Statistik lebt!

‚Wer glaubt an Statistiken?‘ lautet eine der Fragen beim Theaterprojekt ‚100 Prozent Köln‘, bei dem 100 Menschen auf der Bühne stellvertretend für alle Kölner antworten.

Schon das Programmheft zu diesem Theaterstück ist anders: Auf den ersten Seiten zeigt es bunte Diagramme und schematische Stadtpläne. Wie viele der Bewohner von Ehrenfeld haben einen Migrationshintergrund? Wie alt sind die Rodenkirchener? Und wer in Köln sucht Arbeit?

Statistische Kettenreaktion

Die Antworten auf diese Fragen hat das Theaterkollektiv Rimini Protokoll, in diesem Fall zusammengesetzt aus Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, in 100 Kölnerinnen und Kölnern gefunden, die in „100 Prozent Köln“ auf der Bühne stehen. 51 von ihnen sind weiblich, 49 männlich, 39 sind katholisch, 10 von ihnen Schüler und 8 älter als 75 Jahre. Ihre Darstellersuche bezeichnen sie als „statistische Kettenreaktion“: Die 24-jährige Psychologiestudentin Katja Karwat ist das erste Prozent und steht von nun an für 10.000 Kölner. Sie hat ihre Mutter als zweites Glied in der Kette ausgewählt, die wiederum eine Schulfreundin und die ihre Tochter – so geht es weiter, bis 100 Leute gefunden sind.

Vorstellungsrunde

Waren die Teilnehmer zu Beginn noch frei in der Auswahl einer weiteren Person, wurde der Prozess im Laufe der Zeit immer schwieriger, sollte die Statistik doch genau abgebildet werden. Geschlecht, Stadtbezirk, Haushaltsgröße, Alter und Nationalität wurden abgefragt. So musste als hundertste Person eine Polin zwischen 45 und 59 Jahren gefunden werden, die alleine in Porz lebt. Die war offenbar nicht aufzutreiben, also springt hier eine Statistin des Schauspiels Köln ein, die sich nun vorstellt, eine Witwe zu sein, die sogar ihre Unterwäsche bügelt und die immer ein Bild von Johannes Paul II. bei sich trägt. Bis der Zuschauer die hundertste Person auf der Bühne kennenlernt, ist bereits eine halbe Stunde vergangen und man hat den Hut der Kölsch sprechenden Rentnerin Gerda-Marie Dorff aus Bayenthal bewundert, vom einzigen Griechen, der gefunden werden musste, erfahren, dass er schon mal den Jakobsweg gewandert ist und sich darüber amüsiert, dass der Barbesitzer Thomas Schmeckpeper aus Ehrenfeld einen Ordnungsamtsbescheid wegen Ruhestörung mitgebracht hat.

Frage und Antwort

100 sehr unterschiedliche Personen zwischen zwei und 91 Jahren stehen auf der Bühne, zeigen, dass jede Statistik wirkliche Menschen abbildet – und beantworten nun stellvertretend für alle Kölner Fragen, indem sie sich auf der Bühne nach links für ja und nach rechts für nein begeben. So sind es fast ausschließlich Männer, die dieses Jahr noch nicht geweint haben. Nur wenige haben Angst vor der Zukunft, insbesondere die Jugendlichen könnten sich vorstellen, Köln zu regieren und immerhin acht Personen hatten schon einmal einen Burnout – was exakt dem statistischen Wert von acht Prozent entspricht. Nicht ganz statistisch korrekt ist mit Sicherheit die Antwort auf die Frage, wer beim legendären Köln Concert von Keith Jarrett im Jahr 1975 war: Drei Personen auf der Bühne waren damals dabei – damit müssten in die Kölner Oper rund 30.000 Besucher passen.

Woher und wohin?

Aktuell wird das Stück bei der Frage nach dem Bau der Zentralmoschee: Erstaunlich viele der Personen auf der Bühne sind dagegen, noch mehr sind allerdings gegen einen Muezzinruf. Die Antworten auf andere Fragen sind differenzierter, deshalb kommen Schilder zum Einsatz, vor denen sich die Darsteller postieren. So wird gefragt, warum sie nach Köln gekommen sind, zur Auswahl stehen „Immer schon da“, „Flucht“, „Liebe“ und „Arbeit“. Die Frage, wie lange sie noch in Köln bleiben möchten, beantworten die wenigsten mit „so kurz wie möglich“ und immerhin sechs Personen sind mehr als acht Mal innerhalb Kölns umgezogen.

Existenzielle Fragen

Auch wenn man zwischen den Fragen immer wieder kleine Einblicke in das Leben der Beteiligten bekommt – wie zum Beispiel dass bei der Einbürgerung von Bubacarr Sankanu aus Gambia Vor- und Nachname vertauscht wurden und dies hinterher nicht mehr zu ändern war – werden die zwei Stunden mit offener Fragerunde, Liegestützenwettbewerb und eigenen Kinderfragen doch etwas lang. In der Schlussrunde allerdings werden existenzielle Fragen gestellt, die zum Nachdenken anregen: Wer war schon einmal in Haft? Wer ist für die Wiedereinführung der Todesstrafe? Wer wurde schon einmal Opfer von Gewalt oder wer hat schon mal Gewalt ausgeübt? Nur wenige sagen von sich, sie hätten immer alles richtig gemacht. Und etwa 30 Prozent haben schon mal mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen.

Serienproduktion

Das Projekt wurde von Rimini Protokoll ursprünglich für Berlin entwickelt und dort 2008 uraufgeführt. Seitdem haben sie es in Wien, Athen, Vancouver und zu Beginn dieser Spielzeit in Karlsruhe realisiert. Die zentrale Frage, die Rimini Protokoll nicht nur auf der Bühne, sondern auch den jeweiligen Stadtbewohnern stellen möchte, ist sicher: Wer glaubt, die Stadt ist eine andere, weil er da ist? Die Antwort fällt – wohl nicht nur in Köln – eindeutig positiv aus. Wie viele aber würden in den anderen Städten töten, um ihre Stadt zu verteidigen? In Köln wären es hochgerechnet immerhin 60.000 Personen.

Vera Lisakowski

„100 Prozent Köln“ ist noch bis zum 16. November im Schauspielhaus zu sehen.

Informationen des Schauspiels Köln

100 prozent 1

Jeweils einer der 100 Darsteller stellt eine Frage, die alle beantworten.

100 prozent programm

Der Anforderungskatalog für die 100 Personen ist im Programmheft abgebildet.

Rechte: Schauspiel Köln

100 prozent 2

Der Tagesablauf wird auf einem Stadtplan abgebildet.

100 prozent 3

Bei mehreren Auswahlmöglichkeiten werden die Antworten auch mit Hilfe farbiger Fächer angezeigt.

100 prozent 4

Auch auf existenzielle Fragen müssen Antworten gefunden werden.

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