Erinnerungsverlust

Architektennachlässe einer ganzen Region verschüttet

Dem bis zu 90 Prozent kriegszerstörten Köln blieb ein einzigartiger Schatz erhalten: die schriftlichen Erinnerungen zur Stadtgeschichte, die bis in das Jahr 922 zurückreichten. Sie waren schon direkt nach Kriegsbeginn ausgelagert worden. Nun ist nach dem Einsturz des Historischen Archivs ein unermesslicher Verlust an Originalen für die historische und architekturhistorische Forschung zu beklagen. Der Arbeit mit den Ursprungsdokumenten, die unverzichtbar ist, um historisch bedingte Lesarten zu korrigieren, wird dieses Material größtenteils über Jahrzehnte und teilweise gar nicht mehr zur Verfügung stehen.

Neben amtlichem Schrifttum verzeichnete das Inventar achthundert private Nachlässe und Sammlungen, darunter über sechzig Baumeister und Architekten aus dem Rheinland wie Ernst Friedrich Zwirner, Jakob Ignaz Hittorf, Johann Peter Josef Weyer, Hermann Joseph Stübben, Hans Verbeek, Wilhelm Riphahn, Karl Band sowie Gottfried und Dominikus Böhm. Die Nachlässe bestanden aus originalen Modellen, Plänen, Skizzen und anderem Schriftgut. Auch die Archive zahlreicher Baugenossenschaften und Architektenvereine waren hier untergebracht. Dass der Nachlass von Hans Schilling keine drei Stunden nach dessen Beerdigung ebenfalls begraben wurde, ist eine besonders bittere Episode, so Jörg Beste, Geschäftsführer des Architektur Forums Rheinland (AFR). Einer der letzten ins Archiv verbrachten Nachlässe, der von Erich Schneider-Wessling, umfasste allein 200 Regalmeter.

Doppelter Verlust

Gerade bei den jüngeren Nachlässen, etwa dem von Wilhelm Koep, kann man von einem doppelten Verlust sprechen: viele waren noch unerschlossen, so dass man gar nicht weiß, was genau eigentlich verloren ist. Auch wird dieser Umstand die Zuordnung des geborgenen Materials erschweren. Für die Erschließung des Werkes von Karl Band war erst vor kurzem Geld bewilligt worden, und die Arbeiten am Findbuch hatten gerade begonnen.

Das Architektur Forum Rheinland hat 2004 Architekten dazu aufgerufen, Zeugnisse ihres Schaffens im Stadtarchiv zu sammeln. Mit den wachsenden Beständen konnte auch Spezialwissen für die archivarische Behandlung von Modellen, Plänen, Skizzenrollen etc. aufgebaut werden. Im Unterschied zu vielen anderen Bundesländern gibt es in NRW kein zentrales Archiv für Planungsnachlässe. Das AFR engagiert sich seit längerem für die Einrichtung einer solchen Stelle, angestrebt wird eine Vernetzung mit den Kommunalarchiven in NRW, die aber jetzt ihres möglichen zentralen Knotenpunktes beraubt sind.

Der Blick nach vorne

Walter von Lom, Vorsitzender des AFR, hofft bei allem Unglück auch auf eine positive Wirkung: das Thema Archivwesen ist aktuell sehr präsent. Es gilt nun, das Interesse der Öffentlichkeit dauerhaft zu aktivieren und die Bedeutung des Archivs herauszustreichen – kaum eine Ausstellung in Köln etwa kommt ohne dessen Bestände aus. Will man in der Zukunft wichtige Architekturdokumente für Köln sichern, so muss neu für Vertrauen geworben werden.

Schon vor dem Einsturz war das Archiv auf Bauplatzsuche. Im Sinne eines eindeutigen Zukunftsengagements in Sachen Archiv sollte sich die Stadt für einen zentralen Standort im Gegensatz zur Stadtrandlage aussprechen, so etwa für ein Grundstück hinter St. Gereon auf der „Archivachse“ von Wirtschaftsarchiv, Historischem Archiv des Erzbistums Köln und Stadtbildstelle. Ein Neubau mit unterirdischen Archivsälen unter Nutzung des ehemaligen, neogotischen Stadtarchivs für Leseräume und Ähnliches wäre denkbar – und immerhin eine geringe Wiedergutmachung für das verlorene Schriftguterbe zahlreicher Architekten.

Ira Scheibe

Das Kölner Stadtarchiv:

Köln besaß eines der ältesten Kommunalarchive Europas und das größte nördlich der Alpen. Im „Haupturkundenarchiv“ lagerte das Herzstück der Sammlung: die Altbestände aus der Zeit vor 1814, die im Ratsturm aufbewahrt worden waren. Beispiellos war der Umfang alten Schriftguts und die Kontinuität der Überlieferung: zunächst der Kölner Bürgerstolz, dann die Archivare sorgten über tausend Jahre für eine bruchlose Dokumentation der Stadtgeschichte in Form etwa von Privilegien, Beschlüssen, Briefen und Stadtrechnungen. Seit 1594 befinden sich die Schriftstücke des Hansekontors Brügge in Köln, damit besaß die Stadt neben Lübeck das wichtigste Archiv für die Hanse. Anfang des 19. Jahrhunderts nach der Säkularisation überstellten auch Klöster und Stifte ihre Urkunden in die staatliche Stelle. Auch die damals zusammengetragene Handschriftensammlung von Ferdinand Franz Wallraff ging nach seinem Tod in den Besitz der Stadt über.

Vor dem Verlust: die Fassade des Stadtarchiv im August 2008. Gebaut wurde das sechsstöckiges Archivgebäude in der der Severinsstraße 1971 vom Architekten Fritz Haferkamp.

Foto: © ekki maas, 2008

Aquarelle, wie die aus dem Nachlass des Kölner Architekten Wilhelm Koep sind sehr wahrscheinlich unwiderbringlich verloren.

Blaugold Haus am Dom

Architekt: Wilhelm Koep

Foto: Rechte AFR

Fabrikationsgebäude der Firma Mühlens,

Köln Erhrenfeld,

Architekt: Wilhelm Koep

Foto: Rechte AFR

Schreibe einen Kommentar