Arbeiterwohnregale

Von SK 2Mp Berlin zu WBS 70
Eine heitere Verwandschaft von Plattenbau und Autoquartett

Ethnologen sind Menschen von melancholischer Grundstimmung. Das hat den Grund darin, dass die Objekte, denen sie ihre Aufmerksamkeit schenken entweder gerade verschwinden oder schon verschwunden sind. Die Weisheit der Indianer, fremde soziale Praktiken oder eben: sozialistische Plattenbauten.

Denn die Arbeiterwohnregale im Ostteil von Berlin sind eine bedrohte Spezies. Plattenbauten zerfallen von selbst – was eine beachtliche Eigenschaft ist, bestreitet ihr Baustoff Beton doch die Zeitlichkeit – und außerdem sind sie vom Umgestaltungsfuror in der neuen Hauptstadt bedroht.

Irgendwann fangen wir an fast alles zu lieben, wenn es nur lange genug verschwunden ist – das gilt auch für die Plattenbauten. Und das hat damit zu tun, dass wir uns weniger schnell an unsere neuen Lebenswelten gewöhnen, als diese sich verändern. Das verbindet unsere sentimentalen, nostalgischen Neigungen mit der Melancholie der Ethnologen.

Den Architekturstudent Cornelius Mangold müßten wir uns also als einen traurigen Menschen vorstellen.

Denn er sollte zum Thema „industriell hergestellte Plattenbauten“ geprüft werden. Mangold stellte fest, dass es wenig Fachliteratur zum Thema gab und so mußte er selbst in die Feldforschung. Dabei entwickelte das Objekt seiner Hingabe eine Eigendynamik: Inspiriert durch so technoide Kürzel der Plattenbaukonfektionsmodelle wie „G7R/G6 geschlossen“, verzichtete Mangold auf seine Doktorarbeit und setzte so dem Plattenbau in einem Spielquartett ein wirkungsvolles Denkmal. Was Mangold entdeckte war eine frappante Affinität von Plattenmuster und der formalen Maske des Quartetts: kleine, uniforme Bildfenster durch die der Schulgänger wie der erwachsene Nostalgiker voller Fernweh in die Welt schaut – und was sieht er hier: eine ästhetisch bestechende Formensammlung von Berliner Betonerzeugnissen

Im Autoquartett, Version West, ließ sich die Uniformierung des Individuellen besichtigen, im Plattenbauquartett umgekehrt die Individualisierung des Seriellen. Kann man die Differenz zwischen kapitalistischer und sozialistischer Produktion heiterer besichtigen? Und deswegen muß Mangold auch nicht traurig sein, außerdem verkauft sich sein Quartett vor allem in Berlin fabelhaft.

Übrigens kein Quartett wird regulär gespielt, sondern so wie Schuljungen früher Autoquartett gespielt haben: „zwölf Zylle, 240 Stuckie“ (Jaguar E-Type) schlägt eine Popelskarre wie den Fiat 126. Also, WBS 70 sticht mit 6000 mm Elementbreite QP 71 mit schlappen 3600mm.

Hergestellt und vertrieben wird das Quartett „Plattenbauten“ vom team „superclub“. Idee und Konzeption, Cornelius Mangold, Fotos, Stefan Wolf Lucks und Texte, Jochen Schmidt. Preis: 12 Euro.

aj

2 Kommentare

Weniger ein Kommentar als ein Bestellgesuch. Ich möchte das schöne Quartett „Plattenbauten“ gerne kaufen. Wie mache ich das?
Meine Adresse:
Dr. Irmgard Müsch
Württembergisches Landesmuseum
Schillerplatz 6
70184 Stuttgart
Besten Dank für eine Antwort und herzliche Grüße

Ihr Artikel „Arbeiterwohnregale“ ist an geistiger „Plattheit“ kaum zu überbieten. Ich bin nicht gerade ein Freund der „Platte“ aber Sie tun gerade so, als ob es nur in Berlin und in Ostdeutschland Plattenbauten gibt. Haben Sie überhaupt eine Ahnung wo es überall Plattenbauten gibt und wie sie entstanden sind? Fahren Sie z.B. nach Rendsburg, Kiel oder wo auch immer im Westen. Sie werden sich wundern, dass es um ein vielfaches hässlichere Arbeiterwohnregale gibt, als sie im Osten je gebaut wurden und mehr geliebt werden, als es in Berlin der Fall ist. Was Wohnkultur und Architektur in ihrer Umgebung betrifft kenn ich mich bestens aus. Schauen Sie sich doch mal die kaum zu überbietende Hässlichkeit der Nachkriegs- „Architektur“ Ihrer Umgebung an.Im größten Teil der Mietsilos würde ich nicht einmal meine schmutzigen Arbeitsschuhe abstellen, geschweige denn sie betreten. Waren Sie überhaupt schon mal in Berlin? Ich glaube nicht, sonst wären Ihre Ergüsse nicht so platt.

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