Ein Rundgang zu Design, Urbanismustheorie, sozialer Randständigkeit und zur Architektur des Krieges

Die diesjährige plan versammelt unter dem Leitthema „Urbanismus“ rund 40 Projekte, die sich in unterschiedlicher Weise mit dem vielgestaltigen Thema auseinandersetzen. Vier davon sollen im Folgenden näher vorgestellt werden.

60 Sekunden Design

Die Designer Meike Eckstein, Traugott Haas und Robert Schwermer fordern: „Raus aus dem Museum!“ Damit ist kein Aufruf zu kulturanarchistischer Kunstverweigerung bezeichnet, sondern vielmehr die Notwendigkeit, Design im Kontext des Gebrauchs zu erfahren – und eben nicht losgelöst auf einem musealen Podest. Designer gestalten unsere Umwelt, nicht selten werden die gestalteten Objekte durch alltägliche Routine als selbstverständlich hingenommen. Stadtmobiliar beispielsweise fällt kaum einem Nutzer in seiner formalen Gestalt sonderlich auf, obwohl – oder eben: weil – er es regelmäßig nutzen dürfte.

Die „Exponate“ finden sich daher folgerichtig in der Stadt, wenn auch eine Basisstation im Museum für Angewandte Kunst eingerichtet ist. An 15 ausgewählten Stellen machen rot gestrichene und mit einer Metallplatte eingefasste Betonelemente die Passanten auf Besonderes aufmerksam, ein Übersichtsplan informiert über den Aufstellungsort dieser Betonhingucker. Die Überschriften zu den so markierten Objekten sind bewusst kryptisch gehalten, um den plan-Flaneur bis zum Aufsuchen des jeweiligen Ortes im Unklaren über das Vorzufindende zu lassen.

Das Finden der Exponate aber fällt selbst dem Ortskundigen nicht immer leicht, da die aufmerksam machenden Betonteile besonders in der Innenstadt zuweilen im optischen Lärm unterzugehen drohen. Vielleicht macht gerade dies den Kern des Projektes deutlich: Der Versuch, das Besondere des Alltäglichen vor Augen zu führen, sieht sich zugleich mit einer Reizüberflutung der Passanten konfrontiert, die es zu ordnen gilt. Ist das Designobjekt gefunden, kann eine dort angegebene kostenfreie Nummer angerufen werden – dies ist nun so gut wie jedem möglich, denn ein Mobiltelefon dürfte inzwischen zur Grundausstattung des modernen Menschen gehören. Der Anrufer erfährt dann von einer leicht aufgeregten Stimme Wissenswertes rund um das zu Sehende: informativ und unterhaltsam. So kann man zum Beispiel am Rudolfplatz Näheres über die Geschichte des überaus praktischen Liniennetzplans der U-Bahn erfahren, am Neumarkt wird gar laut über eine Neuordnung der Zeit nachgedacht.

Urbane Visionen

Der meetingpoint der plan07 wurde im ehemaligen Sparkassengebäude am Rudolfplatz eingerichtet. In die seit Jahren ungenutzten Räume hält nun innerhalb einer Woche wieder Leben in allen denkbaren Formen Einzug – die ausgesäte, regelmäßig bewässerte Kresse entwickelt sich prächtig. Die Ausstellung des Fachgebiets „Entwerfen im Bestand“ der Universität Kassel hat die Not des zu transportierenden Ausstellungsmobiliars zur Tugend gemacht und ausschließlich Kartons zur Gliederung des rückwärtigen Bereichs der ehemaligen Kassenhalle verwendet. Gestapelte Kartons werden so zu Stelen oder Tischen, das Grundmodul eines Kartons gereicht zum Sitzen.

Die Ausstellung zeigt die Ergebnisse eines Seminars unter Leitung von Alexander Eichenlaub und Marc Kirschbaum: Gemeinsam mit Studenten bilden sie die semesterweise wechselnde Redaktion der Zeitschrift „arclos!“, die vierteljährlich vom Fachgebiet herausgegeben wird. Im Seminar werden die Studenten zur kritischen Lektüre von Fachzeitschriften sowie theoretischen Arbeiten zu Architektur und Planung angeleitet – und wirken so dem Vorurteil entgegen, Architekten läsen nicht und könnten schon gar keinen Konjunktiv bilden.

Das Heft Nummer 10, das anlässlich der plan07 erarbeitet wurde, nimmt sich urbanistischen Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts an. Es kann als Katalog zu den auf Plänen präsentierten studentischen Arbeiten verstanden werden, die versuchen, die Tauglichkeit der behandelten Ansätze zur Lösung aktueller Problemstellungen durch den Transfer zu prüfen: So kann der Besucher eine Ahnung bekommen vom „Stadtstaat des modularen Lächelns“, der hier nach den Leitsätzen Le Corbusiers literarisch verwirklicht wurde, oder aber die Konsequenzen des Gartenstadtkonzepts Ebenezer Howards als fiktive Erweiterungsplanung für Berlin studieren. Der Reiz der ausgestellten Arbeiten liegt nicht zuletzt darin, dass sie historische Positionen in den zeitgenössischen Kontext einbinden und noch einmal mit veränderten Vorzeichen hinterfragen. Wem die Texte dennoch zu umfangreich für die Lektüre vor Ort erscheinen, dem sei die aktuelle Ausgabe von „arclos!“ empfohlen.

Karin Danne – planlos

In leer stehenden Büroräumen in der Großen Budengasse zeigt Karin Danne Bilder von Kölnern, die am Rand der Gesellschaft stehen und die in Beziehung zu emblematischer Architektur der Stadt gesetzt sind. Die Protagonisten werden ent-individualisiert, indem sie auf Karton aufgebrachte Portraits als Maske tragen. Den zehn gezeigten Bildern ist jeweils ein Kommentar des anonymen Akteurs zur Seite gestellt, der dessen Situation ausdrückt und die in Szene gesetzte Verzweiflung nachvollziehbar macht.

Wie im meetingpoint trägt auch hier die Räumlichkeit viel zur atmosphärischen Wirkung der von der GAG Immobilien AG unterstützten Ausstellung bei: Ein nicht genutzter Ort inmitten der Stadt wird vorübergehend bespielt und erhält damit eine Funktion. In der zweiten Etage findet der Besucher die beiden Räume, in denen die großformatigen Bilder ausgestellt sind. Ein kleiner, parallel zum Hauptraum gelegener Flur birgt eine weitere Installation: Hier hängen die auf den Fotos zu sehenden Masken, die sich nun der Besucher selbst aufsetzen kann. Sind die darunter befindlichen Kopfhörer ein wenig umständlich angelegt, hört man Gedichte der Künstlerin. Die Texte bedrücken, auch die eingeschränkte Wahrnehmung in der „Box“ verunsichert – der Ausschluss wirkt sich hier direkt auf den eigenen Körper aus.

Die Zuordnung von Maske und dargestelltem Schicksal auf den Fotos ist indirekt, wenn auch nicht zufällig. So ist der Prostituierten das Gesicht einer alten Frau zugeordnet, unter deren Maske das Gedicht „Hauttöne“ zu hören ist. Es zeugt von Haltlosigkeit, Schmerz und Angst, die auch die junge Frau auf dem Bild spüren dürfte. Seelische Entblößung wird zu körperlicher Nacktheit, wenn Danne sagt, sie stehe „mit der nackten Seele zur Wand/Und halte fest an der weißen Mauer der Unschuld“. So finden die Masken eine Beziehung zu den Menschen, deren Identität sie auf den Bildern verbergen.

Bernd Behr – House without a Door

Wer die Galerie e-raum in der Ehrenfelder Siemensstraße betritt, muss sich erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen: Die umlaufenden Fenster sind allesamt blickdicht mit schwarzem Stoff verhangen, der jede Ahnung von Licht ausschließt. Im Inneren muss sich der Angekommene nun positionieren und bewusst in ein Verhältnis zum vorgefundenen Raum setzen, denn erst einmal versperrt eine Stütze den Blick auf die hölzerne Projektionswand, die den Kurzfilm „House without a Door“ von Bernd Behr reflektiert. All dies ist gewollt, denn der in London lebende Künstler stellt den menschlichen Körper mit seinen Arbeiten in eine bewusste Beziehung zum Raum. Architektur ist dabei ein Mittel, Raum zu beschreiben – vielleicht das direkteste, nicht aber das einzige. Der Mensch selbst produziert Raum, legt mental maps an, um sich der ihm eigenen, individuell erfahrenen Stadt zu bemächtigen.

Das Thema des gezeigten Films ist nun eine reale Architektur, die aber ebenfalls in Teilen imaginiert werden muss: Das German Village wurde 1943 vom US-Militär in der Wüste von Utah unter Mitwirkung von Erich Mendelsohn errichtet. Die Hausfragmente stellen die beiden oberen Geschosse typischer deutscher Arbeiter-Mietsblöcke dar, die der Erprobung von Brandbomben dienten. Aufgrund der massiven Bauweise mussten die „deutschen“ Häuser mithilfe ihres Mobiliars in Brand gesetzt werden, das die RKO-Filmstudios zu Testzwecken originalgetreu nachbauen ließen. Das German Village, das im Lauf der Bombentests dreimal wiedererrichtet wurde und heute als merkwürdiges Relikt in der Wüste steht, verkörpert so unmittelbar die Perversion des Krieges. Die Häuser befinden sich noch heute auf militärischem Sperrgebiet und dürfen nicht betreten werden – Behr musste also deren Inneres, ihre mortale Bestimmung assoziativ darstellen.

Der Filmtitel führt zum einen die Funktionslosigkeit der Häuser vor Augen, die ihrer originären Nutzung entzogen sind, zum anderen nimmt er Bezug auf den expressionistischen Film „Das Haus ohne Tür“ von Stellan Rye. Mit Stilmitteln des Expressionismus’ führt Behr den Zuschauer in das symbolisch aufgeladene Innere, ohne es jemals zu zeigen – der Betrachter errichtet vielmehr aus den filmischen Versatzstücken seine eigene Realität der Häuser in der Wüste. In einem kleinen Nebenraum der Galerie dokumentiert Bernd Behr in einer Collage aus Fotografien und handschriftlichen Kommentaren die Vorarbeiten zum Film, dessen Geschichte weit über die Architektur der Häuser hinausweist. Der Weg hinaus nach Ehrenfeld lohnt unbedingt.

Rainer Schützeichel

plan07_60 sekunden design_03

Ruf-mich-an! Mit 15 Betonkörpern macht ’60 Sekunden Design‘ auf die gestaltete Umwelt aufmerksam

plan07_60 sekunden design_07

Design in Use: ’60 Sekunden Design‘ meets tourists

plan07_arclos_ausstellung-1

Ephemere Nutzung im meetingpoint: ‚arclos!‘ präsentiert ‚Urbane Visionen‘ am Rudolfplatz

plan07_arclos_ausstellung-2

Neues im Alten? Urbanismustheorien auf dem Prüfstand

plan07_planlos_bilder

Karin Danne dokumentiert soziale Randständigkeit unter dem Titel ‚planlos‘

plan07_planlos_bin gebrochen

Haltlosigkeit in einer käuflichen Welt: ‚Bin gebrochen‘

plan07_planlos_suche das licht im dunkel

Hoffnung auf Spiritualität in der Sucht: ‚Suche das Licht im Dunkel‘

plan07_planlos_headphones

Lyrische Prosa als Ausdruck fremdbestimmter Identität in der Ausstellung ‚planlos‘

plan07_house without a door_german village

Blick auf das German Village aus dem Bunker – inszenierte Nähe von Krieg und Film

Videostill: Bernd Behr, ‚House without a Door‘

plan07_house without a door_rauch

Assoziation einer mortalen Bestimmung der Testbauten

Videostill: Bernd Behr, ‚House without a Door‘

plan07_house without a door_treppe

Vernichtung als Selbstzweck des Krieges

Videostill: Bernd Behr, ‚House without a Door‘

Artikel teilen

Ihre Meinung zählt

Eine Reaktion auf “plan07: Kontext Stadt”

  1. Unbekannt

    Eine gute Auswahl! Insbesondere die Arbeit von Bernd Behr in Ehrenfeld hat mich nachhaltig beeindruckt. Für jeden plan-Besucher ein Muss.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.