Mit der Konferenz UmBauKultur, Häuser von gestern für die Stadt von morgen stellte die neu formierte Landesstiftung StadtBauKultur NRW am 24. Januar in Gelsenkirchen das erste ihre...

Schon zu Beginn der Veranstaltung herrschte auf dem Podium und im Publikum Einigkeit darüber, dass der Umbau die Zukunftssaufgabe der Stadtentwicklung sein wird. Doch wie der Umbau praktisch zu bewältigen ist, wie er vermittelt und gelehrt werden kann und wie man einen baukulturellen Mehrwert daraus gewinnen kann, möchte die StadtBauKultur in der nächsten Dekade mit Hilfe der von ihre geförderten Projekten praktisch und experimentell erarbeiten.

Kunibert Wachten (RWTH Aachen) stellte NRW als Umbauland vor, in dem die IBA Emscherpark bereits vor 15 Jahren die Debatte angestoßen habe und den Gasometer Oberhausen und Zeche Zollverein zu Ikonen des Wandels gemacht habe. Immer wieder muss sich das Land mit den Hinterlassenschaften frühere Wachstumsphasen auseinandersetzen. Nur ein umfassender Umbau biete in unseren bis zu 98% fertig gebauten Städten die Möglichkeit auf den inneren Wandel mit all seinen demografischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Facetten angemessen zu reagieren.

UmHören

Vier Referenten bereiteten mit ihren Vorträgen zur Situation in NRW eine breite Diskussionsgrundlage. Franz Pesch (Uni Stuttgart) riet bei problematischen Handelsimmobilien auf Kooperationen zusetzen und Randlagen als Experimentierräume zu nutzen. Guido Spars (BU Wuppertal) definierte Immobilien, die nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben oder am Markt zu platzieren sind, als Schrottimmobilien. Einen Lösungsansatz biete das Rotterdam Projekt Kluthuisen, das Schrotthäuser Interessenten zum Selbstsanieren und Bewohnen auf Zeit überlässt. Unterstützt von der StadtBauKultur wird derzeit mit einzelnen Häusern die Übertragbarkeit der Idee auf Gelsenkirchen getestet. Jörg Beste (synergon, Köln) berichtete über die besondere Rolle der Sakralbauten in einer sich wandelnden Gesellschaft. Der Handlungsdruck sei enorm, die Zahl der geschlossenen Kirchen nehme weiter zu. Kirchen seien die Ankerpunkte ihrer Quartiere und haben generell ein hohes Potential für bürgerschaftliches Engagement, was einer Umnutzung entgegenkomme, doch die Nachnutzung der vielgestaltigen Gebäude müsse kirchlich, baukulturell und sozial verträglich sein. So kam er zu dem Schluss, dass die beste Nutzung für einen Sakralbau ist eine sakrale sei.

UmSehen

Schon vor der Mittagspause war sehr deutlich, dass vor dem Umbau das Umdenken steht. Kommunen müssen bürokratische Schranken abbauen, um auch Methoden und Ziele zulassen zu können, die heute weder erprobt noch bekannt sind. Architekten müssen heute, wo wir nicht mehr unter dem dauernden Zwang zur Erneuerung stehen, ihre Aufgabe neu definieren. Doch wie läuft es nach dem Umdenken in der Praxis, wie fühlt sich die neue Rolle an? In fünf parallel laufenden Workshops berichteten die, die es ausprobiert haben, von ihren Erfahrungen. In der von Jörg Leeser (BeL Associates, Köln) moderierten Gruppe UmBauten, wurden neue Typen und Funktionen gesucht: Thomas Hildebrand (Blue Architects, Zürich) berichtete, wie aus einem Industriebau mit genügend Zeit und Geld ein Tanzhaus geworden ist. Dirk Somers (Bovenbouw, Antwerpen) zeigte sehr poetisch anmutende, aber wenig lukrative Wohnhaussanierungen. Stefan Rettich (Hochschule Bremen / KARO Architekten) zeigte sehr inspirierte Studien zur Umnutzung stillgelegter Atomkraftwerke und konnte mit den Wächterhäusern in Leipzig und der aus Horten-Fassade gebauten Freiluftbibliothek in Magdeburg belegen, dass auch in Deutschland Widerstände überwunden werden können. Schöne, atmosphärische Bilder waren das, und doch stellte sich der Gruppe die Frage, ob diese neue Romantik im Umgang mit historischer Bausubstanz möglicherweise gefährlich werden könnte. Nein, fasste Leeser zusammen, wenn wir kritisch bleiben, nicht sentimental, aber genussvoll planen und den alten Gebäuden im neuen Kontext keine „fake stories“ andichten, können wir vom Nebeneinander der Zeiten nur profitieren. Der Workshop UmbauMaterial diskutierte gute und böse Materialien – z.B. Vollholzeichenparkett vs. furniertes Parkett oder Beton, der beides sein kann und die Frage des richtigen Einsatzes und die Möglichkeiten zur Wiederverwertung, wie sie das von Ute Dechantsreiter gegründete Baustoffbörse bauteilnetz Deutschland bietet. Dass heute zu perfekt und zu teuer gebaut werde, dass es zu viele stereotype Konzepte gebe und kreative Projekte nur in unpopulären Lagen probiert werden, waren Thesen der UmBauwirtschaft-Gruppe, die dafür plädierte, wirtschaftliche Anreize für den Umbau zu schaffen. Der Workshop Stadtumbau und Stadterneuerung nannte den Erhalt des städtischen Zusammenhangs als höchste Priorität im Stadterneuerungsprozess, wichtige Instrumente seien die Qualifizierung der Politik, öffentliche Gelder als Vorleistungen, Anreize für Qualität und – ein langer Atem. Der Workshop UmBauKunst hat die zukünftige Rolle des Architekten noch einmal genauer beschrieben, ein Bastler soll er sein, ein Gärtner und ein Drehbuchschreiber, der immer ein wenig überrascht wird, von dem, was kommt.

UmBauen

Mit der Förderung durch die Landesinitiative wird es in der nächsten Dekade möglich sein, ausgewählte Umbau-Projekte zu realisieren und die Zeit zu nutzen, in der das Architektur-Recycling noch als Experiment verstanden wird.

Uta Winterhager

Zur Internetseite der Landesinitiative >>StadtBauKultur

 

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>>Lärm, Schmutz und echte Häuser
28.11.2013
Interview: Architektur im Gespräch mit Tim Rieniets, seit dem 1. März 2013 Leiter der Geschäftsstelle StadtBauKultur NRW

 

>>Häuser von gestern für die Stadt von morgen
22.01.2014
Die erste Konferenz der neu formierten Landesinitiative StadtBauKultur NRW findet am 24. Januar 2014 in Gelsenkirchen statt.

 

24 Vorträge in 9 Stunden.

Weiterlesen im Konferenzprogramm möglich.

Foto: StadtBauKultur

Der größte Teil der 250 Konferenzteilnehmer waren Mitarbeiter der Städte und Kommunen aus NRW. Aber es trafen sich dort auch Architekten und Lehrende verschiedener Hochschulen.

Foto: StadtBauKultur

Impulsvortrag von Muck Petzet, auf der Architekturbiennale Venedig 2012 mit Reduce / Reuse / Recycle großes Erstaunen verursacht hatte. Er stellte die These auf, dass es den „visuellen Architekten“, wie Gary Cooper ihn 1949 in „The Fountainhead“ gespielt hat, heute, wo wir nicht mehr unter dem dauernden Zwang zur Erneuerung, stehen nicht mehr gebe.

Foto: StadtBauKultur

Abschlusspanel zur Vorstellung der Workshopergebnisse. Von links: Jörg Leeser, Prof. Georg Giebeler, Prof. Dr. Guido Spars, Frauke Burgdorff, Prof. Dr. Christoph Grafe, Christine Kämmerer

Foto: StadtBauKultur

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