Zu Fuß in die Zukunft

Für eine Kölner Zeitreise benötigt man keine Zeitmaschine – es reicht ein Smartphone. Dann kann man mit Paul Böhm die Zentralmoschee besichtigen oder der Eröffnung des neuen Histor…

In der Bischofsgartenstraße, direkt an der Kölner Philharmonie, ist ein Park, der auch das Gelände des ehemaligen Hotel Mondial einnimmt. Seit 2022 werden hier kostenlose Kammermusik-Konzerte angeboten – so erzählt der ehemalige Intendant der Philharmonie, Louwrens Langevoort, im Jahr 2036. Diesen Park betrachtet er rückblickend als eine der größten Leistungen seiner Intendanz, aus der er auch berichtet: „In der Zeit, als ich hier Intendant war, war hier mal eine grauenvolle Baustelle für die U-Bahn. Das sollte nur ein paar Jahre dauern, es dauerte dann aber ewig.“

Laufen und Hören

Bis Langenvoort das erzählt, muss man nicht noch 25 Jahre warten, sondern nur ein Smartphone im Schauspielhaus ausleihen und durch die Stadt gehen. Das Regie- und Autorenduo Hofmann&Lindholm hat für Deutschlandradio Kultur ein „Hörspiel für Selbstläufer“ entwickelt, das sich mit der Zukunft beschäftigt. „Pre-Enactment“ nennen sie ihre Inszenierungen für das „Archiv der zukünftigen Ereignisse“. An 36 Punkten in der Stadt spielt das ausgeliehene Handy automatisch Audiodateien ab. Ein Stadtplan und Google-Maps helfen bei der Orientierung und bei der Auswahl aus über vier Stunden Hörspiel – denn alle Stationen an einem Tag abzulaufen, kann und soll nicht gelingen.

Eröffnung des Stadtarchivs

So kann sich der Hörer zum Beispiel die Themen heraussuchen, die sich mit Bauprojekten beschäftigen. Am Bauzaun der Einsturzstelle des Stadtarchivs stehend, geht man 2017 mit dem dann pensionierten Baudezernenten Bernd Streitberger in den „Stillen Raum“, der in dem dort neu errichteten Gebäude eingerichtet wurde. Er dient dem Gedenken an die beiden Toten des Einsturzes. Streitberger beschreibt den Raum genau, auch die Sitzhocker und wie er sich auf einen davon setzt. Seine Schilderung der gedämpften Geräusche in dem Raum wird akustisch aufgenommen, während Streitberger sich an den Einsturz, aber auch den Streit um die Verantwortung erinnert. Schon zwei Jahre zuvor war man mit Bernd Streitberger bei der Eröffnung des neuen Historischen Archivs am Eifelwall. Auch hier übernimmt er die Beschreibung der Architektur – so professionell, dass man die edle, bronzene Oberfläche des Gebäudes und die Innenräume vor sich sieht.

47544autostart=TRUE]Oberbürgermeister Jürgen Roters hält eine Rede, in der er auch die Angehörigen der Todesopfer begrüßt und bemerkt, dass die Verantwortlichen, die eine Mitschuld am Unglück trugen, nicht anwesend sind.

Besichtigung der Moschee

Nicht anwesend bei der Archiveröffnung ist der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma, „vielleicht hat er es noch nicht verarbeitet“, vermutet Bernd Streitberger. Zur Eröffnung der neuen Zentralmoschee an der Inneren Kanalstraße im Mai 2012 kommt Schramma aber, genauso wie der Bezirksbürgermeister von Ehrenfeld, Josef Wirges, der hier eine Rede hält, in der er die Moscheegegner anspricht, die sich draußen versammelt haben. Auch der Architekt Paul Böhm hält eine Rede zur Eröffnung, und verweist darauf, dass das Baumaterial Beton Beständigkeit ausdrückt. Im Sommer 2012 führt er dann durch die fertige Moschee: Auf den Rohbau blickend, geht der Hörer mit Böhm die Treppe zum Innenhof hoch und besichtigt dort die Brunnenskulptur. Immer sind dabei die Schritte auf dem Betonboden zu hören, bis zu dem Moment, in dem man den Gebetsraum betritt. Böhm fordert einen auf, die Schuhe auszuziehen, um den Teppich zu betreten, der den einzigen Schmuck des Raumes bildet. „Wir wollen erst erspüren, was dem Raum gut tut und was nicht“, erläutert Böhm.

Verwirrspiel

Das Archiv enthält aber nicht nur Kölnspezifisches, es widmet sich vor allem allgemeingültigen Themen: Ein Mann mit Demenz berichtet, was er alles vergessen haben wird, ein Soldat kehrt im März 2012 aus Afghanistan zurück und

47545autostart=TRUE]Ruth Henckels erzählt von ihrem 101. Geburtstag in einem Jahr. Immer wieder rutscht man zufällig in diese Geschichten, auch wenn sie vielleicht gar nicht in der eigenen Auswahl waren. Doch die Inhalte packen, so dass der Spaziergang durch die Stadt leicht zu einem langen Marsch werden kann. Bei allen Audios fällt auf, wie technisch perfekt und wie detailgetreu sie gestaltet sind, die handelnden Personen beschreiben genau, was sie tragen, was sie machen und halten Reden, als ob das Ereignis bereits eingetreten sei. So entsteht ein verwirrendes Spiel mit der Zeit und der Realität – nie weiß man ganz genau, was bereits fest geplant ist und was der Phantasie entspringt. Ereignisse, die noch nicht geschehen sind, verknüpfen sich mit realen Orten. Gleichzeitig hat die Beschreibung der Zukunft auch etwas Beängstigendes – unweigerlich fragt man sich, ob alles so eintreten wird, wie die handelnden Personen es beschreiben und ob und wie man selbst es erleben wird.

Vera Lisakowski

Bis zum 15. Oktober können die Smartphones im Schauspielhaus Köln ausgeliehen werden. Danach kann der Stadtrundgang auf jedes Handy mit Android-Betriebssystem heruntergeladen werden.

Homepage der Deutschlandradio-Reihe Radioortung

Informationen des Schauspiels Köln

Homepage von Hofmann&Lindholm

Bischofsgartenstraße

In der Bischofsgartenstraße an der Philharmonie wird es 2036 einen Park geben.

Hannah Hofmann und Sven Lindholm

Hannah Hofmann und Sven Lindholm mit den Smartphones.

Einsturzstelle des Stadtarchivs

Die Einsturzstelle des Historischen Archivs – 2017 wird hier ein neues Gebäude stehen.

Standort des neuen Historischen Archivs

Der Standort des neuen Historischen Archivs.

Rohbau der Moschee

2012 wird die Moschee eröffnet und man kann einen Rundgang mit dem Architekten durch das Gebäude machen.

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