„Gebt mir zurück was mir gehört!“

Die Farben der Oper

Nach langer Vorlaufzeit sei man heute zum ersten Mal an der Substanz von Riphahn angekommen, begann Remigiusz Otrzonsek von HPP seine Erläuterungen zum Verlauf der Sanierungsarbeiten an Oper und Schauspielhaus. Die dabei von dem Bonner Büro für Restaurierungsberatung Götz Lindlar Breu Lage für Lage mit dem Skalpell freigelegten Farben, Strukturen und Materialien der letzten 53 Jahre haben die Architekten nicht überrascht, wussten sie doch, dass Riphahns moderne und klare Formgebung ursprünglich von einem starken Farbkonzept getragen wurde. Und dennoch waren sie begeistert von der Wirkung jeder einzelnen Farbe, die in stratografischen Untersuchungen an mehr als 180 Stellen im Gebäude freigelegt wurden.

Noch vor der Schließung der Oper und des Schauspielhauses nach dieser Spielzeit werden an mehreren Stellen Schautafeln mit Erklärungen der Befunde aufgehängt um bei den Besuchern, die bald drei Jahre auf ihre Spielstätten verzichten müssen, schon ein wenig Vorfreude auf die neue alte Gestaltung zu wecken.

Skalpellarbeit

Da aber die kaum daumennagelgroßen Befundfensterchen keine Aussage zur räumlichen Wirkung des bauzeitlichen Farbkonzeptes machen, wurde die linke Achse vom Foyer bis in die Garderobe schon einmal probeweise gestrichen. Oliv die in die Tiefe des Gebäudes laufenden radialen Wandscheiben, rot die Stirnwand des Foyers, abgesetzt mit hellem Gelb, Grau und Beige. Die Garderobenrückwand im Fokus der Achse setzt mit ihrem anthrazitfarbenen Anstrich die gut erhaltenen originalen schwenkbaren Kleiderstangen und Schirmständeraus aus goldfarben eloxiertem und poliertem Aluminium sehr wirkungsvoll in Szene.

Als hätten man geahnt, dass irgendwann der originale Zustand wieder hergestellt werden sollte, sind die Sanierungsmaßnahmen der vergangenen Jahrzehnte durchweg sehr behutsam gemacht worden. So fand sich unter der verspiegelten Thekenfront noch gut geschützt das Original: dunkelgrüne Kunstlederpolster mit elfenbeinfarbenen Nägeln. Eine zu Bauzeiten hochmoderne Gestaltung, die heute an Retrocharme kaum zu überbieten ist. Einen überraschenden Effekt hatte auch die Reinigung des Schiefergesteins auf dem Fußboden, das nach gründlicher Reinigung nicht mehr dunkelgrau sondern hellgrau mit leichtem Grünstich erscheint.

Der Ruf nach Farbe

Zwanzig Schritte nach rechts zeigt sich die spiegelsymmetrisch geplante Blickachse noch in dem bekannten Weiß. „Gebt mir zurück was mir gehört!“, steht dort groß an der Wand. Ein Orpheuszitat, das in diesem Fall vielleicht ganz frei als Ruf nach Farbe interpretiert werden darf.

An anderer Stelle zeigt ein Ausschnitt in der Gipskartonummantelung der radialen Wandscheiben, dass frühere Sanierungen nicht nur die Farbe, sondern auch die Struktur der Oberfläche eliminiert haben. Nach der Sanierung wird der raue Sandputz der tragenden Wände wieder zu sehen sein. Von den erdigen Tönen des ebenerdigen Foyers werden die Besucher in ein wesentlich helleres oberes Foyer gelangen. Eine räumliche Inszenierung, die auch in den romanischen Kirchen in Köln zu finden ist, wo der helle Kirchenraum erst nach einem dunklen Vorraum betreten wird.

Die Raumwirkung des Obergeschosses gewinnt durch die fein abgestimmten hell-dunkel Kontraste von hellgrauen Decken und anthrazitfarbenen Wandscheiben an Dramatik. Dabei gibt es zwei Szenarien – eines für Tageslicht und eines für den Abend, bei dem die dunklen Wandflächen zwischen den raumhohen Fenstern auf den Offenbachplatz ein wirkungsvolles Passepartout für die üppigen Lüster bilden.

Das Nussbaumholz der doppelflügeligen Türen zum Zuschauerraum wirkt in der dunklen Wand wesentlich wertiger wie ein Blick um die Ecke beweist, wo die alte/neue Farbfassung schon einmal probeweise aufgebracht wurde. Im Saal sind zwei Sitze mit hellblauem Mohair neu bezogen und aufgepolstert. Für die Zuschauer wird dies aber nicht nur die Farbstimmung im Saal beleben, sondern auch den Sitzkomfort erhöhen.

Bei den Teppichböden sind die Architekten und Restauratoren noch etwas unschlüssig. Blau wird er sein, nur welches Blau wissen sie noch nicht, da sie das Original noch nicht aufspüren konnten und die Schwarzweiß-Fotos in den Archiven hier nicht weiter helfen können.

Neue Wohnlichkeit

Bei den Untersuchungen der Farbgebung an Oper und Schauspielhaus ist den Restauratoren und Architekten aufgefallen, dass sich die vier Jahre Altersunterschied zwischen den beiden Gebäuden deutlich bemerkbar machen. Beim Schauspielhaus sind die Farben insgesamt dezenter und die Ausgestaltung ist detaillierter. Eine sehr augenfällige Sanierungsmaßnahe wird sein, den Klinker der Fassade, der sich bis in den Innenraum des Foyers gezogen hat, wieder frei zu legen. Die zweite Türebene kann jedoch aus technischen Gründen nicht wieder eingebaut werden.

Überall in und um das Opernensemble wird gebohrt, gekratzt, kartiert und ausprobiert, soweit das im laufenden Betrieb möglich ist. Doch jetzt schon ist zu sehen, dass die durch das Fehlen von Farbe und Struktur verlorene Qualität der Architektur bald wieder dem Riphahnschen Ideal entsprechen wird.

Nach dem Krieg sollte die farbige Architektur Wohnlichkeit in die grauen Städte bringen. Heute dagegen traut man sich kaum noch den Begriff Wohnlichkeit oder mehr als eine Farbe zu verwenden. Aber in diesem Fall wird spätestens mit dem Beginn der Spielzeit 2015/16 bewiesen sein, dass Wohnlichkeit nicht spießig ist und dass die Architektur nicht ohne Farbe auskommt.

Uta Winterhager

Lesen Sie auch zum Thema:

Neues vom Offenbachplatz II

23.08.2011

Zwischenbericht zum Planungsstand

„Koalitionsarithmethik“

11.10.2010

Nach der Ratssitzung am 7. Oktober gibt es wieder mal Neues, aber leider nichts Konkretes vom Offenbachplatz

Strahlen statt Gammeln

06.07.2010

Interview: Architektur Ein Gespräch mit Jörg Jung von „Mut zur Kultur“ über die städtebaulichen Potentiale des Opernquartiers

Neues vom Offenbachplatz I

27.05.2010

„Runder Tisch“ am 27. Juni · Weitere Nutzung der Spielstätten um ein Jahr wird geprüft · Erneutes VOF-Verfahren beschlossen

Flächen- und raumdeckend wurden mit dem Skalpell kleine Befundfenster freigekratzt um unter bis zu sieben Schichten Farbe den Originalton von 1957 zu entdecken.

Foto: BRB Lindlar

Wohnlichkeit in rot, gelb grün, oliv, grau und anthrazit. Derzeit ist zwar erst eine Achse probeweise in bauzeitlicher Farbfassung gestrichen, aber der vorher/nachher-Effekt ist verblüffend – nicht nur die Oberfläche des gründlich gereinigten Fußbodens betreffend.

Foto: Bernd Zöllner, fotografie-zoellner.de

Die räumliche Wirkung ist verblüffend: die Kleiderstangen aus poliertem Aluminium sind im Original erhalten und entfalten ihren ganzen Charme auf dem anthrazitfarbenen Probeanstrich.

Foto: Uta Winterhager

Die dunklen Wandflächen zwischen den raumhohen Fenstern im Obergeschoss leiten den Blick auf den Offenbachplatz.

Foto: Uta Winterhager

Beim ‚Blau‘ der Teppichböden sind sich die Planer noch unschlüssig, hier fehlen derzeit die Beweisstücke.

Foto: Uta Winterhager

Das Orpheuszitat könnte Programm für die Sanierung der Kölner Bühnen sein.

Foto: Uta Winterhager

Schreibe einen Kommentar