Ein Spaziergang vom Friesenplatz zum Neumarkt entlang der Installationen im Rahmen der Aktion 'auf die Plätze'.

Ein Spaziergang vom Friesenplatz zum Neumarkt entlang der Installationen im Rahmen der Aktion “auf die Plätze”.

Plätze, speziell der Markt- und der Kultplatz sind die beiden Ursprungsorte der europäischen Stadt. Der eine, der Kultplatz, fand schon im Mittelalter ein festes Dach über dem Kopf im Haus Gottes. Nur gelegentlich verlässt die Gemeinde das Haus, um in Prozessionen durch die Straßen der Stadt zu ziehen und an ausgewählten Plätzen ihrem Kult zu huldigen. Der andere, der Marktplatz, ging im letzten Jahrhundert im Kaufhaus auf. Sind damit die Plätze der Stadt entwertet und funktionslos geworden? Sind sie nur noch Kulisse für japanische und amerikanische Touristengruppen? Sind sie reduziert zu Straßenkreuzungen, Parkplätzen oder gar nutzlosen und unbeachteten Freiflächen am Rande der Straßen der Stadt?

Die Frage nach der Bedeutung der öffentlichen Freiräume im Bewusstsein von Politikern, Stadtverwaltung und Bürgern der Stadt und nach der Qualität und Funktion der öffentlichen Plätze steht im Zentrum einer Initiative des BDA Köln, der junge Künstler und Architekten unter dem Motto “auf die plätze” zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den öffentlichen Räumen der Stadt eingeladen hat. Die ausgewählten zentral gelegenen Plätze wurden dafür eigens für die plan-Woche durch Installationen und Aktionen verwandelt.

Ein Spaziergang vom Friesenplatz zum Neumarkt vorbei an Orten der Aktion “auf die plätze”:

Ecke Ehrenstraße/Pfeilstraße

Der erste Platz ist eigentlich kein Platz. Die Straßenkreuzung Ehrenstraße, Benesisstraße, Pfeilstraße und Alte Wallgasse ist Teil des komplexen Kölner Straßensystems auf mittelalterlichem Grundriss. Ehemals am Rand des Stadtkerns innerhalb des Befestigungsringes gelegen, “ist die Straßenkreuzung heute durch ihre Form ein prägnanter aber quasi unentdeckter öffentlicher Raum in der Stadt,” wie die Künstler Angelis und Willecke vom Büro für urbane Intervention es in ihrer Projektskizze beschreiben. Kleine Straßencafes und Geschäfte, Fußgänger, die wie selbstverständlich die Straße für sich in Besitz nehmen, Autofahrer, die sich mühsam ihren Weg durch das Getümmel suchen. “Platz da! Entstehung von Handlung durch Raum.” heißt die Installation. Durch gelbe Fahrbahnmarkierungen wird Raum vermessen und als Einheit definiert. Die Straßenkreuzung soll so symbolisch zum Platz erhoben werden. Ist sie es aber nicht längst schon? Nichtsdestotrotz gelingt es, durch die gelben Muster die Passanten und Flaneure zu irritieren. Sie scheinen vorsichtiger über den neuen Platz zu gehen. Mit ihren Blicken folgen sie den Schraffuren, erfassen den Raum als Ganzes und begreifen ihn vielleicht erstmals als das, was er bereits ist: als Platz.

Gertrudenplatz

Auch die zweite Installation auf dem Weg will irritieren und mit dem Mittel der Verfremdung den Blick auf den Platz stören und damit gleichzeitig die Wahrnehmung für den öffentlichen Raum schärfen. “Gertude geht fremd” heißt die Arbeit von Steves & Borsum Architekten auf dem Gertrudenplatz. In der Mitte des Carres wurde eine Aussichtsplattform errichtet, die mit einer Zeltplane umspannt wurde. Ausblicke auf den Platz sind von dort aus nur durch Fernrohre möglich. Doch die den Betrachtern erlaubten Ausblicke sind nicht real. Stattdessen werden ihnen Kollagen angeboten, die die Fassaden des Gertrudenplatzes in Postkartenidyllen von bekannten Plätzen großer Städte montieren. Gertrude geht fremd: der Platz im Urlaubsflirt mit Times Square, Piazza de Minerva und Piazza San Marco. Wieder draußen der suchende, korrigierende Blick über den Platz. Ist Ihnen hier eigentlich schon einmal die Glasgalerie San Marco aufgefallen?

Hanns-Hartmann-Platz

Weiter zum Hanns-Hartmann-Platz. Sie kennen den nicht? Macht nichts! Fragen Sie mal einen Taxifahrer danach oder schauen Sie in ihren Stadtplan. Es kann Ihnen passieren, dass da der Platz noch nicht einmal eingezeichnet ist. Der Hanns-Hartmann-Platz ist ein künstlich geschaffener Platz, vielleicht auch ein entbehrlicher, jedenfalls kein Marktplatz, kein Tummelplatz, kein Raum zum Verweilen, keiner, der Halt bietet, keiner, der zur Kommunikation einlädt: Der “Tote Winkel” heißt die Arbeit des Künstlers Daniel Tschannen (präsentiert von Architekten Fischer + Fischer) auf dem Hanns-Hartmann-Platz, dem toten Winkel der Stadt. Die meterhohen winkelförmig angeordneten und aufeinander zulaufenden Holzebenen betonen vielmehr die Tristesse des Platzes als das der in den toten Winkel gesetzte Winkel sie auflösen könnte. Was soll man mit diesem Platz nur machen, könnte die resignierte Frage lauten. Oder anders: Was kann der Platz leisten, was soll er leisten. Und wieder allgemeiner: Welche Funktionen sollen den öffentlichen Plätzen zugewiesen werden?

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