Felsen aus Beton und Glas.

Das Museum für Angewandte Kunst in Köln zeigt vom 19. Januar bis 26. April 2009 eine Ausstellung über die Architektur von Gottfried Böhm.

Der Kölner Architekt Gottfried Böhm gehört zu den bedeutendsten Architekten der Nachkriegszeit: Als erster und bisher einziger Deutscher erhielt er 1986 den Pritzker Prize, die höchste internationale Auszeichnung für Architektur. Und auch heute noch, im hohen Alter von 88 Jahren, begeistert er Kritiker, Öffentlichkeit und Bauherren mit seinen charakteristischen, expressiven Bauten und Entwürfen, die eine ganz eigene, von den allgemeinen Architekturtrends losgelöste Formensprache sprechen.

Die Ausstellung „Gottfried Böhm. Felsen aus Beton und Glas“, vom 18. Januar bis 26. April 2009, stellt nach der 2005 gezeigten Werkschau „Raum ist Sehnsucht. Der Kirchenbaumeister Dominikus Böhm (1880-1955)“ ein weiteres bedeutendes Mitglied der Kölner Architektendynastie Böhm vor. Sie setzt die Tradition der großen Architekturschauen im Museum für Angewandte Kunst fort, in denen so wichtige Architekten und Büros wie 2005 Wilhelm Riphahn, 2003 Ettore Sottsass & Associati, 2002 Richard Buckminster Fuller, 2001 Norman Foster, 1999 Heinz Bienefeld oder 1997 Rudolf Schwarz gewürdigt wurden.

Gottfried Böhm wurde am 23. Januar 1920 als Sohn des berühmten Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm in Offenbach am Main geboren. Nach dem Tod des Vaters übernahm er 1955 dessen Büro in Köln, das er heute in lockerer Allianz mit seinen Söhnen Stephan, Peter und Paul führt.

Das vielseitige Bauschaffen Gottfried Böhms ist durch ein hohes Maß an Individualität, Plastizität und Bildhaftigkeit geprägt. Besondere Bedeutung misst der Architekt, der von 1963-85 den Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre an der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule in Aachen innehatte, der Schaffung von baulichen Zusammenhängen und räumlichen Strukturen sowie der Verbindung von Funktionalität und Zeichenhaftigkeit zu. Gottfried Böhm entwickelt seine Architektur vom Menschen aus und für den Menschen. Seine Wohnbauten, wie das Kinderdorf Bethanien in Bergisch Gladbach-Refrath (1962-68), das Altenheim in Düsseldorf-Garath (1962-70) oder die Siedlung in Köln-Chorweiler (1966-74), gelten als Pionierprojekte eines individuellen, humanen Wohnens. Der Ausbau der Godesburg (1959-61) oder der Neubau des Mittelrisalits des Saarbrückener Schlosses (1981-89) zeugen von seinem selbstbewussten, aber dennoch einfühlsamen und respektvollen Umgang mit historischem Baubestand und vorhandenen Strukturen.

Bis zum Ende der 60er Jahre ist der Wiederaufbau und Neubau von Kirchen im Werk Gottfried Böhms bestimmend. Seine überwiegend in Sichtbeton errichteten Sakralbauten entstehen unter Verwendung unterschiedlicher Tragwerke und zeichnen sich durch eine ungewöhnlich große Vielfalt an Raumtypen und Formen aus. Böhms konstruktive und raumschöpferische „Studien“ gipfeln in den virtuos geformten, kristallinen Architekturskulpturen der 60er Jahre, die an die utopischen Entwürfe expressionistischer Architekten erinnern und den Baumeister international bekannt machen. Wie „Felsen aus Beton“ ragen die Wallfahrtskirche in Neviges (1963-72) oder das Rathaus in Bergisch Gladbach-Bensberg (1962-71) selbstbewusst aus den Stadtsilhouetten empor. In Köln selbst existieren mit den Kirchen St. Gertrud (1960-66) und Christi Auferstehung (1963-70) gleich zwei Bauten dieser Werkphase.

In den 70er Jahren finden neben dem Beton vor allem Stahl und Glas Eingang in Böhms Architektur. Charakteristisch für sein Werk wird das Konzept des „eingehausten Stadtraumes“, das er in Form von Passagen, Foyers und Hallen vor allem in seinen Verwaltungs- und Kulturbauten umsetzt, wie dem Diözesanmuseum in Paderborn (1969-75), dem Stadthaus in Rheinberg (1974-81) oder den WDR-Arkaden in Köln (1991-96). Seine spektakulärste Ausformung fand es im Züblin-Verwaltungsgebäude in Stuttgart (1981-85). Die schwebenden sphärischen Stahl- und Betonschalen, die viele Projekte seit den 90er Jahren kennzeichnen – so auch den unrealisierten Entwurf für den Berliner Reichstag von 1992 – konnte Gottfried Böhm an seinem jüngsten Werk, dem 2006 eröffneten Hans-Otto-Theater in Potsdam, realisieren.

Die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst basiert auf der 2006 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt konzipierten Präsentation, erweitert um den ausführlichen Blick auf die in Köln realisierten oder für Köln projektierten Arbeiten. Die Werkschau dokumentiert das umfangreiche Bauschaffen des Architekten anhand von eindrucksvollen, suggestiven Zeichnungen und Skizzen. Diese werden ergänzt durch Architekturfotografien und eine Vielzahl von Modellen, die zum Teil aus dem Büro Böhm selbst stammen, zum Teil für die Frankfurter Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Architekturfakultät der Universität Stuttgart neu gefertigt wurden. In Köln erstmals zu sehen ist eine Auswahl an Skulpturen Gottfried Böhms, der neben Architektur auch Bildhauerei studiert hat. Ein 20-minütiger Film mit dem Architekten erweitert den Blick auf das Werk und die Arbeit des großen Baumeisters.

Gottfried Böhm konnte wichtige Bauten aller Schaffensperioden in seiner Heimatstadt und der näheren Umgebung umsetzen, und so bietet sich in Köln die Gelegenheit, das in der Ausstellung dokumentierte vor Ort am realisierten Bauwerk nachzuvollziehen und zu erleben.

Pressemitteilung AFR

Ein reich bebilderter Katalog zur Ausstellung, mit zahlreichen Essays zum Werk Gottfried Böhms, ist im Jovis Verlag, Berlin, erschienen und kann im Museumsshop für 32,- € erworben werden.

Exkursoinen und Vorträge ergänzen die Ausstellung.

Museum für Angewandte Kunst

An der Rechtschule, 50667 Köln

Tel.: 0221/ 221-23860

Museum für Angewandte Kunst.

Gottfried Böhm, Rathaus Bensberg,

Foto: Arved von der Ropp, Kirchanschöring

Wallfahrtskirche in Neviges (Innenraum)

Foto: Arved van der Ropp, Kirchanschöring

Zeichnung: Wallfahrtskirche in Neviges (Ansicht)

Archiv des Deutschen Architekturmuseums (DAM)

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