Die Rationalität der Form

Zum Tod von Oswald Mathias Ungers

Der 1926 in Kaisersesch geborene Oswald Mathias Ungers studierte an der TH Karlsruhe Architektur – Lehrer war ihm Egon Eiermann, dem er attestierte, seine „Begeisterung (…) für die Architektur, für das Bauen und vor allem für das saubere, perfekte Handwerk“ geweckt zu haben. Bereits 1950, im Alter von 24 Jahren, eröffnete Ungers ein eigenes Büro, mit dem er zu Beginn hauptsächlich Wohnhäuser in Köln realisierte. Einer Professur an der TU Berlin (1963-1969) folgten bis 1990 Lehrtätigkeiten an der Cornell University, in Harvard, Los Angeles, Wien und Düsseldorf. Im Jahr 1999 erhielt Ungers den Ehrendoktortitel der TU Berlin, 2004 folgte die gleiche Würdigung durch die Universität Bologna.

Architektur

Die Praxis des Architekten stand auf theoretischen Fundamenten, die sich Oswald Mathias Ungers selbst nicht zuletzt durch seine umfassende Sammlung von Schriften und Architekturmodellen historischer wie eigener Entwürfe stets vor Augen führte. Dieser „Kosmos der Architektur“ wurde noch 2006 im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie gezeigt, in einem Gebäude also, das Ungers aufgrund seiner „elementaren Einfachheit“ schätzte.

In der Lehre versuchte er, ein grundlegendes Verständnis für Architektur zu fördern – nicht zufällig lautete der Titel seiner 1964 gehaltenen Berliner Antrittsvorlesung: „Was ist Architektur?“ In der Beantwortung dieser Frage gelangte er zu der Definition, Architektur sei „bindende Kunst“. So verstanden müsse sie „ganz unterschiedliche Elemente mit ihren unterschiedlichen Bedingungen zusammenkommen (lassen), um ein sinnvolles Ganzes zu ergeben“. Es komme ihr also die Aufgabe zu, Ungeregeltes unter Berücksichtigung äußerer und innerer Abhängigkeiten regelhaft zu ordnen. In der Morphologie der Stadt fand Ungers die exemplarische Anschauung seiner These.

Stadt und Haus

Sein Projekt „Berlin, das grüne Städtearchipel“ reduzierte die bauliche Substanz der Stadt, um sie als Inseln in einer Parklandschaft in Verbindung treten zu lassen. Es wurde ihr dabei eine Ordnung eingeschrieben, die der äußeren Bedingung der Schrumpfung ebenso Rechnung trug wie der Idee des Erhalts ausgewählter baulicher Substanz. In einer späteren Erweiterung behandelte Ungers die Stadt nicht mehr nur als Vorgefundenes. Vielmehr fügte er ihr nicht realisierte Bauwerke wie die Chicago Tribune Column von Adolf Loos oder die Wolkenbügel El Lissitzkys hinzu – und erweiterte die als Sammlung verstandene Stadt um Wegmarken der Baugeschichte.

Seine Bauten zeugen von einer Rationalität, die sich in Anlehnung an tradierte Prinzipien des Architekturentwurfs aus der Verwendung geometrischer Grundformen entwickelt. Das ordnende Element, das Ungers in der Figur des Quadrates erkannte und in Grund- wie Aufriss in Erscheinung treten ließ, brachte ihm den Vorwurf der Monotonie und des Selbstbezüglichen nicht weniger Kritiker ein. Der Architekt erklärte diese formale Gestalt mit dem Versuch einer völligen Abstraktion, einer Befreiung vom Narrativen und Metaphorischen. Die Kontextualität seiner Bauten jedoch bleibt gewahrt, wenn sie aus einer Analyse des Ortes und aus der Tradition der Architektur selbst erwächst.

Gedankengebäude

Viele der Schüler Oswald Mathias Ungers’ haben den architektonischen Diskurs seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts mitgeprägt – und beleben noch heute unvermindert die Diskussion. Der Lehrer Ungers wirkt somit trotz oder gerade wegen der Widersprüchlichkeit ihrer Haltungen weiter. Der Architekt Ungers hat bereits einen Platz in der Baugeschichte gefunden – und wird mit seinen Bauten weiterhin Einfluss auf den Architekturdiskurs haben. Der Umbau des Berliner Pergamon-Museums wird dies auch nach seinem Tod belegen.

Am 30. September ist Oswald Mathias Ungers im Alter von 81 Jahren in Köln gestorben.

Rainer Schützeichel

Einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Gegenwart ist tot:

Oswald Mathias Ungers

Foto: van Sloun

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