Mut zur Kultur?

Ein Kommentar

„Nicht immer sind es Mut und Keuschheit, die die Männer mutig machen und die Weiber keusch.“ – François de La Rochefoucauld, Reflexionen

Verkehrte Welt, wird sich manch nicht-Kölner Feuilletonleser in den letzten Wochen gedacht haben: Der Stadtrat greift kurz vor Weihnachten in die klammen Taschen, um mit einem neuen Schauspielhaus in Reputation und Standing der Bühnen zu investieren, und die halbe Kulturszene ruft, um Gottes Willen, nur das nicht. Und reklamiert für sich auch noch den eigentlichen „Mut zur Kultur.“ Mit dem Argument der kreativen Bescheidenheit – lieber tolle Stücke als teure Architektur – und der Verbeugung vor dem historischen Erbe und einer ideellen Heimat haben die Initiatoren in den Medien und bei der Bevölkerung viel Sympathie erfahren.

Und einen Nerv getroffen, denn der „Verdruss von Jahren“ – so der treffende Titel des KStAs vom 05.02. – eint Bürger und Kulturschaffende. Was sie machen, machen sie falsch, die Kölner Kulturpolitiker. Zuerst schnüren sie ein ziemlich großes Wunschpaket, für das aber die veranschlagten 234 Mio. Euro nicht reichen. Ergo schrauben sie ihre Vorstellungen herunter, erhöhen die Investition auf 300 Mio. Euro und kriegen nun einen teuren Neubau, der gar nicht viel besser funktioniert als ein sanierter Altbau. Und der würde zusammen mit dem Umbau der Oper nur 180 Mio. Euro kosten – glauben die Initiatoren des Bürgerbegehrens.

Symbol für alles was in Köln nicht funktioniert

Oder kriegt die Stadt diesmal doch unverdient Schimpfe? Die Ratsentscheidung vom Dezember fußt schließlich auf einem jahrelangen demokratischen Prozess und ist die Konsequenz aus vorher erfolgten Weichenstellungen. Der ursprüngliche Plan wurde abgespeckt um ein paar Luftschlösser (Ballett), sperrige Gegenstände (Schmiede und Schlosserei im Werkstattgraben) und andere „nice to haves“ (zweiter Lastenaufzug) und wird immer noch deutlich funktionalere Spielorte bieten als ein sanierter Altbau das zu leisten in der Lage wäre.

Die im Raume stehenden Kostenschätzungen sind alles Rechnungen mit vielen Unbekannten, und Sanierungen sind noch schwieriger zu beziffern als Neubauprojekte. Sowohl die Stadt als auch JSWD Architekten / Chaix & Morel veranschlagen allein für die Sanierung der Oper 160 Mio. Euro. Der Schauspielhaus-Neubau soll 120 Mio. Euro kosten. Demgegenüber steht das städtische Gutachten von 60 Mio. Euro Sanierungskosten für das Schauspiels und weiteren 40 Mio. für ein kleineres Ergänzungsgebäude. Bei dieser Rechnung stünde am Ende eine Einsparung von 20 Mio. Euro. Hinzu kämen aber neue Kosten für ein neues VOF-Verfahren, einen Neubau-Wettbewerb und einer Neuplanung für das Opernhaus.

Bleibt die Frage, wofür Köln wirklich den Mut aufbringen will: für den Erhalt eines liebgewonnenen 60er Jahre Schauspielhauses, bei dem man sich am Ende wahrscheinlich zugestehen muss, dass es trotz enormer Finanzmittel doch nur mehr schlecht als recht funktioniert, oder für eine komfortable und funktionale Neulösung, die städtebaulich das Potenzial hat, ein anziehendes Innenstadtquartier zu schaffen. So mutlos war der Stadtrat vielleicht diesmal gar nicht.

Ira Scheibe

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Ein Kommentar zu den Planungen um Archäologische Zone, Stadtmuseum und Schauspielhaus

>>Generalprobe 15.07.2009

Planungen mit rotem Stift am Offenbachplatz

Weiterführende Links

Internetseite des Wettbewerbs:

Architektonischer Realisierungswettbewerb

Bühnen Köln am Offenbachplatz

Internetseite der Initiative

Mut zur Kultur

Internetseite der Kölner Oper

Stellungnahme der Opernintendanz und der Projektleitung Bühnen

Internetseite des Kölner Schauspiels

Offener Brief von Karin Beier

Internetseite der Initiative „Wir wollen unsere Schauspielhaus behalten“

Ihr seid Künstler und wir nicht!

Internetseite

JSWD Architekten

Ist der Wunsch nach dem Erhalt des Schauspielhauses durch Mut und kreative Bescheidenheit gekennzeichnet oder manifestiert die Sanierung die städtebaulich unbefriedigende Situation auf Jahre hinaus?

Foto: Jan Höhe

Foto: Jan Höhe

5 Kommentare

Die von der Autorin dieses Artikels genannten „Luftschlösser (Ballett), sperrige Gegenstände (Schmiede und Schlosserei im Werkstattgraben) und andere „nice to haves“ (zweiter Lastenaufzug)“ waren die GRUNDLAGE der Zustimmung zum Neubau in diesem viel beschworenen demokratischen Prozess! Dies sind nicht etwa entbehrliche Details!
Und wenn dieses Bauwerk so nicht finanzierbar ist, ist die Entscheidung hinfällig! Dann kann die Zustimmung zur Zerstörung eines Denkmals nicht aufrecht erhalten werden.
Wer kein Geld hat, kann nicht bauen. Wer wenig Geld hat, muss klug mit seinem Besitz umgehen, um Dinge von Bedeutung zu erschaffen. Das geht sicher nur durch Wertschätzung des Bestandes.
Dazu kommt: Alle Archivalien Riphahns sind zerstört – jetzt soll auch das steinerne Erbe unwiederbringlich zerstört werden?

..bei allem Hype um 60er-Jahre Architektur- aber was Opernhaus und Schausielhaus gerade nicht zusammen bilden: ein Ensemble. Das 5 Jahre später gebaute Schauspielsteht eher unglücklich im Windschatten des Opernhauses, das durch den Neubau freigestellt werden würde. Ich finde, die „Mut zur Kultur“-Initiative mit ihrer anmaßenden Neubau=U-bahn-Chaos-Argumentation sehr unsachlich.

… scheinbar ist auch auf dieser Seite Kultur „gedeckelt“. Allzulange Kommentare sind hier nicht drin! Schade!

Auch wenn das Thema komplex ist – 1000 Zeichen sollten für einen Kommentar ausreichen.
Schöne Grüße die Redaktion

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