„Wir sind die Stadt!“

Schönheit nicht als Luxus, sondern als Lebenselixier empfinden

von Werner Strodthoff

Die klassische „europäische Stadt“ fasziniert noch immer infolge ihrer hierarchisch gegliederten öffentlichen Räume. Plätze, die mehr sind als bloße (Abstell-) Flächen, üben starke Anziehungskraft aus, sind heute wie einst Visitenkarten der Städte und der Stolz ihrer Bürger. Salons unter freiem Himmel. Das hat sich auch in Zeiten virtueller Erlebnishorizonte nicht geändert. Im Gegenteil: Sinnlichkeit im Konkreten zu entdecken, Schönheit als Frucht städtebaulicher, architektonischer, gestalterischer Bemühungen erfahren zu können, ist beglückend und bleibt, wo wie etwa in Köln eine solche Erfahrung zur Mangelware gehört, ein ständiges Desiderat.

Ach Köln. Die „Kunst- und Kulturstadt“ am Rhein ist dergestalt reich an Armut. Die rational kaum mehr erklärbare Unlust, ja Unfähigkeit, ein halbwegs kultiviertes Kontinuum gekonnt gestalteter (und gepflegter) innerstädtischer Straßen und Plätze zu entwickeln, mischt jeder Liebeserklärung an diese Stadt masochistische Züge bei. Obwohl die Colonia über ein beträchtliches Potential an kleinen, mittleren und größeren Plätzen, alten und neueren, im Stadtgrundriß verfügt, wurde solcher Schatz bisher nicht oder nur sehr unzureichend gehoben. Eine ästhetisch verankerte Kultur des öffentlichen Raums, die sich mit nationalen und internationalen Standards messen lassen könnte, lässt sich im Schatten der Domtürme bis zur Stunde kaum ausmachen.

Wo die „öffentliche Hand“ allzu schwerfällig und/oder linkisch agiert, ist man für jede private Initiative umso dankbarer. Selbstredend ohne dass dadurch die Kommune ihrer Verantwortung für Zustand, Konzeption und Gestaltung öffentlicher Räume enthoben wäre.

Pars pro toto: Der Wallrafplatz, infolge seiner hoch verdichteten Mischungselemente aus Kommerz und Kultur zweifellos einer der urbansten, quicklebendigsten Plätze Kölns. Zugleich aber auch ein ästhetischer Offenbarungseid, ein „knock out“ nur wenige Schritte vom „Weltkulturerbe“ entfernt. Ganz so, als sei die Unvereinbarkeit von ökonomischen Interessen und gestalterischer Qualität ein Naturgesetz. Mitnichten, wie jeder weiss, der sich andernorts in der Welt umsieht.

Es sei denn, man hält Neandertal bereits für den Gipfel in der ästhetischen Entwicklung des Menschengeschlechts. Einer derer, die sich mit solch atavistischer Sehweise nicht begnügen möchte, ist Gigi Campi. Mit unermüdlichem, romanisch getränktem und inspiriertem Engagement und Formempfinden bemüht er sich darum, „vor der eigenen Tür zu kehren“ und dem Wallrafplatz eine Wende zu bescheren. Da war und ist einer, der sich „betroffen“ fühlt, ein Bürger, der weiss: Wir sind die Stadt. Der „seinen“ Perikles verinnerlicht hat. Denn wie sagte jener attische Staatsmann bereits anno 430 v. Chr.: „Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus und um unsere Stadt. Wenn wir auch verschiedenartigen Tätigkeiten zugewandt sind, so ist doch in den Dingen der Stadt keiner ohne Urteil. Bei uns heißt einer, der an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter.“

Wie wahr. Gigi Campi, der gute Geist vom Wallrafplatz. Sensibel für Formen und Farben hat er mit seinem Restaurant im Haus des WDR für hiesige Verhältnisse ästhetisch beispielhafte Maßstäbe gesetzt. Siehe da:

Es geht auch anders. Billigen Reklamehalden, Schnäppchenmärkten mit Fastfood-Ambiente sollte, falls möglich, die Schamröte ins marktschreierische „Gesicht“ steigen. Was aber für Platzwände und deren obere Ränge gilt, das gilt auch fürs „Parterre“. Campis famose Idee, mittels privater Spenden und engagierter Mitstreiter dem Wallrafplatz zu einer „Prominenz“ im Stadtgefüge endlich auch angemessenen Pflasterung zu verhelfen, verdankt sich den gleichen Antrieben und Bedürfnissen, denen zufolge Schönheit nicht als „überflüssiger“ Luxus, sondern als Lebenselixier empfunden wird. Und Hand aufs Herz: Worin denn sonst könnte unser (erotisches) Bekenntnis zur Polis eine tiefere Befriedigung finden?!

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