Inventur städtischer Mängel

Ein Unortkataster für Köln.

Die Idee ist verblüffend einfach: Die Bürger Kölns als die eigentlichen ‚Benutzer der Stadt‘ machen mit ihrer Ortskenntnis eine Inventur städtischer Mängel. Alle Planungs-, Bau- und sonstigen Mängel werden in einem gemeinsamen Register beschrieben. Dieses Register ist von allen einsehbar, kontrollierbar und kommentierbar. Die Summe dieses lokalen Wissens von der Stadt, so die Idealvorstellung, fließt zur Verbesserung Kölns dann in die zukünftige Stadtplanung ein.

Die Frage stellt sich, warum es – im Zeitalter zumindest verbal beschworener Bürgerbeteiligung und mächtiger statistischer Instrumente – so etwas nicht längst gibt?

Die Anregung zu diesem Register verbesserungswürdiger Orte stammt übrigens von einer Arbeitsgruppe der Initiative Leitbild Köln 2020. Aufgenommen und umgesetzt wurde die Idee nun von der Kunsthochschule für Medien Köln. Mit den Instrumenten des Internets ist daraus die Seite Unortkataster Köln geworden.

Das EU Forschungsprojekt Citizen Media, hat bereits unterschiedliche Projekte entwickelt, bei denen Amateure im Internet Inhalte erstellen und managen können. In diesem Rahmen hat Stefan Göllner in einem Team um den Projektleiter Prof. Dr. Georg Trogemann am lab3 der KHM das Unortkataster realisiert.

Jeder der sich auf der Seite registrieren lässt, kann seine persönlichen Unorte eintragen, beschreiben und sowohl nach vorgegebenen wie selbst definierten Kategorien bewerten. Auf einem Stadtplan, der von Google Maps übernommen wurde (inklusive Satteliten-, Karten- und Hybridansicht), kann er seine subjektiv erlebten Unorte mit Steckbrief und einer virtuellen Stecknadel markieren. Gleichzeitig kann er diese Orte fotografisch dokumentieren. Andere Nutzer können dieser Beschreibung beipflichten, ihr widersprechen, sie modifizieren. So lässt sich ermessen, welche Bedeutung dieser Ort für die Öffentlichkeit hat.

Was ist ein Unort?

Die Definition eines Ortes als sprachlich eigentlich paradoxer Unort ist natürlich eine Frage von Perspektive und Verweildauer. Wer in unmittelbarer Nähe wohnt, dessen Unwillen ist anders motiviert als die Faszination, die sich vielleicht beim Flaneur am selben Ort entzündet. Hunde und Tauben nehmen das Weichbild der Stadt sowieso anders wahr. Sie haben für viele Unorte geradezu ein Faible. Und vermutlich wird der ein oder andere Tourist sogar irgendetwas an der Kölner Altstadt finden. Der Automobilist liebt die Nord-Süd-Fahrt als die einzige Möglichkeit, mal schnell durch Köln zu kommen, eine Straße, bei der jeder Fußgänger Hassanfälle bekommt. Das Portal als demokratisches Werkzeug hat natürlich auch Platz für alle Formen sehr eigenwilliger oder sehr enger Stadtwahrnehmungen. So schreibt der User jaan zum Beispiel empört über eine Schulturnhalle: „Es gibt hier leider nur einen einzigen Duschkopf für Männlein und Weiblein – und der hängt dann auch noch in der Abstellkammer für Schubkarre und Co.“

Licht aus, Unort an

Eine Internetseite, zumal eine, die als interaktives Instrument gedacht ist und ihre Inhalte von den Nutzern bezieht, lebt natürlich von deren Resonanz. Hier entscheidet sich, ob das Unortkataster ein nettes Hochschulprojekt von durchschlagender Wirkungslosigkeit bleibt oder ob er sich zu einem Instrument entwickelt, das von der Stadtplanung kaum ignoriert werden kann.

Karrieren von Websites sind nicht unbedingt planbar, viele ambitionierte Projekte sind schon am Desinteresse der Öffentlichkeit gescheitert.

Unort-Ranking

Aber stellen wir uns vor, das Unortkataster schafft es in den Focus der Aufmerksamkeit. Wie wird es sich entwickeln? Bleibt es ein summarisches Register aller Unorte, sozusagen eine wuchernde öffentliche Pinwand? Oder gelingt hier dem ein oder anderen Unort eine Karriere, die zu seiner Verwandlung in einen Ort urbaner Wohlgefälligkeit führt? Nahe liegend ist natürlich die Auslobung eines Top-Unortes, eines Unortes der Woche etc., den die Boulevardpresse sofort als User-generierten Content mit polemischer Lust übernehmen könnte. Stefan Göllner ist es aber wichtig, dass das Portal keine Meckerplattform werden soll, in der nur Frust abgelassen wird. Wichtig sei ihm, die Nutzung der Kommentarfunktionen. Erst so werde das Unortkataster zu einem Werkzeug der Transparenz.

Dass sich Politik, Bürgerinitiativen und Presse aber diese Unorte zum Thema machen und es zu Folgen in der Stadtplanung kommt, ist aber ausdrücklich gewollt. Eine Weiterentwicklung des Portals, die dazu führt, dass sich andere Projekte hier andocken können, ist geplant.

Ein Notizblock von Stadtflaneuren

Aber vielleicht wird das Unortkataster ganz anders funktionieren, nämlich als Notizblock von Stadtflaneuren, die hier ihre Beobachtungen austauschen. So schreibt pme zum Kommerz-Hotel am Breslauer Platz: „Ein Blickfang der besonderen Art bietet das Günnewig Kommerz Hotel am Breslauer Platz. Stilvolle Architektur und zurückhaltende Eleganz in einladendem Ambiente und alles in idealer Lage mitten in der Altstadt! Erbaut 1980 im authentischen Look der Zeit. Also keinesfalls Retro sondern im buchstäblichen Sinne Rückseitenarchitektur.“ Jens antwortet: „Vielleicht ein Monolith im Nirgendwo – ich mag es trotzdem. Es erinnert an die beziehungslosen Häuserkonstellationen in einigen asiatischen Metropolen. In der Selbstbezüglichkeit dieser Architektur vermittelt sich ein Hauch von Großstadt, den man in Köln sonst suchen muss.“

Ob das Unortkataster letztlich auf gewissem Niveau unterhaltsam kommunikativ sein wird, verschroben, eine unqualifizierte Schmähstelle, politisch wirksam oder alles zusammen, oder ob es an mangelndem Interesse eingehen wird, entscheiden jetzt die Nutzer. Verdient hätte das Portal den Erfolg schon deshalb, weil die Idee so plausibel ist.

Noch befindet sich die Seite in einem Beta-Stadium, soll aber im Rahmen der plan08 offiziell vorgestellt werden. Bis dahin sollen noch eine Reihe von Verbesserungen erfolgen. So soll auch die Einschränkung beseitigt werden, dass die Seite bisher nur auf den Brosern Firefox und Goolge Chrome läuft.

Eröffnung im Rahmen der plan08

20. September: 16 Uhr, VHS-Zentrum am Neumarkt

Unortkataster Köln

Axel Joerss

Das Unortkataster in der Hybrid …

und in der Kartenansicht.

Anke: ‚Mit 3 Blumenkübeln wirklich eine schöne Ecke.‘

‚Ein Monolith im Nirgendwo …‘

Stadtmensch: ‚Dass der Barbarossaplatz an sich ein Unort darstellt ist klar, aber die Fußgängerverbindung zwischen Neuer Weyerstraße und Gleis 4 ist definitiv der negative Höhepunkt.‘

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