Wie kann Köln seine unverwechselbare Silhouette erhalten und dennoch dem Investorenwunsch nach Repräsentationsbedürfnis entsprechen?

Im koelnarchitektur.de-Interview sprach Barbara Moritz über ihre Vorstellungen zur Kölner Stadtentwicklung, über Planungskultur und über Chancen eines übergreifenden gesamtplanerischen Konzeptes.

Das Hochhaus ist in Köln wieder Thema. Können Hochhäuser das Stadtbild positiv beeinflussen? Wie kann die Stadt ihr historisches Erbe bewahren, die unverwechselbare Silhouette erhalten und dennoch dem Investorenwunsch nach Repräsentationsbedürfnis entsprechen? Nicht zuletzt durch das Bestreben der Fraktion der Grünen, die schon lange ein internationales Symposium zum Thema fordern, wird wieder vermehrt über diesen Bautyp diskutiert.

Im Spannungsfeld zwischen kulturhistorischem Erbe und moderner städtebaulicher Entwicklung wird seit Jahren ein verbindlicher Katalog mit Kriterien für den Hochhausbau gefordert, gerade auch angesichts des Umbruchs im Rechtsrheinischen. Die Grünen im Kölner Rat und in der Landschaftsversammlung Rheinland veranstalteten zur Hochhaus-Debatte die Diskussionsrunde „über den Tellerrand“. Zur Diskussion geladen waren Vertreter aus München und Wien, denn beide Städte verfügen über ein Hochhauskonzept.

koelnarchitektur.de sprach mit der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Rat, Barbara Moritz, über Themen der Stadtentwicklung.

Seit etwa einem Jahr diskutiert man in Köln wieder vermehrt über den Bau neuer Hochhäuser. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen steht diesem Thema eher kritisch gegenüber, zumindest in Domnähe.

– Wie ist Ihre Position dazu?

Barbara Moritz: Innerhalb der Grünen gibt es unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema. Fundamentalisten lehnen das Hochhaus grundsätzlich ab, weil es keine ökologische Bauform ist. Das Verhältnis zwischen Nutzfläche und Verkehrsfläche ist ungünstig, es löst große Abstandsflächen aus usw. Aber das ist nicht die vorherrschende Meinung hier in der Kölner Fraktion. Wir sehen das Hochhaus durchaus als eine Bauform, die zur modernen Stadtentwicklung dazugehört, weil sich bestimmte Investitionen über diesen Gebäudetypus definieren.

Das Hochhaus steht in der aktuellen Diskussion nur deshalb im Vordergrund, weil es so signifikant ist. Viel grundsätzlicher brauchen wir einen Konsens über die zukünftige Entwicklung der gebauten Stadt.

Stichwort Instrumente der Stadtplanung. Köln braucht also ein eindeutiges Regelwerk ein verbindliches Stadtentwicklungskonzept, ähnlich, wie es in München oder Hamburg existiert?

B.M.: Ob Masterplan oder Gestaltungskonzept: Wie auch immer man es nennen will, ich glaube, dass wir einen Orientierungsrahmen brauchen, der nicht nur Auskunft darüber gibt, wo Hochhäuser gebaut werden dürfen und wo nicht, sondern der darüber hinaus auch Aussagen trifft, wo Hauptentwicklungsachsen verlaufen, wie sich Ränder und Entwicklungsschwerpunkte definieren, wo Zentren weiterentwickelt werden und wo die freie Landschaft Vorrang hat. Des weiteren muss es Festlegungen für die Flächennutzungen geben. Für eine urbane Stadt sind Monostrukturen verheerend. Wir wollen keine reinen Wohngebiete, Büroareale und Einkaufszonen. In Wien z.B. gibt es Festschreibungen, das jedes Bürogebäude 20% Wohnnutzung enthalten muss. Wenn im Vorfeld objektive Kriterien festgelegt werden, macht das die Investitionen sicher und alle Beteiligten des Marktes werden gleichberechtigt behandelt. Für all diese Fragestellungen müssen wir innerhalb der politischen Struktur, aber auch bei den Bürgerinnen und Bürgern einen breiten Konsens erreichen.

Was braucht es um dergleichen wenigstens ansatzweise umzusetzen?

B.M.: In Köln ist zum Thema Stadtentwicklung bei allen Beteiligten und Interessierten ein allgemeiner Unmut festzustellen. Von unterschiedlichen Seiten hört man den Ruf nach einem Stadtbaumeister, der von außen kommen, alles in die Hand nehmen und organisieren soll. Meiner Ansicht nach ist dies eine Illusion, ein Instrument einer vergangenen Zeit. Als Supervisor kann ich mir für bestimmte Wettbewerbsareale den jeweiligen Wettbewerbsgewinner vorstellen, ähnlich wie das in Holland praktiziert wird. Ein solches Verfahren kann aber nicht für das gesamte Stadtgebiet an eine Person gekoppelt sein.

Aber was es wirklich braucht ist eine Debatte zur Stadtentwicklung, die von Architekten, Projektentwicklern, Dezenten der Stadtentwicklung, den Vertreter der Fraktionen, Bürgerinnen und Bürgern geführt wird. Aus dieser Debatte muss ein Masterplan entwickelt werden, der das Gesamtbild der Stadt berücksichtigt und auf einer breiten Mehrheit basiert, die auch Legislaturperioden überdauert.

Wie könnte ein solches Konzept, basierend auf den bereits erarbeiteten Vorschlägen aussehen?

B.M.: Zum Hochhauskonzept gibt es verschiedene Vorschläge, viele kleine Mosaiksteine, die in der Vergangenheit immer nur punktuell diskutiert wurden. Da gab es die Idee im Rechtsrheinischen eine Clusterbildung ähnlich der in Frankfurt zuzulassen. Oder, einer Torsituation entsprechend, am äußeren Rand der Ringe Hochhäuser zu bauen, wie es sie punktuell bereits gibt. Dieses Konzept hat man wieder verlassen als Foster für Gerling auf der Ringinnenseite baute. Das gleiche Modell gilt für die Bebauung innerhalb der Ringe. Diesen Konsens hat man zugunsten der Kranhäuser von BRT im Rheinauhafen wieder aufgegeben.

Investitionsinteressen wurden immer wieder im Einzellfall diskutiert und auch im Einzellfall entschieden. Das muss kein prinzipiell falsches Konzept sein, aber die fortwährende Diskussion über ein fehlendes Gesamtkonzept zeigt, das Entscheidungen verbindlich eingebettet und damit legitimiert sein sollten.

Metropolen, wenn sie es den sind, verzichten nicht gerne auf ihren Anspruch sich zu inszenieren.

Zu diesem Repertoire gehören auch Hochhäuser.

Gibt es alternative Vorstellungen diesem Wunsch nach Repräsentation nachzukommen?

B.M.: Sowohl auf Landes wie auf Bundesebene gibt es derzeit Initiativen für Baukultur. Es fällt auf, das sich die Kölner nicht als dazu gehörig fühlen. Dabei müssen dringend allgemeine Prinzipien von Baukultur festgeschrieben werden. Mich hat bei der von uns veranstalteten Diskussion „über den Tellerrand“ beeindruckt, wie die Münchner Stadtbaurätin Christiane Thalgott ihren Katalog mit verbindlichen Kriterien für die Stadtgestaltung vorgestellt hat. Die darin enthaltenen Qualitätsmerkmale und gestalterischen Richtlinien gelten für jeden.

In Köln, so scheint es, gibt es verschiedene Maßnahmen für verschiedene Interessengruppen. Auslöser der aktuellen Hochhausdebatte ist ja das mehrfach überarbeitete Wettbewerbsergebnis Deutzer Bahnhof der Kölner Architekten Jaspert, Steffens, Watrin, Drehsen, im Zusammenspiel mit dem Hochhaus an der Hermann-Pünder-Straße. Abgesehen von der stark veränderten Ebene unterhalb des Bahnhofs gab es ursprünglich drei Hochhäuser die in ihrer Stellung zueinander und in ihrer Beziehung zur Stadt überzeugten. Sie öffneten sich im Halbkreis zur Stadt und bildeten so eine Klammer zwischen dem Alten und dem Neuen und zwischen kleinteiliger und großmaßstäblicher Bebauung. Von all dem ist nichts mehr übrig, weil es zu viele Interessengruppen gibt, die glauben, mitreden zu müssen. Bei dem Büroturm, den die Rheinische Zusatzversorgungskasse bauen möchte, wurden Fakten geschaffen ohne bestehendes Baurecht, und das ist meiner Meinung nach keine Planungskultur.

Ist ein stringentes Regelwerk, ähnlich wie in München auch als Vorbild für Köln denkbar?

B.M.: Auf jeden Fall. Das müssen nicht die selben Kriterien sein. Jede Stadt hat ihre eigene Identität. Als Identitätsgefüge gilt es das Bild dieser Stadt zu erhalten. Das heißt nicht, das ich der Ansicht bin, eine Historienansicht zu generieren. Moderne Architektur lässt sich sehr wohl mit dem Gesicht der historische Stadt kombinieren.

Die Angst vor dem Verlust alter Gebäude, die Sehnsucht nach alten Bilder scheint ungebrochen. Beispiel: Stadtschloss in Berlin oder „Portikus“ in Frankfurt. Woran liegt es, das Politik und Gesellschaft so wenig Vertrauen in zeitgenössische Architektur setzen?

B.M.: Auf der einen Seite ist diese Entwicklung zu beobachten, auf der anderen Seite finden wir derzeit auch einen Hochhausboom. Die Vergangenheit lehrt, das diese Bedürfnisse immer in Krisen oder zumindest in Umbruchzeiten auftauchen. Weil diese Zeiten von der Sehnsucht geprägt sind, das Alte zu bewahren, aber auch etwas ganz Neues zu beginnen. Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ist nicht mit dem Erhalt der Kölner Silhouette vergleichbar. Ich bin nicht der Meinung, das man Bauwerke, die völlig zerstört wurden, wieder aufbauen sollte. Mir geht es vielmehr darum, aus dem Spannungsfeld zwischen kulturhistorischem Erbe und moderner städtebaulicher Entwicklung Chancen für die Stadtentwicklung zu formulieren.

Gehört auf dem langen Weg zu mehr Planungskultur in Köln auch die Trennung des Dezernates Wirtschafts- und Stadtentwicklung?

B.M.: Stadtentwicklung ist für mich ein Dezernat, das den Gesamtblick auf die Stadt beinhaltet. Dazu gehören Aspekte wie Natur, Ökologie, Verkehr und natürlich auch Wirtschaft. Man könnte dieses Dezernat also mit allen möglichen anderen Dezernaten kombinieren. Das würde aber eines Dezernenten bedürfen, der nicht einem Teilressort verpflichtet ist. Deshalb haben wir innerhalb der Koalition beschlossen, dieses Dezernat ab Herbst zu trennen und die Stadtentwicklung mit einem Fachplaner oder einer Fachplanerin im Konsens zu besetzen und zwar nicht nach parteipolitischen Kriterien.

Mit Barbara Moritz sprach Barbara Schlei

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Eine Reaktion auf “Chancen für die Stadtentwicklung”

  1. Unbekannt

    warum sollte ein gesammtkonzept, eine richtline dem stadtbild helfen? wäre es nicht sinnvoller eine einzige richtlinie zu haben und zwar die das sich die architektten und finanzgewalten nicht eigenständige sondern dazugehörende, einbindenen kreative strukturen erbauen?

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