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„Big buildings“ von Thomas Schütte in der Bonner Bundeskunsthalle

Darf der das, fragt sich der Architekt in Tomas Schüttes Ausstellung „Big Buildings Modelle und Ansichten“ in der Bonner Bundeskunsthalle. Darf ein Künstler Häuser bauen und sie in einem großen Museum ausstellen, während draußen so viele Architekten darauf vergeblich warten, dass sich jemand für ihre Ideen interessiert?

Ja, er darf das. Nicht weil er der bessere Architekt ist, sondern weil die von ihm gebauten Häuser nur Modelle sind. Denn obschon sie in dieser Ausstellung erstmals im begehbaren Maßstab zu sehen sind, stehen sie für „eine bessere und schönere Welt“ sagt der Kurator der Ausstellung Rainald Schumacher. Das ist das Privileg des Künstlers. Das Privileg des Modells ist es, dass man ihm Schwächen und Fehler verzeiht, wenn Ideen die Unvollständigkeit des real existierenden Objektes überlagern.

In der Bonner Ausstellung teilen sich drei dieser 1:1-Architekturmodelle und drei überlebensgroße menschliche Figuren die große Halle. Gemeinsam markieren sie einen Punkt in Schüttes Schaffen, auf den er seit den frühen achtziger Jahren hin gearbeitet hat: Jetzt erst haben seine Werke ihre wahre Größe erreicht. Wie lang der Weg bis hierher gewesen ist, belegen die zahllosen Skizzen und Modelle in den Nebenräumen.

Hochhaus, Ferienhaus, Hotel

„Drei Engel“, hängen blechern und tonnenschwer neben dem Eingang und drehen sich im Zeitlupentempo hierhin oder dorthin. Doch der Blick des Besuchers fällt zunächst auf das leuchtend bunte „Model for a Hotel“ mit seinen 21 Stockwerken Sicherheitsglas. Eineinhalb Jahre lang hat es auf dem Londoner Trafalger Square gestanden und wurde dort wenig verwunderlich zum „Hotel for the Birds“.

In der Ausstellung „Kreuzzug“ zeigte Schütte im Jahr 2004 erstmals eine Reihe von Architekturmodellen, die er „Ferienhaus für Terroristen“ genannt hat. In Bonn kann man den Pavillon aus Holz und buntem Stoff nun selbst betreten. Doch der Titel irritiert: Ein Ferienhaus? Vielleicht, denn es bietet nur wenig mehr Schutz als ein Zelt. Aber ein so leichtes Haus für Terroristen, die man doch besser richtig wegsperren sollte? Der Audioguide liefert die Erklärung: „Wer ein Haus besitzt, rennt nicht los und wirft Bomben.“

„Vater Staat“ und das „One Man House II“ stehen sich Auge in Auge gegenüber. Die fast vier Meter hohe Bronzeskulptur blickt streng aber mit nachlässig gegürtetem Bademantel auf den Stahlskelettbau. Dieser ist eine neue Version von Schüttes gleichnamigen vielfach gezeigten Ready-Mades aus Gelenkstellen für Lüftungsschächte, deren kreisrunde Öffnung das Modell in jedem Maßstab zur Kamera macht. Eine andere Version des „One Man House II“ aus Stahl, Glas und Holz steht in Roanne, in der Nähe von Lyon und blickt auf einen See. Im Auftrag eines Kunstsammlers wurde es in dessen Garten gebaut. Und obwohl es, wie alle Arbeiten von Schütte, kein Wohnhaus sondern nur Rückzugsort ist, hat es das AD-Magazin im vergangenen Jahr in seine Liste der 100 besten Adressen zum Wohnen aufgenommen.

Ist es nun Architektur, wenn ein Künstler ein Haus baut, oder doch eher Kunst? Wenn man es zwar betreten, aber nicht bewohnen kann? Schütte sagte einmal, es wäre nicht schlecht, wenn Kunst eine Funktion hätte. Das Haus im Museum hat diese eine Funktion: es steht für etwas. Mehr will es nicht. Also betreten wir das Modell, blicken herum und heraus und leben einen Augenblick in dieser schönen und besseren Welt. Da können wir uns freuen, dass wir mal nicht wie Schüttes „Mann im Matsch“ bis zu den Knien versunken mit der Wünschelrute danach suchen müssen.

Uta Winterhager

Thomas Schütte

Big Buildings – Modelle und Ansichten

15. Juli bis 1. November 2010

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Museumsmeile Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 4 • 53113 Bonn

Ferienhaus für Terroristen,

2009–2010,

Höhe: ca. 400 cm,

Holz, Stoff,

Foto: Tania Beilfuß,

© Bundeskunsthalle

© VG Bild-Kunst, Bonn 2010

One Man House II,

2007–2009, Metall, Holz, Glas,

diverse Materialien,

Foto: Uta Winterhager

‚Model for a hotel‘,

Glas, Aluminium, Stahl,

509 x 520,5 x 493 cm,

Foto: Uta Winterhager

1 Kommentar

Die Ausstellung ist wunderbar. Bei dem one Man House frage ich mich aber, ob es nicht einfach nicht fertig geworden ist. Die Rohbaukonstruktion passt irgendwie nicht richtig ins Bild finde ich. Weiss da jemand was?

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