Dorfbildcharakter

Bezirksvertretung Chorweiler lehnt Wettbewerbsergebnisse zu „:rhein – wohnen am strom“ ab

Die Wettbewerbsergebnisse des Regionale 2010-Projekts „:rhein – wohnen am strom“ für die Standorte Langeler Damm und Cohnenhofstraße fanden einstimmige Ablehnung in der Bezirksvertretung Chorweiler. Für beide Standorte im ehemaligen Fischerdorf Langel waren die Entwürfe der drei jeweils erstplatzierten Architekten vorgestellt und die der ersten Preisträger zur Ausführung empfohlen worden. Diese passten nicht ins Ortsbild, so das (beinahe) einhellige Votum.

Architektenmeinung vs. Bürgerinteresse?

Die Fraktionsvertreter waren sich in ihrer Ablehnung der durch ein Fachpreisgericht ausgezeichneten Entwürfe in ungewohnter Weise einig – so stimmten CDU, SPD und Grüne einstimmig für eine Revision der Wettbewerbsergebnisse. Lediglich der Vertreter der FDP-Fraktion, Michael Birkholz, enthielt sich der Abstimmung bei vorheriger Anmeldung von Bedenken: „Die Fachverwaltung und die beteiligten Architekten“, so Birkholz, „[könnten] die Situation besser beurteilen … als die Mitglieder der Bezirksvertretung.“

Dieses Eintreten für ein von Fachleuten getroffenes Urteil führt das eigentlich Bemerkenswerte der Diskussion vor Augen: Interessen einer „Bürgerinitiative“ setzen sich gegen ein fachliches Votum durch. Eigentlich, so könnte man meinen, ist dies das Paradebeispiel einer direkten Demokratie, in der auch die Meinung der oft benannten „kleinen Leute“ Berücksichtigung findet. Dass sich die Initiative aber im Wesentlichen als die Anliegerschaft des Grundstücks Langeler Damm herausstellte, die eine Verbauung ihres Rheinblicks befürchtete, lässt die Entscheidung der Bezirksvertretung im Licht partikulärer Interessensbehauptung erscheinen. Wahlkampfinteressen seien den beteiligten Parteien einmal nicht unterstellt. Birkholz bringt es im Gespräch auf den Punkt: „Wofür brauche ich einen Architekten, wenn ein Laie ankommen und sagen kann, der Entwurf passt mir nicht?“ – und damit das von Fachleuten gefällte Votum unterminieren kann.

Der Beschluss bedeutet indes nicht, dass eine Bebauung der projektierten Grundstücke nun verunmöglicht wäre: Zum einen umfasst er die Prüfung der „planungsrechtlichen Voraussetzung“ einer Bebauung beider Grundstücke und die Überarbeitung des zweitplatzierten Entwurfes für die Cohnenhofstraße. Zum anderen ist er weder endgültig noch bindend, denn er wird an die Arbeitsausschüsse der Parteien weitergegeben, die sich mit einer Empfehlung an den Rat der Stadt Köln wenden – Entscheidungshoheit hat der Rat. Sicher dürfte nur sein, dass eine Umsetzung zumindest des Projekts am Langeler Damm zur Regionale 2010 wenig realistisch ist.

Ortsbildverträgliche Architektur?

Die Vertreter von CDU, SPD und Grünen sind sich darin einig, dass die Architektur „dem Ortsbild angepasst“ sein sollte. Auf Nachfrage konnte jedoch weder Klaus Koch (CDU) noch der stellvertretende Bezirksbürgermeister Jürgen Kircher (SPD) diese Forderung konkretisieren. Beide wiederholten lediglich, dass das Ortsbild die vorgeschlagenen Entwürfe aus ihrer und aus Bürgersicht nicht vertrüge.

Das Grundstück Cohnenhofstraße findet sich am südlichen Ortsrand, während das Grundstück Langeler Damm im nördlichen Kern des Straßendorfes liegt. Beide haben – wie der Titel des Wettbewerbs bereits vermuten lässt – unmittelbaren Bezug zum Rhein.

Die Siegerentwürfe lehnen sich typologisch an historische Hofstrukturen an: Peter Böhm schlägt für den Langeler Damm eine Anlage von drei Baukörpern vor, die sich in unterschiedlicher Höhenentwicklung um einen zentralen, durch Mauern definierten Hof gruppieren. Zwei- bis dreigeschossige Reihenhäuser begrenzen den Hof zu zwei Seiten als L-förmiger Riegel, zum Rhein hin markiert ein dreigeschossiger Baukörper die nördliche Ecke des Grundstücks. In seiner Materialität reflektiert er die dorftypische Verwendung von Ziegeln.

Der Entwurf für die Cohnenhofstraße von rdarchitekten nimmt ebenfalls Bezug auf die Ziegelarchitektur des Dorfes, allerdings in moderner Übersetzung. Die Architekten betonen die Straßenkante mit einer Mauer und umfrieden damit einen Hof, um den sich Wohnungen unterschiedlicher Prägung sammeln.

Flach oder geneigt?

Die eigentliche Debatte scheint sich an der formalen Gestalt der Entwürfe zu entzünden: Beide Siegerentwürfe weisen Flachdächer auf. Gerade dieses Kriterium scheint ausschlaggebend für ihre Abweisung zu sein, ungeachtet aller typologischen Bezüge zur baulichen Struktur des Dorfes. Fraglich bleibt, ob allein die Gestalt des Daches über die „Ortsbildverträglichkeit“ von Architektur entscheidet.

Während nun nach Meinung der Bezirksvertretung keiner der ausgezeichneten Entwürfe für den Standort Langeler Damm in Frage kommt, soll an der Cohnenhofstraße der Wettbewerbsbeitrag des Leipziger Büros Graalfs Architekten als Grundlage der weiteren Planung dienen. Dieser Entwurf „störe am Ortseingang nicht“, so der stellvertretende Bezirksbürgermeister Kircher. Auf die Frage, ob sich der Entwurf formal oder maßstäblich besser einfüge, lautete die klare Antwort: Aufgrund der Form.

Architektur darf in keinem Fall „stören“, doch eine Reduzierung des Entwurfes auf eine solche Betrachtung ist mehr als unzureichend: Die Leipziger Architekten reagieren mit drei Einzelgebäuden auf die Einfamilienhausbebauung des Ortsrandes, die dadurch in einer kleinteiligeren Maßstäblichkeit erscheinen als die Hofarchitekturen der Preisträger. Die Gebäude zitieren die Satteldächer der Nachbarschaft und geben sich dabei bewusst modern: Zum einen aufgrund der durchgängig gleichen Materialität von Dach und Wand, zum anderen aufgrund der raumhohen Öffnungen. Im Grundriss klassisch organisiert – unten die „öffentlichen“ Räume, oben die „privaten“ – verspricht der Entwurf, auch zeitgenössischen Ansprüchen an das Wohnen gerecht zu werden. Dem Hochwasserschutz wird mit einer Aufständerung der Häuser begegnet.

Dies kann als positives Moment der Diskussion herausgestellt werden: Ein Projekt, das sich dem Architekturwettbewerb sowie der Kritik einer Fachjury stellen musste und darin überzeugte, wird zur Grundlage weiterer Planungen. Insgesamt zeugt sie jedoch von egoistischer Interessenswahrung, die eine Ausführung guter Architektur im Namen eines – wie auch immer vorgestellten – „Dorfbildes“ verhindert. Es scheinen zwei Dinge nötig zu sein, um die Akzeptanz zeitgenössischer Architektur zu erhöhen: Zum ersten die stärkere Vermittlung seitens der Architekten. Zum zweiten aber auch die Bereitschaft der „Laien“, Sehgewohnheiten zu überdenken und damit Offenheit zu demonstrieren. Denn schließlich spiegelt Architektur die Gesellschaft, in der sie hervorgebracht wird – sturer und dabei oberflächlicher Konservativismus wird kaum Lösungen für aktuelle Fragen finden können.

Rainer Schützeichel

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5 Kommentare

Das ist typisch f. Köln, der OB hat eine Vision und dann kommen die Unesco oder die Kölner „Bürger“ die gerade mal fähig sind Ihre Gartenzwerge im Garten richtig zu plazieren und schon ist alles vorbei. Typisch deutsch – aus Städten Dörfer und aus Dörfer Städte machen.

das ganze verfahren ist eine farce, auch bei den anderen wettbewerbsgrundstücken. teilweise falsche auslobungen gehen einher mit parteipolitischem klüngel und schlecht vorbereiteter stadtplanung.
fragen sie doch einmal bei der stadtplanung nach dem stand aller verfahren!
2010 wird es keinen einzigen standort geben, an dem etwas passiert ist…und das wettbewerbsverfahren, von dem nun keiner mehr etwas wissen möchte, kostete mehrere 100.000 Euro…

Dieses kann als besonders absurdes Moment dieser Diskussion herausgestellt werden: ein Projekt, dass einzig von Gleichgesinnten beurteilt wurde und — wie überraschend — diese überzeugte, soll Grundlage weiterer Planungen werden. Insgesamt zeugt es von egoistischer Interessenswahrung, wenn auf einer Ausführung solcher Architektur im Namen eines — wie auch immer gearteten — Architekturdogmas bestanden wird. Es scheinen zwei Dinge nötig zu sein, zeitgenössische Architektur erträglich zu machen: Zum einen eine bessere Ausbildung der Architekten. Zum zweiten aber auch die Bereitschaft, das Urteil der Laien zu akzeptieren, und damit Offenheit zu demonstrieren. Denn schliesslich spiegelt diese Art von Architektur lediglich einen verschwindend geringen Teil der Gesellschaft — die Architekten. Sturer und oberflächlicher modernistischer Konservativismus wird kaum Lösungen für aktuelle Fragen finden können.

nicht die architekten brauchen eine bessere ausbildung, sondern der sogenannte laie, und ja auch wohl der tatsächliche laie, benötigt mehr bildung – nämlich geschmacksbildung!

Was ich etwas bedenklich finde, ist unterschiedliche Geschmäcker als Kriterium anzuführen, bzw. den Architekten per se zu unterstellen, dass der ihrige besser, fortgeschrittener und richtiger wäre. Es sind ja nicht die Architekten, die dort leben müssen, und warum ist es so schwer, den Anwohnern ein Mitspracherecht bei der Gestaltung ihres direkten Lebensumfeldes zuzugestehen — gerade, wenn sie NICHT mit den Architekten und dem Urteil einer Jury (aus Architekten?) übereinstimmen? Die Menschen, die dort wohnen, haben sich bewusst dafür entschieden, an diesem Ort, inmitten der bestehenden Architektur zu wohnen. Was nicht heissen soll, dass der Bestand vor Ort ohne Einschränkung als Massstab dienen sollte — aber ich vermute mal, dass das schliesslich AUCH Produkte von Architekten sind.

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