Aufbruchstimmung am Rhein

Die ‚Regionale 2010‘ versetzt Steine – unter dem Rathaus, am Rhein und auf dem Ottoplatz. Wir haben nachfragt, was das Strukturprojekt des Landes bewegt.

Steine sind bekanntlich geduldig. Jahrhundertelang schlummerten die Fundamente des Praetoriums unter dem Kölner Rathaus. Bis in den 50er Jahren der alte Statthalter-Palast plötzlich zum Vorschein kam. Fortan konnten die eindrucksvollen Reste aus der römischer Stadtgeschichte besichtigt werden – doch nur die wenigsten Besucher ahnten, dass es wenige Meter weiter eigentlich noch viel mehr zu entdecken gab.

2000 Jahre Geschichte und ein neuer Museumsbau

In diesem Sommer ist Dr. Sven Schütte nun damit beschäftigt, unter dem Rathaus Staub aufzuwühlen. Sein Auftrag: Der Archäologe soll rund um das Praetorium weitere Teile der 2000 Jahre alten Stadtgeschichte zwischen Alter Markt, Rathausplatz, Kleiner Budengasse und Wallraf-Richartz-Museum freilegen. „Das es hier viel zu entdecken gibt, wissen die Stadtväter schon lange“, räumt Schütte ein. Doch erst mit Hilfe des „Regionale“-Programms werden wirklich Steine versetzt. Das Ziel: Unter dem Rathaus soll eine „Archäologische Zone“ entstehen, die Fundamente aus dem Mittelalter und der Römerzeit zugänglich macht und zugleich eine Basis schafft für den Bau eines Museums der jüdischen Kultur.

Pläne zwischen „Bewahren und Aufbruch“

Bereits 2003 entwickelte die Stadt zahlreiche Projekte, mit denen sie sich an der Regionale 2010 beteiligt. Unter der Bezeichnung „Stadtentwicklung beiderseits des Rheins“ fasste man Vorhaben zusammen, die sich mit Teilen des Stadtbilds beschäftigten. Unter der Leitidee „Bewahren und Aufbruch“ sollten der Ausbau der „Archäologischen Zone“, Umstrukturierungen rund um den Ottoplatz und der Bau eines so genannten „Rheinboulevard“ in Angriff genommen werden. Nun stehen die Projektbausteine kurz vor der Umsetzung.

„Es ist wichtig, Steine ins Rollen zu bringen“

„Uns ist es wichtig, Impulse zu geben“, sagt Jens Grisar von der Regionale-Agentur. Als Projektleiter koordiniert er für die Regionale 2010 unter anderem die Vorhaben am Ottoplatz, am Rathaus und am Rheinufer und unterstützt damit die Stadt Köln als Projektträger. Sein Auftrag endet 2010 – abgeschlossen sind dann einige seiner Projekte wohl nicht. Grisar wägt jedoch ab: „Es ist wichtig, bis 2010 wesentliche Bausteine umzusetzen und damit den Stein ins Rollen zu bringen.“ In drei Jahren werde man sehen, wie weit welches Vorhaben gekommen ist – und dann die Projektträger dabei unterstützen, die weitere Anschlussfinanzierungen des Landes zu sichern.

Relikte des jüdischen Viertels

Am Rathausplatz hat Grisars Anliegen schon Früchte getragen, denn hier kommt seit dieser Woche tatsächlich das ein oder andere ins Rollen. „Die Bezirksregierung hat weiteren Grabungen inzwischen zugestimmt“, sagt Sven Schütte. So ist der Weg frei für seine Mitarbeiter, die sich wenige Meter vom Judenbad, der „Mikwe“, entfernt nun in die Erde graben: Zu entdecken gibt es Überreste des jüdischen Hospitals, Fundamente des „Domus Lybermann“ eines reichen jüdischen Bürgers aus dem 13. Jahrhundert und eine römische Porticus-Anlage mit Rundbögen. 200 Quadratmeter sind unter der Erde bereits zugänglich. „Die Archäologische Zone soll jedoch um ein Vielfaches größer werden“, kündigt Schütte an.

Ein Entwurf für zwei Bauvorhaben

In Kooperation mit der Gesellschaft zur Förderung eines Museums der jüdischen Kultur in NRW wird die Stadt Köln Ende des Jahres einen internationalen, begrenzt offenen Wettbewerb ausloben. Geplant ist eine Teilnehmerzahl von 50 bis 60 Architekten. Ziel ist es dann einen Ort zu schaffen, der die Traditionen jüdischen Lebens in Köln dokumentiert – und die Schätze der „Archäologischen Zone“ miteinbezieht. „Teilkonzepte werden nicht prämiert“, sagt Schütte. Vielmehr hatte der Rat der Stadt beschlossen, nur einen Entwurf für beide Projekte – die Erschließung der „Archäologischen Zone“ und den Bau des jüdischen Museums – auszuzeichnen.

Eine Promenade am Rhein

Wer das rechte Rheinufer künftig umgestaltet, ist noch nicht entschieden. Derzeit läuft ein von der Stadt ausgelobter landschaftsplanerischer Realisierungswettbewerb. Am 13. Juni ist eine erste Jurysitzung geplant, in der dann von 23 Teilnehmern die sechs aussichtsreichsten Bewerber bestimmt werden. Diese sollen am 16. Juni in einem öffentlichen Zwischenforum in der Magistrale des Stadthauses in Deutz ihre Pläne ausstellen. Im September fällt dann die endgültige Entscheidung. Fest steht schon jetzt: Die Stadt will, dass das neugestaltete Rheinufer charakteristische Stationen wie das Nadelöhr unter den Rheinterrassen oder den Aufgang zur Severinsbrücke zu einer Einheit verbindet.

Der Ottoplatz verändert sein Gesicht

Die neue durchgehende Promenade zwischen Severinsbrücke und Tanzbrunnen wird bis 2010 auch an den Bereich rund um den Ottoplatz angegliedert. Wie der künftig aussehen soll, steht in Grundzügen schon fest. Schließlich waren im Rahmen des Landeswettbewerbs „Stadt macht Platz“ bereits Pläne von Marcus Wilhelm und Ulrike Böhm ausgezeichnet worden, die zurzeit noch überarbeitet werden. Ihr Konzept sieht vor, die historische Fläche vor dem Deutzer Bahnhof zu erhalten und diese linear bis zum Gebäude des Landschaftsverbandes fortzusetzen. Mit verschiedenfarbigen Muschelkalksteinen wollen die Architekten den Bahnhofsvorplatz und den kleinen Platz vor dem LVR-Turm neu gliedern. Laut Grisar soll in 2008 mit der Umsetzung begonnen werden.

„Keine Baustelle, sondern Schaustelle“

Sven Schütte will derweil so ausführlich wie möglich die Entdeckungen seiner Mitarbeiter dokumentieren. Überirdisch soll auf Schautafeln gezeigt werden, was unter der Erde passiert. Zudem sind Publikationen geplant. „Der Grabungsort ist keine Baustelle, sondern eine Schaustelle“, sagt der Archäologe. In seinen Augen wird die Erschließung der „Archäologischen Zone“ vor allem eine logistische Aufgabe sein. Rundgänge müssten geschafften werden, dazu Durchbrüche und Fenster zur „Oberwelt“. Auch hier hat man sich das Jahr 2008 als Zeitpunkt für erste Baumaßnahmen gesetzt – ein Auftakt für weitere Steine, die die „Regionale“ in den nächsten Monaten versetzen wird.

Das Kölner Stadtplanungsamt informiert über seine aktuellen Wettbewerbsverfahren im Internet. Informationen zum Rheinboulevard

und zur Regionale2010 – Kölner Projekte (PDF)

Zur Internetseite der Regionale 2010

Annika Wind

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Jedes Jahr ein Platz“

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Foto: Regionale 2010

Marcus Wilhelm und Ulrike Böhm planen, den Bahnhofsvorplatz in Deutz bis zum LVR-Turm neu zu gliedern.

Auf der rechten Seite des Rheins soll ein durchgängier Boulevard entstehen. Derzeit läuft dazu ein Wettbewerb, Ergebnisse werden im September bekannt gegeben.

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