Designzone Ehrenfeld

Vom 14. bis 20. Januar zeigen die Passagen an 155 Orten im gesamten Kölner Stadtgebiet eine Woche Interior Design.

Die Passagen, eigentlich eine Off-Veranstaltung zur Kölner Möbelmesse, verstehen sich in ihrer Selbstdarstellung längst nicht mehr als deren bloßer Appendix. Dafür sind viele der Darsteller mittlerweile selbst zu etabliert. So wandelte sich eine Show, die ursprünglich das Entstehen des Designs in den Hinterhöfen zeigte, zu einer noblen Bühne für ein Design, dessen Geltung nicht mehr bezweifelt wird. Das ist eine Erfolgsgeschichte. In Hollywood kommt die Geschichte von boy meets girl wohlweißlich vor dem Traualtar zum Ende, die Passagen möchten verständlicherweise nicht einpacken wenn es am schönsten ist – auch wenn mit dem Erfolg ein wenig die Langeweile eingezogen sein mag.

Dieses Problems sind sich die Macher der Passagen durchaus bewusst, und so haben sie dieses Jahr in ihrer erfolgreichen Off-Veranstaltung selbst eine interne Auskopplung vorgenommen, Ehrenfeld zur Design Zone erhoben und hier einen eigenen Parcours angelegt. Dieser ist auch im Programmheft separiert. Off-Off sozusagen. In diesem Stadtteil existieren durchaus noch (!) jene Hinterhofwerkstätten, in denen die spannende Genesis kreativer Ideen zu verfolgen ist und nicht nur die Geltung von unbezahlbaren Tisch / Stuhl / Bett / Lampen und Badewannen-Varianten. Hier ist es aufregender, weil Risiko und Scheitern näher beieinander liegen. Außerdem ist hier noch das eigene Urteil des Besuchers gefordert – an etablierteren Orten neigt man dagegen eher zum Goutieren.

wohn-bar.de

Zwei Orte als Beispiel (weitere Tipps unter den Fotos rechts):

In der Heliosstraße 15 liegt die wohn-bar.de von Günther Lanninger. Echte Hinterhofatmosphäre, in der kreative Kooperationen gedeihen. Natürlich hat es der Hinterhof als Gründungsbiotop für die Kreativen, die aus dem (finanziellen) Nichts kommen, in Köln nicht leicht. Denn wird ein Stadtteil erst mal hip, wird es teuer – da durchlaufen alle angesagten Stadtteile dieselben mietsteigernden Zyklen (heruntergekommenes Stadtviertel, die Boheme entdeckt das Potential, dann kommen die Lehrer und schließlich die reine Solvenz). Und so ist das Hinterhofgelände in der Heliosstraße längst aufgekauft als Planquadrat für kommende Investitionen. Planungssicherheit gibt es noch für ein Jahr, dann muss die kreative Szene vermutlich neue Orte auskundschaften.

Günther Lanninger hat in seinem labyrinthischen Laden Möbel und Accessoires aus den verschiedenen Dekaden des kollektiven Geschmacks versammelt. Das ist so etwas wie der missing link zwischen dem Design der Hochpreisklassiker und der mehr oder weniger namenlosen Perlen aus dem Sperrmüll. Er spürt diese Perlen auf, arbeitet sie auf und inszeniert sie. Daneben zeigt er auch neue Stücke von befreundeten Designern, die sich wegen ihrer Verliebtheit ins Furnier gut in die Wohnrauminszenierungen einpassen. Hier gibt es einen Raum, der für mich d a s Bild der diesjährigen Passagen ist, eine Stapelung von Tischen und Stühlen, siehe Bild. Und weil wohnbar ein Wortspiel ist, das nicht nur ein Zustand (so können Sie wohnen), ein Recyclingprozeß (ich mache die Möbel wieder wohnbar) sondern auch einen Tresen enthält, gibt es auch eine Kaffeebar. Hier nehmen auch die befreundeten Künstler von nebenan ihren Kaffee, die in der wohn-bar ihre Werke ausstellen (Nachtmann, Sillies, Hallasy). Till Nachtmann und Stefan Silies, die in Sockenpuppen, Lichtkunst und Videos machen, haben zusammen mit Roman von Halassy, in der Baulücke zwischen der wohn-bar und dem Nachbargebäude den Fußboden betoniert und die Lücke mit einer Tür gefüllt. Fertig war die kleinste Galerie Kölns: Galerie 15 ½ (=15,5 qm) mit integriertem Hochbett. Schon gibt es die Idee, ein Stipendium mit Wohnrecht für junge Kreative einzurichten. Sympathischer Gründergeist.

Tatort

Ein paar Schritte weiter in der Venloer Straße 525 gibt es eine Konzeptausstellung in den Hallen der fake-filmconstruction GmbH: Tatort – Design braucht Täter. Hier werden die Werke von 20 Designern in Form einer Spurensicherung gezeigt. Das Konzept klingt verspielt-jungsmäßig, funktioniert aber außergewöhnlich gut. Hier gibt es viel fürs Auge (mit Seitenblicken auf die gefakten Filmkulissen) und ein funktionierender Tresen steht dort auch.

Axel Joerss

Geschmack kann man auch entwickeln, indem man Grenzen überschreitet (wohn-bar.de)

wohn-bar.de

Mit 15,5 qm die kleinste Galerie Kölns, bei Vernissagen gibt es Grillstellen auf Feuertonnen im Hof

Spüren Sie was? (Tatort)

Gute Lampe (Tatort)

Viele Lampen (Tatort)

Diese Bank aus dem Atelier Ole B. Osterholt heißt schlicht: „Der Architekt“ (Tatort)

Design ist keine kalauerfreie Zone: Das „Ehrenfell“ (Tatort)

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Nach boy meets girl kommt das kaputte Geschirr, gesehen bei Balloni

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