, sieht Stadt anders als jemand, der ursprünglich eine Architektenausbildung hatte. Wir möchten diese beiden Ansätze, die sich aus dem Studium in der Profession fortsetzen und die Haltung der beiden Thesenpapiere charakterisieren, vereinen.

 

Wenn ich dann denke, wer nach dem Diplom in die Verwaltung gegangen ist … das waren nicht unbedingt die kreativsten Köpfe. Wer wirklich etwas bewegen wollte, suchte sich einen Job in einem Büro. Steht hier bei den Städten eine Imagekorrektur an?

AF: Das war damals so. Es gibt mittlerweile aber viele, die in dem Zwischenraum von Architektur und Städtebau arbeiten und gestalterisch sehr versiert sind. So würde ich auch Herrn Mäckler als städtebaulich denkenden Architekten einschätzen, der mit einem hohen Gestaltungsanspruch an die Stadt herangeht. Eine ganz grundsätzliche Frage ist allerdings, welche Ausbildung die Entscheidungsträger bei den Städten, die Baudezernenten und Planungsamtsleiter haben sollen. Viele Baudezernenten sind Raumplaner, zum Teil sind es aber auch Juristen oder Volks- bzw. Betriebswirte, die mit Stadtgestaltung noch weniger anfangen können. Ich halte es für sehr wichtig, dass diese Entscheidungsträger zukünftig auch ein Gespür für Gestaltung mitbringen. Sie müssen nicht selber entwerfen, sie müssen aber die Gestaltung wertschätzen und beurteilen können. Denn sie sitzen im Rat, in Wettbewerbsjurys und Ausschüssen und fällen dort stadtprägende Entscheidungen.

 

Die Verfasser der Kölner Erklärung haben beobachtet, dass die Stadt als großes Ganzes wegen der Vielzahl der speziellen technischen und organisatorischen Anforderungen nicht mehr im Fokus der Planung steht und fordern eine Ausbildung, die alle Aspekte der Stadtplanung lehrt. Sie setzt weiterhin auf ein Team aus Experten der verschiedenen Disziplinen?

AF: Die Bandbreite der Aufgaben und Kompetenzen ist enorm, da muss man auf ein Team von Experten setzen. Mittlerweile werden ja auch die meisten Wettbewerbe an Teams ausgeschrieben. In der Regel setzen sie sich aus Architekten, Städtebauern, Verkehrsplanern, Freiraumplanern, Künstlern, Lichtgestaltern, Marketingexperten und Kommunikationsspezialisten zusammen. Schon diese Erfahrung zeigt, dass eine einzelne Disziplin nicht mehr in der Lage ist, die Komplexität des Stadtraums zu erfassen. Dennoch brauche wir Leute, die selbst von diesen unterschiedlichen Disziplinen viel verstehen, und das möchten wir schon in der Ausbildung aufgreifen. Deshalb ist es richtig, den Studierenden zu vermitteln, dass sie auch Kenntnisse von Verkehrsplanung haben müssen. Sie müssen keine Verkehrsplaner werden, wohl aber mit ihren reden können, ihre Methoden und Ziele verstehen können. Das gilt dann gleichermaßen für die anderen genannten Disziplinen.

 

Sie fordern mehr Wirtschafts- und Liegenschaftskompetenzen bei den Stadtplanern. Soll mit dem Geld auch die Planungshoheit in die Stadt zurückkommen?

AF: Ein unschlagbares Argument gegen viele sinnvolle städtebauliche Maßnahme ist es, wenn sie sich nicht finanzieren lassen. Wenn die Städtebauer und Stadtplaner das nicht kritisch hinterfragen können, ist dieses Argument in der Regel wirkungsvoll – vor allem bei Politikern. Erst wenn man als Planer auch volks- und betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse hat und versteht, wie die verschiedensten Finanzierungsmodelle funktionieren, kann man wirklich in die Diskussion einsteigen.

 

Der Masterstudiengang „Städtebau NRW“ bündelt die Kompetenzen der fünf beteiligten Hochschulstandorte (Bochum, Dortmund, Ostwestfalen-Lippe, Siegen und Köln), mit 20 Professoren aus vielen Fachbereichen und beschäftigt sich konkret mit dem Stadtumbau und Strukturwandel an Rhein und Ruhr. Ein Vorzeigemodell?

AF: Ja, absolut! Aber ich muss dazu sagen, dass ich da auch unterrichte …

 

… deshalb frage ich …

AF: Vorbildlich ist der Studiengang in dem Versuch, die unterschiedlichen Aspekte von Stadt zu beleuchten. Sowohl gestalterische, denn wir haben hier eine Menge Gestaltungskompetenz, als auch soziale Fragen, technische Fragen, Verkehrsplanung, Umweltrecht, Klima, bis hin zur Wasserwirtschaft. Das alles sind Aspekte, die in der Stadt eine Rolle spielen. Wir lehren aber auch Wirtschaft und die Grundlagen der rechtlichen Bedingungen. Dafür brauchen wir sehr viele Lehrende, die mit einem großen Spezialwissen in solche einem Masterstudiengang unterrichten. Wenn man versuchen würde, das mit nur zwei oder drei Lehrenden hinzukriegen, bekäme man wieder nur einen sehr schmalspurigen Studiengang.

 

Wie geht es jetzt weiter? Die Unterzeichner beider Thesen sind doch die, die in Deutschland Städtebau lehren und auch praktizieren.

AF: Ich glaube es wäre gut, die Gruppen zusammen zu bringen und nicht weiter kontrovers zu diskutieren, sondern gemeinsam zu überlegen, welche Bedingungen die Städtebauausbildung in Deutschland heute grundsätzlich erfüllen muss. Ich finde, dass die Ausbildungsfrage deshalb gut zu klären ist, weil wir schnell handeln können. Viele der Unterzeichner sind selber Hochschullehrende, so dass die Anpassung der Studiengänge an den Bedarf relativ schnell erfolgen könnte.

Nach der Diskussion auf der Internetseite der Bauwelt, könnte es eine Fachtagung an einem nicht zu schönen, aber umso anregenderen Ort geben, organisiert von jemandem, der oder die sich um Stadtbaukultur kümmert, um dann ein konkretes Papier zu entwickeln, wie die Städtebauausbildung in Deutschland in der Zukunft aussehen muss.

 

 

Die Fragen stellte Uta Winterhager

 

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