Die Stadt lebt meist anders als geplant. Das fasziniert den Urbanisten.

Urbanismus, was ist das? Die Wissenschaft von der Stadt oder die Faszination am Städtischen? Erst mal im Duden nachschauen. Der Anfangsverdacht erhärtet sich: Offiziell gibt es gar keinen Urbanismus. (Aber natürlich taucht er – da weniger obrigkeitsstaatlich – bei Wikipedia auf.)

Die Urbanistik (Wissenschaft) versucht einen beobachteten Komplex – nämlich die Orte höchster Bevölkerungsdichte – zu entwirren. In dem „selbstgemachten“, subkulturellen Begriff Urbanismus lebt dagegen zusätzlich die Faszination am Urbanen. In unserem Sprachverständnis bedeutet das Urbane, und der angekoppelte Begriff Urbanismus, mit langer Tradition immer noch etwas emphatisch Positives: geglückte Hochkultur, ein komplexes aber befriedetes Nebeneinander dichter Interessen, schlicht kultureller Reichtum.

Die Stadt als Readymade

Urbanismus interessiert sich für alles, was in der Stadt passiert. Das ist toll und es hat Konjunktur – vermutlich auch, weil wir in einer Zeit leben, in der global erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben – aber es bedeutet auch ein Abbildungsproblem. Das Ganze der Stadt lässt sich nämlich nicht darstellen, denn es ist die Stadt (und der Gebrauch der Stadt durch seine Bewohner) selbst. Die Organisatoren der plan07 haben dafür die geglückte Formel gefunden: Die Stadt als Readymade.

Am meetingpoint der plan07 am Rudolfplatz steht eine gold gefärbte Infotheke, die aus einladenden Türen mit Klinken besteht, die sich nicht öffnen lassen. Das könnte heißen (?): es geht um einen glamourösen, goldenen Begriff, der viel verheißt, aber nicht richtig aufgeht. Wirklich ausstellen lässt sich die Stadt nicht, dieses Abbildungsproblem selbst ist den Veranstalter bewusst, sie haben es gut inszeniert und sind im Prinzip auf ehrenwerte Weise daran gescheitert. Die Wahl des meetingpoints war insofern gelungen. Der heruntergekommene Bau der Alten Sparkasse der seit Jahren leer steht, beherbergt eine Reihe von Programmpunkten, die das Phänomen Stadt aus der Perspektive der Selbstorganisation wahrnehmen. Sehr nettes Detail übrigens die kleinen Kressekulturen auf abgesperrten Nässeflecken auf dem alten Teppichboden. So gibt es auch keine Prunk-Show, keine Gursky-Panoramen, nichts, was die glamouröse Verheißung des Begriffs Urbanismus bloß illustriert. Eher eine Ausstellung mit Bastelcharakter und kleinen Mitteln, die das Städtische mit deutlicher Sympathie für die kleinen Lösungen, für die Stadtplanung von unten zeigt.

Überwucherte Planung

Die Ausstellung zeigt das verständliche Misstrauen gegenüber stadtplanerischer Verfügung, gegenüber reinen Reißbrettutopien. Dieses Misstrauen speist sich aus einer langen Tradition von Planungsfehlern und totalitären Verfügungen. Die weder von Geschichte noch von eigenmächtigem Gebrauch verunreinigte Planung ist sicher noch immer eine heimliche Phantasie vieler Reißbrettstrategen. Was sich dagegen immer als emphatisch urban erwiesen hat, ist das private Durchkreuzen dieser Planungen, die kleine Umnutzung, also der Trampelpfad, der durch die anders geplante Grünfläche führt, die kleine Schattenwirtschaft gegen das Industriegebiet, die Nachbarschaftshilfe, die die Altenpflege ergänzt, die Besiedelung von Brachen usw. Diesen Subkulturen vertrauen wir zunehmend. Weil hier kreative Milieus entstehen, in denen Lösungen für komplexe Probleme gefunden werden, die anders nicht planbar sind. Möglicherweise – so die Vermutung, die immer plausibler wird – beginnt eine Stadt erst zu leben, wenn die Planung überwuchert, oder angepasst wird.

Pjöngjang – ein Ideal der Planung

Ein Beispiel für eine reine Planungsphantasie gab Christian Posthofen in seinem Vortrag am Eröffnungsabend: „Urbanismus und Ideologie – Pjöngjang“, eigentlich eine Diashow mit Fotos von seinem Pjöngjangbesuch mit angehängtem Theorie-Appendix. Für Europäer sicher beeindruckend, dieses Paradebeispiel einer kristallinen Planung. Pjöngjang war nach dem Ende des Koreakrieges zu 100% zerstört, kein Gebäude ist älter als 50 Jahre. Zwei Millionen Menschen leben hier, das sind 10% der Gesamtbevölkerung. In Pjöngjang zu wohnen ist ein Privileg, eine Auszeichnung, das für konformes Verhalten gewährt wird. Eine Planung dieses Reinheitsgrades ist sicher nur in einem totalitären System möglich. Die Planungsfehler sind spektakulär deutlich und kaum kaschiert. So gibt es sechsspurige Straßen, phantastische Sichtachsen, auf denen aber kein Auto fährt. Es gibt unglaubliche, modern-barocke Beleuchtungskörper übermenschlichen Ausmaßes, für die es aber keinen Strom gibt und Fehlplanungen von gigantischen Prachtbauten (für die auch die klassische Moderne Pate stand), die allerdings wegen Geldmangel nie über die Rohbauphase hinausgekommen sind. Hier wurde nicht nur eine Stadt komplett durchgezeichnet sondern gleich auch noch so etwas wie eine Art designter Staatsreligion zur Huldigung des „ewigen Führers“ Kim Il-sung mit gigantischen Wahrzeichen kreiert.

Zugegeben, was wir von Pjöngjang zu sehen bekommen ist hochgradig gefiltert. Kein Europäer darf sich dort frei bewegen, und so sehen wir nur die lizenzierten Bilder. Was aber wirklich fasziniert und irritiert ist diese leere Stadt, die sich nur zu kollektiven Huldigungen des Diktators (z.Zt. Kim Jong-il, der Sohn von Kim Il-sung) und seiner militärischen Elite füllt. Zwei Beispiele. Auf einem Parteitag bilden auf dem Podium tausende von Schülern eine Leinwand. Jeder von ihnen hält bunte Pappen hoch, die je nur ein Pixel in einer wahnsinnig gut funktionierenden Bildfolge sind. Oder ein Propagandafilm, der am meetingpoint als ständiger Videoloop läuft: Wir sehen hunderte von Einwohnern in einer zu geometrischen Mustern organisierten Masse an dem Diktator vorbeidefilieren und kollektiv in Extase geraten, ohne ihre Marschformation zu zerstören. Was auf diesen Gesichtern zu sehen ist, ist das verstörendste, was es im meetingpoint zu sehen gibt. Ist das echt, sind das Drogen, ist das Angst oder gar etwas ganz anderes?

Stadt Fragen

„Stadt Fragen – Erinnern, Vergessen u. Urbanismus“. Hier wird nach der subjektiven Erfahrung von Stadt gefragt. Eine eher spielerische Befragung der Kölner nach ihrem Köln mit wenig Vorgaben. Die Antworten werden am meetingpoint ausgestellt – auch unter https://www.urbanmemories.org. Ein sehr bescheidener, eher anekdotischer Ansatz, das Megaphänomen Stadt abzubilden. Aber vielleicht muss man so klein wieder anfangen, wenn die großen überambitionierten Ansätze schon grandios gescheitert sind. Kein Schriftsteller oder Filmemacher würde heute noch trockenen Auges versuchen, die Totalität einer Stadt abzubilden – das waren alles die großartigen Versuche aus den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts.

landSCAPE.METROpolis

Eine durchaus schöne wenn auch unverständliche weil richtungslose Fotoausstellung, die Bilder aus den großen Megacitys mit denen von norwegischen Fjorden und anderen Naturlandschaften kontrastiert. Soll hier tatsächlich der Gegensatz Natur/Kultur visualisiert sein und wenn ja, warum?

Atelier Fragile

Atelier Fragile: Als Auskoppelung aus einem größeren Projekt zeigen Maryvonne Arnaud und Philippe Mouillon „Das Leben in der Stadt unter prekären Bedingungen“. Als Ausstellungsprojekt ist es zweifellos der gelungenste Programmpunkt am meetingpoint. Großformatige Bilder auf Wellpappen, die teilweise zu Boxen geformt sind, zeigen Bilder von Obdachlosen, die sich u.a. in genau solchen Boxen aus Wellpappe provisorische Behausungen einrichten. Dazu als theoretischer Werkzeugkasten schwergewichtige Zitate zum Thema auf ebensolchen Pappen.

Das einleuchtende Konzept: Boris Sieverts – Büro für Städtereisen

Raus aus dem meetingpoint, rüber in den Kölnischen Kunstverein. Hier ist das temporäre Büro von Boris Sieverts, der seit zehn Jahren das Büro für Städtereisen betreibt. Er ist derjenige, der mit seinen Städtereisen der Ausstellungsambition am nächsten kommt. Boris Sieverts führt kleine Gruppen ein- oder mehrtägig durch Stadtlandschaften und Randzonen der Städte, die kaum jemand kennt. Er zeigt, z.B. dass es in der Umgebung von Dom und Bahnhof unbekannteres Terrain zu erkunden gibt, als auf jeder touristisch konfektionierten Fernreise. Seine Frage dabei: Wie kann ich die Stadt, die Peripherie aneignen, wie wird sie tatsächlich gebraucht? Hier geht es auf engstem Gebiet etwa von Tiefgaragen in edelste Hotels, durch unbekannte Posttunnel, schroffe Abrissgelände (Bier und Imbiß ambulant).

Die Transformation dieser Expeditionen in die Ausstellungsräume des Kunstvereins funktioniert natürlich kaum. Zu sehen ist neben seinem Büro nur eine raumfüllende Kölnkarte auf dem Boden (Aneignung) und eine Diashow mit Bildern aus seinen Stadtreisen, die bei hellem Tageslicht leider kaum zu sehen sind. Allerdings hält Sieverts dort noch seine Google-Earth lectures (Mi 26.09., 20 Uhr). Die Stadtreisen sollte man wirklich buchen, wenn man das Spektrum urbanistischer Faszination auf sehr reiche Weise erfahren will.

Ort:

meetingpoint, Alte Sparkasse, Rudolfplatz /

Eingang Pilgrimstraße

Öffnungszeiten:

21.09., 18 Uhr, Eröffnung

22.–28.09., 13–21 Uhr

Ort:

Kölnischer Kunstverein, Hahnenstr. 6

Öffnungszeiten:

21.09., 18–22 Uhr

22./23.09., 12–18 Uhr

24.–28.09., 13–19 Uhr

Axel Joerss

Infotheke der plan07 am meetingpoint

Kressekulturen in symbolischer Funktion

Kollektive Extase und inszenierte Massenchoreographie in Pjöngjang

Christian Posthofen von außen und innen

Urbanmemories: Die Antworten auf die Köln-Fragen werden im Stadtplan verortet

Stadt-Land-Fluss, das ist landSCAPE.METROpolis

Das Leben in der Stadt unter prekären Bedingungen

Köln als Auslegeware im Kunstverein: Die Stadt, das sind die Spuren die wir darauf hinterlassen sagt das Büro für Städtereisen

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2 Antworten auf “plan07: Die Stadt lebt”

  1. Martin Weiser

    Bei der Aufzählung interessanter Ausstellungen sollte auch der SIDISPOT in der Marzellenstraße nicht fehlen. Auf 1700qm industriellem Ambiente wird die Stadtplanung Barcelonas aus dem 19. Jahrhundert mit Bezug auf das Heute gezeigt.

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