Ein Streifzug entlang des Rheins

Im Rahmen der plan07 sind diese Woche die Wettbewerbsarbeiten für den RheinBoulevard ausgestellt, die Anfang September prämiert wurden. Auch die Montag Stiftung Urbane Räume hat Planer und Fachleute anlässlich der plan07 eingeladen, zukunftweisende Qualitätsmaßstäbe für die Rheinufer zu entwickeln. Welche Ideen der Planernachwuchs für die Flussufer bereit hält, zeigen die Projekte St. Heribert und St. Kunibert – am Rhein.

„Boulevard der Dämmerung“

Im gleichnamigen US-amerikanischen Spielfilm aus dem Jahr 1950, huldigt Billy Wilder den vergessenen Größen Hollywoods, die ihr Dasein entlang des legendären „Sunset Boulevard“ fristen. Eine Mischung aus Tristesse und Vergessenheit versammelt sich heute auch am längsten Boulevard Kölns – mit dem Unterschied, dass sich noch kein internationaler Filmemacher seiner Geschichte angenommen hat.

Wenn es nach den Planern der Domstadt geht, gehört die Tristesse der Rheinufer bald der Vergangenheit an. Erste messbare Erfolge kann der Rheinauhafen verzeichnen, dessen Ufer sich zum beliebten Ausflugsziel gemausert haben. Wichtige Impulse für weitere Bereiche entlang des Rheins gehen von der Regionale 2010 aus.

Sunset Boulevard

Der Zeitpunkt der Eröffnung war gut gewählt. Kurz bevor die Septembersonne hinter der Altstadtkulisse verschwand, tauchte sie den Ausstellungsraum im Lufthansa-Gebäude in ein warmes Licht. So galt der erste Blick der Besucher dann auch dem grandiosen Altstadt-Panorama und nicht den lieblos präsentierten Wettbewerbsarbeiten.

Vom Tanzbrunnen bis zur Severinsbrücke reicht die knapp zwei Kilometer lange Strecke, die neu gestaltet werden soll. Das entspricht in etwa der Distanz, die ein Fußgänger in einer Stunde zurücklegt. Der erste Preisträger, Planorama aus Berlin, schlägt drei unterschiedliche Abschnitte vor: schwimmende Sonnendecks an der alten Messehalle, eine großzügige Freitreppe gegenüber der Altstadt und Freiraum für Sport und Kirmes an der Deutzer Werft.

Das Repertoire aus dem die Wettbewerbsteilnehmer schöpfen, scheint identisch:

Pontons und Freibäder, Sitzstufen und Balkone, Sportplatzmarkierungen und Schotterflächen. Unterschiede werden vor allem an der Linienführung und Materialisierung deutlich. Hier scheint der Wunsch des Planungsdezernenten Streitberger nach zurückhaltenden und sauber detaillierten Lösungen allzu wörtlich genommen.

Die Kunibert Promenade

Ein Blick auf die andere Rheinseite hilft. Die Studierenden vom Institut für Landschaftsarchitektur an der Leibniz Universität Hannover beweisen größeren Einfallsreichtum. Mit einer Semesterarbeit haben sie Freiraumqualitäten für das Rheinufer des Kunibertsviertels neu definiert.

In der fröhlich improvisierten Ausstellung im Rheintriadem stechen zwei Arbeiten hervor:

Während eine Arbeit in wellenförmigen Linien und fließenden Terrassen mit dem Rheinpegel spielt, verknüpft ein anderes Team die Sichtachsen des Viertels mit großmaßstäblich gerahmten Ausblicken.

Neue Wert(h)e am Rhein

Ein wahres Feuerwerk an Ideen ist aus dem Workshop der Montag Stiftung „Urbane Räume“ hervorgegangen. Vier handverlesene Teams, eingeladen auf Empfehlung von Thomas Sieverts, haben drei Tage lang intensiv geforscht, diskutiert und entworfen. Qualitätsmaßstäbe entlang des Rheins für die nächsten 25 bis 30 Jahre zu entwickeln, war erklärtes Ziel der Arbeitsgruppen mit den Themen Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Rhein.

Großmaßstäbliche Vorschläge, wie eine Siedlungsstruktur von Archipelen, die in Hochwasser-Zeiten wie Inseln im „entfesselten“ Rhein ruhen, wurden von kleinen, sofort umsetzbaren Maßnahmen ergänzt. Manchmal reichen eben schon ein Zebrastreifen in Rolandseck oder eine Öffnung der Rheininseln Nonnen- und Grafenwerth am Wochenende, um die vorhandenen Qualitäten zugänglich zu machen.

Adalbert Fuchs, Wirtschaftsbeauftragter der Stadt Honnef war von den Ideen für seine Stadt begeistert und der Kölner Planungsdezernent Streitberger signalisierte spontan seine persönliche Unterstützung für die nächsten Schritte im Dialog mit den Ford-Werken. Das herausragende Engagement des Stifters Carl Richard Montag verspricht eine aussichtsreiche Zukunft für die „Stadträume am Rhein“.

Rhein und Heim

Einen besonders schönen Ausblick auf den Rhein genießen die Bewohner des Caritas-Altenzentrums St. Heribert. Vis-à-vis der Altstadt befindet sich die denkmalgeschützte Klosteranlage St. Heribert, die heute von Senioren bewohnt wird. Die wenigsten Spaziergänger nehmen Notiz von der sehenswerten Anlage und nur kaum ein Bewohner kann die Stufen zum Rhein noch hinaufsteigen.

Während der plan06 trafen drei Architekten, eine Designerin und ein Schreiner in St. Heribert zufällig aufeinander. Spontan entstand die Idee für die plan07. Das Heribert-Team bringt es auf den Punkt: „Urbanismus ist überall da, wo Menschen zusammen kommen. Und wenn sie nicht zusammen finden, da können sie zusammen gebracht werden.“

Gesagt getan: ein begehbares Holzobjekt direkt auf der Promenade lenkt den Blick weg vom Rhein hin zum Heim. Der neugierige Passant folgt einer Sequenz von Steckenpferdchen

hin zur so genannten „Kuchenplattform“. Auf der Tribüne vor dem Klosterhof gibt’s Mittagstisch und Kaffeetafel – der vielleicht kleinste gemeinsame Nenner von Flaneuren und Bewohnern.

Gut gestärkt geht’s weiter entlang der Holzpferdchen hinab in den Gewölbekeller St. Heriberts mit römischen Mauerfragmenten und mittelalterlicher Bruchsteinkonstruktion. Hier unten in der „Schatzkammer“ sind Gegenstände ausgestellt, die ganz besondere Geschichten der Bewohner erzählen. Eine Holzschüssel, in der die ersten Kartoffeln nach dem Krieg gereicht werden, eine schwarze Madonna, die… Ach, am besten Sie gehen selbst gucken! Die Geschichten vom Kölner Sunset Boulevard werden Sie begeistern.

Vera Kiltz

plan projekte:

Nr. 15 St. Heribert trifft plan07

Nr. 16 RheinBoulevard Köln

Nr. 21 Entwurfswerkstatt Stadträume am Rhein

Nr. 27 Längs + quer promeniert St. Kunibert in Köln am Rhein

RheinBoulevard Köln

Foto: Vera Kiltz

Semesterarbeit: Institut für Landschaftsarchitektur an der Leibniz Universität Hannover

Ausstellung des Institutes für Landschaftsarchitektur an der Leibniz Universität Hannover

Foto: Vera Kiltz

Semesterarbeit: Institut für Landschaftsarchitektur an der Leibniz Universität Hannover

Foto: Vera Kiltz

Der Stifter Carl Richard Montag ist Initiator des Projektes: „Urbane Räume“

Foto: Vera Kiltz

Stadträume am Rhein

Foto: Vera Kiltz

Wohnen am Rhein, Skizze Pablo Molestina

Foto: Vera Kiltz

Rhein + Heim

Foto: Heribert Team

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