Mama, wann sind wir endlich im Stau?!

Wollen Sie demnächst zur ersten Rotterdamer Architektur Biennale reisen? Haben Sie sich aus verkehrstechnischen und ökologischen Gründen dazu entschlossen, den Zug zu nehmen?

Denken Sie lieber noch einmal über die Wahl ihres Verkehrsmittels nach – es könnte sich lohnen mit dem Auto zu fahren! Denn das Kölner Architekturbüro D+.NL hat sich zusammen mit seinen niederländischen und österreichischen Partnern von Artgineering und feld72 ganz eigene Gedanken zum Leitthema der Veranstaltung gemacht: „Mobilität – ein Zimmer mit Ausblick“ heißt das Motto, unter dem Kuratorin und Mecanoo-Gründerin Francine Houben weltweit Architekten, Städteplaner, Filmemacher und Fotografen dazu aufforderte, die üblichen Pläne und Modelle zuhause zu lassen und stattdessen im Rahmen eines work-in-progress gemeinsam „auf eine Reise zu gehen, deren Ziele und Ergebnisse vorher nicht feststehen“.

Unterwegs soll im dreimonatigen Feldversuch erforscht werden, wie der bisher weitgehend ignorierte, jedoch größte öffentliche Raum, die „Mobilitäts-Landschaft“ von Straßen und Autobahnen, reizvolleren Nutzungen als lediglich dem Gelangen von A nach B dienen kann.

Das Team Artgineering/D+.NL/feld72 möchte dabei dem automobil Reisenden die widersprüchliche Schönheit des zumal in den Niederlanden unausweichlichen Verkehrsstaus nahe bringen. Mit ihrem FileKit© (File gleich niederländisch für Stau) haben sie ein Trojanisches Pferd entwickelt, dessen im Kit enthaltene Gegenstände dem Stausteher potentielle Aktivitäten bewußt machen, unsichtbare Barrieren der individuellen Autoeinheit brechen und so das Staustehen in ein kommunikatives Ereignis zwischen den individuellen Stau-Opfern verwandeln soll.

Die drei unterschiedlichen FileKits© namens Randstad (für den Berufsverkehr-Stau), Autoroute du Soleil (für den Urlaubsstau) und Sudden (für den plötzlichen Stau) enthalten in verschiedener Zusammenstellung etwa Wasserpistolen, Blumen, Ferngläser, Entspannungsparfüms oder Kondome.

Ganz ähnlich dem Wirken der Gelben Stau-Engel des ADAC, werden während der ersten zehn Biennale-Tage File-Engel auf den Autobahnen um Rotterdam unterwegs sein, um die FileKits© unter den Stau-Opfern zu verteilen und deren Reakionen visuell zu dokumentieren. Präsentiert wird dieses Dokumentationsmaterial anschließend den regulären Biennalebesuchern auf dem File-Stand im Las Palmas-Gebäude, wo sie mit etwas Glück eines der Kits vom vielbeschäftigten FileMC ausgehändigt bekommen. Denn dieser Meister der Kommunikation sammelt, verarbeitet und veröffentlicht nicht nur alle ein- und ausgehenden Informationen, wie etwa die erwünschten telefonischen Reaktionen von Stau-Opfern. Er schickt auch anhand aktueller Verkehrsmeldungen die File-Engel auf ihre Reise in den nächsten Stau, in dem Sie sich vielleicht gerade fragen, ob die zahleichen Schalter und Tasten ihres Autos eventuell von Designern eingesetzte Mittel zur Unterdrückung von Langeweile, Aggression oder Einsamkeit sein könnten…

Die Architektur-Biennale mit ihren diversen Aktionen, Konferenzen, Filmen, Vorlesungen und Diskussionen findet vom 7. Mai bis 7. Juli in Rotterdam statt. Ausstellungsorte sind das Nederlands Architectuurinstituut (NAi) sowie die ehemaligen Lagergebäude Las Palmas & Pakhuis Meesteren auf dem Kop van Zuid. ug

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