plan 09: Urbanismus von unten

Die alternative Runde: grüner, subversiver und situativer Urbanismus

Schon wieder Urbanismus? Ja, denn dieses dankbare Thema schluckt alles, was man in und mit einer Stadt so machen kann. Ernsthafte und akademische Gedanken teilen sich hier gleichberechtigt ein Forum mit alternativern Lebensformen und provokanten Statements. Der städtische Raum wird freigegeben für Experimente im Maßstab 1:1, die dank der gelben plan-Fahnen und ergänzenden Diskussionsveranstaltungen auch eine echte Chance haben öffentlich wahrgenommen zu werden.

Die nachfolgend beschriebenen Projekte betreiben den Urbanismus von unten, setzen Ideen direkt um ohne den Umweg über politische und bürokratische Hürden zu nehmen. Wer seine Stadt gestalten will, der soll es tun, scheint der gemeinsame Aufruf der Akteure an die Besucher zu sein, und damit am besten auch direkt starten.

03 Urbanismus Statements

meetingpoint und Stadtspaziergang

Der Vortrag von Guerilla Gardening-Guru Richard Reynolds aus London war ebenso wie der anschließende Stadtspaziergang mit dem Kölner Landschaftsarchitekten Dirk Melzer, außerordentlich gut besucht. In seinem Vortrag erklärte Reynolds, der nach Feierabend als urbaner Wildpflanzer aktiv ist, die politischen, sozialen und künstlerischen Aspekte der Guerilla Gardening-Bewegung. Erstaunlich ist, dass es den Engländern vielfach nur um die bloße beautification eines hässlichen Ortes geht, die Deutschen dagegen sind bei der Verschönerung des öffentlichen Grüns viel ernsthafter und auch bürgerlicher bemüht – und selten ohne damit ein Statement abzugeben. Drei ganz verschiedene Guerilla-Gärten zeigte Melzer bei seinem anschließenden Stadtspaziergang:

• den Nachbarschaftsgarten in Ehrenfeld als grüner Spielraum für kleine und große Gärtner ohne eigenen Garten. >>mehr dazu

• die Grünanlagen auf dem Brüsseler Platz, wo Anwohner ihren Platz durch bürgerliches Gärtnern zurückerobern wollen

• die zahlreichen kleinen Pflanzungen der Bürgerinitiative im Gereonsviertel, wo es wirklich rührend zu sehen ist, dass eine Rose ein Schild trägt „Ich möchte bleiben.“

Wer das öffentliche Grün nicht der Stadt oder sich selbst überlassen will findet praktische Tipps auf >>Reynols Webseite.

05 Mobile Green

Wechselnde Stellplätze in der Südstadt zwischen Mainzer Straße, Alteburger Straße und Maternusstraße

Ungefähr 6 qm Wiese auf Rädern besetzen einen der knappen Parkplätze in der Südstadt. Ist das eigentlich erlaubt? Immerhin trägt das mobile Grün ein offizielles Autokennzeichen. Wer darf welche städtischen Flächen wie und mit welchen Folgen für die Allgemeinheit nutzen, fragen Anja Ohler und Ulrich Beckefeld vom Büro osa und überspitzen damit den Interessenkonflikt zwischen den Autobesitzern, die auf die Parkplätze angewiesen sind und den Nichtautobesitzern, die keinen Nutzen von den asphaltierten Parkierungsflächen haben.

Schade ist, dass um die auf der Straße parkende Wiese kein rechter Streit aufkommen will: niemand setzt sich darauf, kein Hund ist interessiert und – hier zeigt sich Köln sehr zivilisiert – niemand schiebt das Ding weg, weil er den Parkplatz braucht.

Vielleicht fehlt einfach noch der theoretische Unterbau, aber den gibt es hier: Vortrag „Urbane Experimente“ von Anja Ohler und Ulrich Beckefeld, osa Frankfurt und Wien, Dienstag, 29.9. 19.00 Uhr in der Galerie Smend, Mainzer Straße 37.

In der plan-Kategorie cross architecture (an der Schnittstelle von Kunst Architektur und Urbanismus) gibt es noch ein weiteres Projekt der Gruppe osa:

36 Assimilationsversuch Nr. 1

Kreisverkehr Alteburger Straße / Kurfürstenstraße

Das Tortendeckchen passt gut auf die runde Mitte des Kreisverkehrs, doch wartet man vergebens auf den Frankfurter Kranz oder die Herrentorte im Überformat. Denn hier handelt es sich um die experimentelle Gestaltung und Transformation eines städtischen Raumes. Das Rendering im Katalog wirkt leider viel besser als das Original im Straßenraum. Das ist wenig verwunderlich, denn auch die dahinter stehende Fragestellung: „Wie fühlen sich diese kleinen, mehr oder weniger nichtsnutzigen Inseln inmitten einer baulichen Struktur, die mit ihren ornamentierten Fassaden eine gründerzeitliche Bau- und Gestaltungskultur des beginnenden 20. Jahrhunderts repräsentiert?“ (Katalog) ist reine Theorie.

Mehr davon gibt es im Vortrag „Urbane Experimente“ s.o.

12 Skating the City

Infocontainer auf dem Roncalliplatz, Skateboardaktionen während der plan-Woche an verschiedenen Orten (bitte im Container erfragen).

Seit 25 Jahren gab es Streit mit der Stadt um den Roncalliplatz, seitdem die Skater ihn als den attraktivsten Skateparcours entdeckt und besetzt haben. Wenig Rücksichtnahme und der Einsatz unlauterer Mittel auf beiden Seiten bestimmten die Situation lange Zeit. Auf der Suche nach einem alternativen Standort fand sich der inzwischen 500 Mitglieder starke Verein Dom Skateboarding e.V. zusammen, der mit dem Architekturbüro Metrobox und der Stadt Köln das Thema inzwischen sehr konstruktiv angegangen ist. Verschiedene Standorte wurden untersucht, und ein Konzept für eine befahrbare Stadtlandschaft entwickelt, die den Ansprüchen verschiedener Nutzergruppen gerecht werden soll. Inzwischen steht fest, dass die Skater in den Rheinauhafen ausweichen werden und das sogar schon bald, solange es noch Mittel aus dem Konjunkturpaket II gibt. „Wem gehört die Stadt?“ die Kernfrage des Urbanismus konnte für die Zukunft des Roncalliplatzes nun endlich beantwortet werden. Näher kann man dem Thema in der Praxis kaum kommen.

Infos und Termine

28 minibib

Stadtgarten, Spichernstraße

Nicht subversiv aber unerwartet ist Dependance der Stadtbibliothek, die idyllisch im Grün des Stadtgartens liegt. Unerwartet deshalb, weil es der Kölner Architektin Sibille Wirtz gelungen ist dieses Projekt mit Studenten der Uni Siegen und dem Förderverein der Stadtbibliothek zu realisieren. Zahlreiche Studentenwettbewerbe mit bestimmt ebenso zahlreichen ausgezeichneten Ideen gibt es laufend, doch verschwinden die Projekte viel zu häufig in den Portfolios der Studierenden. Doch in diesem Fall wurde der Entwurf von Sonja Zimmermann ausgewählt und gebaut. Das Bücherbüdchen biete Platz für 1500 Bücher, die dort mit dem Ausweis der Stadtbücherei entliehen werden können und direkt vor der Tür bietet der Stadtgarten endlos Platz für alle ungeduldigen oder sonnenhungrigen Leser.

Während der plan-Woche finden dort zwei Lesungen statt:

So 27.09., 17 Uhr, Architekturlesung für Kinder Eine Reise zu den spannendsten Orten dieser Welt mit Sibille Wirtz

Di 29.09., 17 Uhr, Architekturlesung für Erwachsene Arche_tektur. Getarnte Häuser oder vom auffälligen Leben im Geheimen mit Ulf Jonak

29 t.a.i.b.

Grünfläche am Hans-Böckler-Platz, Venloer Straße Ecke Ludolf-Camphausen-Straße

Jonathan Haehns phantastisches Bambusnetzwerk entstand als Diplomarbeit am Computer. Mit dem Wunsch seine Stadt aktiv mit zu gestalteten und seinen Entwurf in der Praxis zu überprüfen baute er das t.a.i.b. (temporäre architektonische Intervention in einer Baulücke) auf einer Brachfläche am Bahndamm. Es entstand ein neuer Ort in der Stadt, ein Gasthaus für zahlreiche Veranstaltungen, kulturellen Austausch oder einfach nur zum Rumhängen am Sonntagnachmittag. So gemütlich und gesellig ist der praktizierte Urbanismus selten. Nach der plan wird das t.a.i.b. wieder abgebaut und die grüne Ecke am Hans-Böckler-Platz sich selbst überlassen. Vielleicht erbarmt sich ja mal jemand und wirft ein paar Seedbombs aus dem Zug… (s. Projekt 03)

Mo 28.09., 17.00 Uhr, Vortrag corporate architecture von Jochen Siegemund,

18 Uhr, Vortrag Bauen mit Computern von Oliver Fritz

Weitere Veranstaltungen und Termine

34 Nomadenbank

50 Holzbänke im öffentlichen Raum

Der in Berlin und New York lebende Künstler Hans Winkler schenkt den Kölnern zur plan 50 robuste Bänke für ihre Lieblingsorte. Am Eröffnungstag verteilt Winkler die Bänke und überlässt sie dann ihrem Nomadenleben in der Stadt. Wer eine Bank findet, kann sich drauf setzen oder sie mitnehmen an seinen persönlichen (öffentlichen) Lieblingsort – wer keine Bank findet, kann sich selbst eine bauen, empfiehlt der Künstler.

Gute Chancen eine Nomadenbank zu finden hat man auf dem Roncalliplatz am Skatecontainer oder am Esstisch des t.a.i.b.

Falls der Urbanismus von unten keine Wirkung auf die Stadtgestaltung zeigen sollte, dann hat er wenigstens eine Woche lang Spaß gemacht.

Uta Winterhager

Guerilla-Gardening in Köln: sehr ambitioniert in der Alteburger Straße

Foto: Uta Winterhager

Mobile Green geparkt und akzeptiert in der Kurfürstenstraße

Foto: Uta Winterhager

minibib: schöner lesen im Park

Foto: Uta Winterhager

t.a.i.b.: „Partizipative Architektur und räumliche Aneignung“ ……

Foto: Uta Winterhager

….und danach wird aber gefeiert

Foto: Uta Winterhager

Nomadenbank: gefunden und stehen gelassen am t.a.i.b. weil sie dort gebraucht wurde

Foto: Uta Winterhager

1 Kommentar

Sensationell, eine Gruppe von 500-1000 Skater die den Roncalliplatz zu einer Lärmhölle gemacht haben, werden nun aus dem Konjunturpaket bedient. Wem gehört die Stadt?– bestimmt nicht diesen rüchsichtslosen Chaoten die möglicherweiser nebenbei auch mal Straftaten verüben, z.B Sprayen. Ich glaube nicht das der Skatplatz im Rheinauhafen angenommen wird. Was dann? 4 Mille aus dem Fenster geschmissen?

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