Kultur oder Architektur – worum geht es im Moscheestreit?

Ditib kündigt Böhm

Erleichterung war zu spüren, als am 7. November 2009 endlich der Grundstein für die Kölner Zentralmoschee gelegt werden konnte. Nicht nur der dreieinhalb Jahre zuvor entschiedene Wettbewerb, sondern jede der zähen Überarbeitungs- und Verhandlungsphasen, an denen neben dem Büro Böhm und der Bauherrin DITIB auch die Stadt und diverse Interessengruppen beteiligt waren, sind von großem öffentlichen Interesse begleitet worden. Doch immer wieder gab es Ängste und Zweifel, ob denn die Integrationsbereitschaft und die kulturellen Offenheit, die das Vorhaben mit großen Enthusiasmus vorangetrieben hatten, auch in der Praxis Bestand haben würden.

Nach der Grundsteinlegung ging es auf der Baustelle fast ein Jahr schnell voran, und mit jedem Meter, den der eindrucksvolle Rohbau wuchs, mit jeder Schale, die die Kuppel zum Raum werden ließ, wurde deutlicher, dass es richtig war, die Moschee aus dem Hinterhof zu holen und in die Stadt zu integrieren, das es richtig war den Katholiken Böhm mit dem Bau zu beauftragen und dass es richtig war, an genau dieser Stelle zu bauen. So wurden die Zweifel weniger, die Kritiker schwiegen und die Freude darüber, dass Köln ein so einzigartiges und vielversprechendes Bauwerk mit kulturellen Mehrwert erwarteten konnte, nahm stetig zu.

Kulturpolitischen Klippen

Dass die DITIB nun am 21.10.2011 den Architektenvertrag mit dem Büro Böhm gekündigt hat, kam dennoch nicht völlig überraschend. Seit dem Wechsel im Vorstand der DITIB im August 2010, wurde die Kommunikation mit dem sich anfangs so offen präsentierenden Verbandes zunehmend schwieriger. Führungen anzumelden war weniger erwünscht, Fotos verboten, Auskunft nur noch von Bauherrenseite und auch die Infobox wurde wieder abgebaut und es schien auf der Baustelle nicht mehr richtig voran zu gehen. Alle Maßnahmen wurden zwar begründet, standen aber dem ungebrochen großen Interesse der Öffentlichkeit konträr gegenüber.

Auch Böhm hatte von seiner Seite aus eine Kündigung angedroht, wohl aber noch nicht ausgesprochen. Die DITIB führte unter anderem Baumängel, steigende Kosten und Terminprobleme als Kündigungsgrund an. Böhm konterte, dass sich „die vordergründig in den Raum gestellten bautechnischen Probleme nicht in einem unüblichen Rahmen bewegt haben“ und verweist darauf, dass der Wechsel im Vorstand der Ditib „das notwendige Vertrauensverhältnis massiv erschüttert“ habe. Ob es nun tatsächlich Mängel an der Betondeckung des Bewehrungsstahls in der Kuppel gibt, wie die DITIB verlauten ließ, werden Gutachter feststellen können, da ist die Moschee kein Sonderfall. Auch dass bei Projekten dieser Größenordnung nicht immer alles nach Terminplan laufen kann, ist fast schon normal, auch dass es viele Gründe dafür geben kann bekannt. Doch die kulturpolitischen Klippen, die umschifft werden müssen, damit das Projekt gelingen kann, scheinen nun wieder so gefährlich wie schon lange nicht mehr.

Ideologische und bautechnische Fragen

Böhm möchte die Moschee weiterbauen, und auch von der DITIB ist anzunehmen, dass sie die Zukunft der Zentralmoschee nicht als eine mit Schadensersatzzahlungen refinanzierte Bauruine sieht. Am 10. November wird der Moscheebeirat tagen, ein fast 40-köpfiges beratendes Gremium aus Vertretern von Politik, Verwaltung, Religionsgemeinschaften und Kirchen, Gewerkschaften, Ehrenfelder Bürgerinitiativen, Unternehmern und Personen des öffentlichen Lebens, das im Mai 2007 von der DITIB gegründet wurde, um im Konfliktfall zu vermitteln. Doch warum musste die Situation so eskalieren, dass eine gerichtliche Auseinandersetzung unvermeidbar scheint, wenn es doch eigens dafür eingerichtete Instrumente zur Klärung und Vermittlung gibt?

Jetzt gilt es, eine Lösung auf allen Ebenen zu finden. Denn hier geht es nicht nur um Statik, Architektur, Termine und Geld, sondern um einen Meilenstein der Kulturpolitik, mit dem es der DITIB gelungen ist, sich in der Stadt zu etablieren und Sympathien zu gewinnen. Doch der Rohbau ist noch ein fragiles Konstrukt, den es zu schützen gilt, damit nicht am Ende doch die Kritiker und Polemiker recht behalten, die angesichts der Bautätigkeit eben verstummt waren.

Uta Winterhager

Paul Böhms Stellungnahme anlässlich der Kündigung zeigen wir hier:

Köln, 24.10.2011

Die Türkisch-Islamische Union (DITIB) hat unter dem 21.10.2011 die Kündigung des Architektenvertrages mit dem Architekturbüro Paul Böhm, Köln, ausgesprochen. Mit dieser Kündigung ist die DITIB der vom Architekturbüro Paul Böhm bereits vorher zum 24.10.2011 angedrohten und auch ausgesprochenen Kündigung zuvorgekommen.

Beginnend mit dem Wechsel des Vorstandes der DITIB im August 2010 ist das für eine weitere Vertragsabwicklung notwendige Vertrauensverhältnis massiv erschüttert worden. Als problematisch hat sich insbesondere erwiesen, dass mit dem Wechsel des Vorstandes auch ein Austausch sämtlicher projektbeteiligten Mitarbeiter der DITIB stattgefunden hat. Hierdurch wurde in einer der entscheidendsten Phasen des Bauvorhabens die Kontinuität nicht mehr gewährleistet und gleichzeitig ist damit auf Seiten der DITIB ein erheblicher Informations- und Know-How-Verlust eingetreten.

Auch wenn die DITIB grundsätzlich weiterhin den künstlerisch anspruchsvollen Entwurf anerkennt, sind im Detail sehr starke Divergenzen vor allem über die Gestaltung der Fassaden und den Innenausbau aufgetreten. Es fehlt seit Monaten an den für einen kontinuierlichen Bauablauf notwendigen Mitwirkungshandlungen des Bauherrn. Entscheidungen werden nicht getroffen und die Zahlung von fälligen Vergütungen wird verweigert. Gleichzeitig wird die Einhaltung von Terminvorgaben postuliert, deren Einhaltung durch den Bauherrn selbst unmöglich gemacht wird. Davon abgesehen wurde das Gebäude fristgerecht zu Beginn des diesjährigen Ramadan einer Teilnutzung zugeführt.

Die vordergründig in den Raum gestellten bautechnischen Probleme stellen aus Sicht des Architekturbüros Böhm sicherlich keinen Grund für eine außerordentliche Kündigung dar. Aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung des Architekturbüros mit der Abwicklung derartiger Großprojekte muss festgestellt werden, dass diese sich nicht in einem unüblichen Rahmen bewegt haben. Ferner wurden diese auch konstruktiven Lösungen zugeführt. Vielmehr dürften kulturpolitische und finanzielle Erwägungen eine Rolle gespielt haben.

Im Hinblick darauf, dass der Bauherr über die zu erwartenden Baukosten jederzeit informiert gewesen ist, kann die Behauptung des Bauherrn, wonach diese aus dem Ruder liefen, nicht nachvollzogen werden. Das Architekturbüro Paul Böhm bedauert die Entwicklung außerordentlich, zumal sich bereits jetzt abzeichnet, dass die vorstehend aufgezeigten Sachverhalte nunmehr Gegenstand langwieriger Rechtsauseinandersetzungen zu werden drohen. Insbesondere wird sich das Architekturbüro Böhm wie bisher, auch in der Zukunft für die gestalterische Qualität des Gesamtentwurfes einsetzen.

Architekturbüro Paul Böhm

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4 Kommentare

Ein Problem bleibt ungelöst: Solange der Islam in Deutschland die Christen als UN-Gläubige und nicht ANDERS-Gläubige betrachtet und daraus einen Führungsanspruch ableitet, ist das Zusammenleben keine friedliche Koexistenz, sondern beinharte Konkurrenz.

Ich selbst, christlich erzogen, aber lange aus der Kirche ausgetreten, stehe zu den christlichen Grundwerten, die sich im Grundgesetz und BGB manifestieren.

Wenn der neue Vorsitzende der Ditib in Köln, Prof.Dr. Ali Dere, die pluralistische Gesellschaft als Gegensatz zur „einzig wahren Religion“, dem Islam, betrachtet, ist das meiner Ansicht nach Demokratie-feindlich.
rb

Der schlechte Stil und das `unmögliche Vorgehen` der DITIB zeigt sich bereits darin, dass diese zuvor nicht jenes Gremium einschaltete, welches bei Problemen vorerst zuständig ist, nämlich den Beirat. Man sollte -wegen der vorgetragenen, angeblichen Mängel- einen dauerhaften Baustopp über das Projekt verhängen. Im übrigen möchte ich als Nichtgläubiger nicht durch irgendeine Religion als (menschen-)feindlich angesehen werden.

Ich glaube wir, die „Ungläubigen“ sind zu spät wach geworden. Der Islam wird in Deutschland langsam aber sicher immer mehr zu einer dominierenden Religion. Die Blauäugigkeit mancher deutscher Politiker gegenüber dieser Staat und Religion vereinenden Behörde (Ditib) stößt selbst bei vielen meiner türkischen Bekannten auf Unverständnis.
Es muß doch andere Möglichkeiten geben, ohne den türkischen Einfluß über Ditib, in Deutschland eine schöne Moschee zu bauen.

Schlimm ist, dass nun allen revisionistischen Stimmen Wasser auf die Mühlen fliesst, „Siehste, ich habs doch gewußt, der böse Islam….“
Noch schlimmer ist, die DITIB weiss das.
Am schlimmsten ist: Sie agiert trotzdem derart dogmatisch.
Am allerschlimmsten:
Sie muss sich bewußt sein, dass sie damit der deutsch-türkischen Annäherung schadet.
am allerallerschlimmsten: Sie tut es trotzdem.

Man möchte es nicht weiterdenken…

Die Ehrenfelder (wie ich), die sich (wie ich) auf die unzweifelhafte architektonische Aufwertung ihres Stadtteiles gefreut hatten, müssen jetzt wieder viele Kneipengespräche neu beginnen. Oder fruchtlos beenden.

Köln hat den Dom, den Kölnturm, das Weltstadthaus zuendegebaut, Köln kann sowas. Köln wird auch die derzeit größte Moschee in Deutschland schaffen.

Man kann Paul Böhm nur hinreichend
Mut, Kraft und Langmut wünschen.

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