Klassisches Wohnen

Die Serie „Baustile im Stadtbild“ stellt Kölner Wohnarchitektur aus verschiedenen Epochen vor.
Erste Folge: Klassizismus

Edle Einfalt, stille Größe atmet das Palais Am Römerturm 3 – hier steht das einzige erhaltene Wohnhaus des Klassizismus in Köln. Waren nach dem Krieg nur noch traurige Außenmauern übrig, gilt das Haus heute als ein besonders geglücktes Beispiel für einen Wiederaufbau, der dem Gebäude seinen ursprünglichen Geist wieder einzuhauchen vermochte.

Das elegante Stadtpalais präsentiert die für die Epoche typische harmonisch proportionierte Fassade: Symmetrisch angeordnet liegen zu beiden Seiten eines betonten Mittelteils je vier Fensterachsen. Ein Dreiecksgiebel mit halbrundem Thermenfenster bekrönt die Fassade. Sparsam, aber sehr wirkungsvoll, sind antikisierende Schmuckelemente eingesetzt.

Hier, direkt hinter den Gerichten am Appellhofplatz, wohnten Mitte des 19. Jahrhunderts Notare, Richter und Rechtsanwälte. In dieser nordwestlichen Ecke des römischen Castrums lag ein 1306 geweihtes Franziskanerinnenkloster mit ausgedehnten Guts- und Gartenanlagen.

Nach der Säkularisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts kaufte Generaladvokat Gottfried Sandt den Besitz. Ob er aber auch der Bauherr des Palais war, das er wohl aus Trauer über den frühen Tod seiner zweiten Frau schon vor 1840 wieder veräußerte, ist nicht zu belegen, genauso wenig wie der Name des Architekten. Eine wohl im Frühsommer 1838 angefertigte „Rundzeichung“ des Stadtbaumeisters Johann Peter Weyer bezeugt bereits das Gebäude. Erst wenige Jahre darauf wurde das Quartier parzelliert, die Straße Am Römerturm in ihrer merkwürdigen T-Form angelegt und Nachbargrundstücke bebaut.

Das Bankhaus Delbrück kaufte die Liegenschaft 1919, nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb die Stadt das Grundstück. Der Bund Deutscher Architekten (BDA) zeigte Interesse, entschied sich dann aber doch für den Standort Bonn. Der damalige Vorsitzende des BDA in Köln, Hans Schilling, konnte schließlich den damals noch in Braunschweig ansässigen Architekten Friedrich Wilhelm Kraemer für das Objekt gewinnen.

Kraemer entschloss sich zu einer Rekonstruktion der Straßenfassaden. Einfühlsam wog er dabei ab, wie Wiederherstellung und die Erfordernisse eines modernen Architekturbüros ineinandergreifen könnten. Der Giebelaufbau sollte Platz für die Wohnräume schaffen. Für Kraemer war es eine späte Bestätigung, dass die erst nach 1974 aufgetauchte Weyer-Zeichnung für das ursprüngliche Gebäude einen ebensolchen Giebel attestiert, wohingegen fotografische Zeugnisse um 1930 das Haus mit einem durchlaufenden Satteldach zeigen. Heute residiert hier das Architekturbüro seines Sohnes Kaspar Kraemer und im ersten Stock die Fritz Thyssen Stiftung.

Was der Passant nicht erahnt: Auch ein seltenes Stück original erhaltenen Kölner Mittelalters bewahrt das Palais. Das Kellergeschoss stammt wohl von dem um 1220 angelegten Parfusenhof. Auf Aufnahmen der Kriegsruine erkennt man die mittelalterlichen Entlastungsbögen der Erdgeschosswände, die aus demselben Material aufgemauert sind wie die Kellergewölbe. Beim Bau des Klarissinnenklosters verwandte man diese Bauteile für den südlichen Kreuzgangflügel mit dem Refektorium. Eine Reminiszenz an den Klostergarten immerhin gibt es noch: Hier befindet sich heute ein Spielplatz, auf dem noch die über hundertjährige Platane aus den Gartenanlagen des Palais steht – wohl die älteste Kölns.

Ira Scheibe

Klassizismus:

Die Baukunst zwischen 1770 und 1840 griff zurück auf den Formenkanon der klassischen Antike. Waren Barock und Rokoko Inszenierungen höfischer Aristokratie und kirchlicher Dogmen, verlangte das Zeitalter der Aufklärung eine neue, bürgerliche Kunst, orientiert am Ideal der Vernunft und der Maßhaltung. Stilistisch äußerte sich dies im Gegensatz zu den kraftvoll bewegten Baumassen des Barock und dem wuchernden Ornament des Rokoko in einer gradlinigen Strenge, großflächigen Wänden und maßvollem Dekor.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende

des 28. Februars/1. März 2009

Am Römerturm 3: Harmonisch proportioniert ist die Fassade des vor mehr als 150 Jahren erbauten Wohnhauses.

Fotografin: Stefanie Biel

Fotografin: Stefanie Biel

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