Sonntags im Staatenhaus

Die Oper Köln nutzt das Staatenhaus am Rheinpark für die szenische Uraufführung des ‚Sonntag aus Licht‘, Teil des siebenteiligen Licht-Zyklus über die Tage der Woche von Karlhein…

In einem weiten Halbrund umschließen die Kolonnaden des Staatenhauses den Tanzbrunnen im Rheinpark. Sie leiten den Besucher zum hoch aufragenden Torbau in der Mitte des Ziegelbaus, der 1927 von Adolf Abel errichtet wurde. Für die Internationale Presse-Ausstellung (Pressa) von Mai bis Oktober 1928 mussten die älteren Messehallen erweitert werden, so entstand auch das Staatenhaus, in dem die 450 ausländischen Aussteller ihre Exponate präsentierten.

Nach Betreten des Gebäudes durch den monumentalen Torbau verliert sich der repräsentative Eindruck sofort wieder. Der Eingangsbereich des Messegebäudes verleugnet auch am Opernabend seinen eigentlichen Zweck nicht: Leuchtstoffröhren tauchen die auf Wunsch der Oper in helle Kleidung gehüllten Zuschauer in ein grelles Licht, der Zugang zu den beiden Spielstätten erfolgt unter den halb geöffneten Rolltoren hindurch an beiden Seiten.

Sonntag am Samstag

Einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem Gebäude und dem hier gezeigten „Sonntag aus Licht“ des 2007 verstorbenen Karlheinz Stockhausen herzustellen, fällt schwer. Anders als bei den übrigen Spielstätten der Spielzeit unter dem Motto „Tapetenwechsel“ haben hier wohl eher praktische Gründe eine Rolle gespielt: Für das Werk werden zwei Räume benötigt, die die gleiche Zuschauerzahl aufnehmen können, so hat Stockhausen festgelegt, denn Szene fünf muss in zwei Räumen parallel gespielt werden. Bei der Uraufführung, inszeniert von der katalanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“, wird das gut sechsstündige Werk ohne dramatische Handlung an zwei Abenden aufgeführt – und so beginnt Stockhausens Sonntag bereits am Samstag.

Musik in Bewegung

Die erste Szene führt in einen kreisrunden Einbau in einer der Messehallen, weiße Wände, ein weißer Boden und weiße Segel über den Zuschauern geben die Farbe des Abends vor, obgleich die Farbe des Sonntags nach Stockhausens Zuschreibung Gold ist. Mit der hellen Kleidung wird der Zuschauer zum Teil der Inszenierung, wenn er sich in den weißen Liegestühlen niederlässt; hier darf er die ersten beiden Szenen verbringen. Auch die Musiker der „Musikfabrik“, Spezialisten für Gegenwartsmusik, sind in weiße Anzüge gehüllt, sie verteilen sich frei im Raum, spielen jeweils nur einzelne Töne, so dass der Gesamtklang durch den Raum springt.

Ebenso bewegen sich die exzellenten Sänger durch den Raum, Urmutter Eva (Anna Palimina) wird dabei auf einem Podest stehend von mehreren Darstellerinnen geschoben. Nur die Arme und Köpfe ragen aus einer weißen Folie heraus, die die Eva-Pyramide umhüllt. Ihr Gegenpart Michael (Hubert Mayer) kreist gar über den Köpfen der Zuschauer, in einer Art Raumkapsel, gekleidet in einen weißen Astronautenanzug. 50 Minuten lang bewegen sich die beiden diametral entgegengesetzt durch den Raum, immer begleitet von kreisenden Planeten-Projektionen auf den weißen Wänden, bis sie am Schluss der Szene zueinander finden.

Gotteslob mit 3D-Brille

Auch die „Engel-Prozession“ der zweiten Szene führt durch den runden Raum. Gemessenen Schrittes schreiten sieben Chorsänger-Gruppen durch die Gänge zwischen den Liegestühlen. Ihre Umhänge und die beleuchteten Engelsflügelchen sind gleich, die Farben aber unterschiedlich, symbolisieren so die sieben Tage der Woche. In sieben Sprachen singen die Gruppen ihren Satz des Gotteslobs, das Oberthema des Sonntags im insgesamt 29-stündigen Licht-Zyklus.

Viel schlichter ist der Raum, in den die dritte Szene „Licht – Bilder“ führt: Eine Guckkastenbühne vor ansteigendem Zuschauerraum, ganz in Schwarz. Der Sänger und die drei Musiker stehen in einer Wasserfläche auf der ebenerdigen Bühnenfläche, hinter sich eine Leinwand. Das Gotteslob wird hier konzentriert: Die Schöpfung besungen, Steine, Pflanzen, Tiere oder Elemente musikalisch aufgezählt. Ergänzt wird der reduzierte Inhalt von plakativen 3D-Projektionen, so dass etwa ein Kranz von Jasminblüten über dem Kopf des Vordermannes kreist oder Delphine über die ersten Zuschauerreihen springen. Nur für Sekunden wird die Projektionsfläche mehrere Male weggezogen und gibt dabei den Blick frei auf den tiefen Raum, in dem sich Tänzer bewegen.

Vereinigung von Raum und Klang

Der zweite Abend beginnt für die Sänger wieder im Wasser. In Szene Vier, „Düfte-Zeichen“, spielen genau diese Elemente die Hauptrolle: Tänzer bringen überdimensionale, den Wochentagen zugeschriebene Zeichen herein und fackeln sie ab. Zeitgleich werden bei dem Rückblick auf die sieben Tage der Woche die jeweiligen Wochentagsdüfte durch das Publikum getragen. Ein sinnliches Erlebnis, bei dem Musik und Text in den Hintergrund rücken. Zum Ende der Szene wird endlich die Tiefe dieses Raumes erfahrbar: Eva und Michael als Knabe fliegen auf einem beleuchteten weißen Pferd davon und werden in einer langen Sequenz immer kleiner, bevor sie endgültig verschwinden.

Für die parallele Aufführung der fünften Szene „Hoch-Zeiten“ wird das Publikum auf die zwei Räume aufgeteilt. Auf der Guckkastenbühne stehen die Musiker: fünf Orchester von je sechs Musikern, die scheinbar völlig unterschiedliche Musik spielen. Immer wieder werden die um 18 Sekunden versetzten Chorklänge aus dem zweiten Raum eingespielt und zugleich das dortige Geschehen auf die Leinwand projiziert. Symbolisch steht es für die mystische Vereinigung von Michael und Eva – und ganz real für die hohe technische wie musikalische Präzision, die die ganze Aufführung auszeichnet. Deutlich wird aber auch, dass sich diese Räume nur mit Musik bespielen lassen, für die ohnehin eine Verstärkung – in diesem Fall auch technische Bearbeitung – benötigt wird. Ohne Mikrofone würde sich der Klang in den hohen offenen Decken in den Klimaschächten verlieren. Oder aber, die Musik wird vollständig zur Nebensache, wie im zweiten Raum der fünften Szene, in dem die Chormusik vom Band eingespielt wird.

Hier hat Carlus Padrissa mit seiner Truppe „La Fura dels Baus“ tief in die inszenatorische Trickkiste gegriffen. Die Liegestühle wurden mit Kabelbindern zu riesigen Rädern zusammengebunden, mit denen das sich frei im Raum bewegende Publikum zuerst auseinander, dann wieder zusammen getrieben wird. Artisten auf Stelzen treiben Späße mit den Zuschauern, Tänzergruppen bewegen sich zu den Chorklängen, unterschiedliche Projektionen kreisen wie in der ersten Szene an den runden Wänden entlang und auch das fliegende Pferd schwebt über die Köpfe. So beschäftigt ist der Zuschauer mit dem Spektakel, dass die Einblendungen aus dem anderen Raum wie die gesamte Musik kaum noch Beachtung finden. Sie rückt erst wieder beim „Sonntags – Abschied“ ins Bewusstsein: Er geleitet den Zuschauer durch die Eingangshalle hinaus bis auf den beschallten Parkplatz.

Spektakulär und aufwändig

Die Kölner Oper hat bewiesen: Das Werk ist nicht unaufführbar. Sie hat aber ebenso bewiesen, dass für eine Aufführung dieses langen und inhaltlich unergiebigen Teils des Licht-Opus erheblicher, auch finanzieller, Aufwand getrieben werden muss. „La Fura dels Baus“ ist dafür so prädestiniert, dass es ihnen sogar gelingen kann, mit ihrer spektakulären Inszenierung die Zuschauer einzunehmen, die Stockhausens Musik distanziert gegenüber stehen. Und vielleicht wäre Stockhausen auch eine Perspektive für die Oper Köln, falls sich die Sanierung des Opernhauses noch mal verzögern sollte, und wieder Ersatzspielstätten benötigt würden: Da böte sich doch ein Flugplatz mit den vier Helikoptern an, die für die noch ausstehende szenische Uraufführung des „Mittwoch aus Licht“ vorgesehen sind.

Vera Lisakowski

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Informationen der Oper Köln zu „Sonntag aus Licht – Teil 1“

Informationen der Oper Köln zu „Sonntag aus Licht – Teil 2“

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Das Staatenhaus umschließt in weitem Bogen den Tanzbrunnen im Rheinpark.

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Der Eingangsbereich des Staatenhauses.

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Liegestühle für die ersten zwei Szenen.

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Die Eva-Pyramide und Michael kreisen durch den Raum.

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Michael (Hubert Mayer) schwebt über dem Publikum.

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Die dritte Szene ‚Licht-Bilder‘ wird von 3D-Projektionen begleitet.

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In ‚Düfte – Zeichen‘ werden die Zeichen der Wochentage abgebrannt.

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Ein beleuchtetes Pferd schwebt durch die fünfte Szene.

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