Kompositionen

Das Barmer Viertel ist der Abrissbirne gewichen, doch eindeutige Planungsperspektiven für die Deutzer Stadtentwicklung sind noch immer nicht skizziert.

In einem vom Rat der Stadt installierten und moderierten Werkstattverfahren erörterten im Frühjahr 2006 rund 40 Fachleute neue städtebauliche Ideen für das Umfeld des Deutzer Bahnhofs. Auf dem Gelände rund um die Bahntrasse sollen Büros, Restaurants Wohnungen und ein Hotel entstehen, eventuell auch ein Musical-Theater und ein Kongresszentrum

Weil keines der Rahmenkonzepte der drei beteiligten Stadtplanungsbüros (JSWD aus Köln, astoc architects and planners – ebenfalls aus Köln – sowie Trojan & Trojan aus Darmstadt) alle Vorgaben von Stadt und Messe berücksichtigten, ließ der Stadtentwicklungsdezernent Bernd Streitberger die Verwaltung der Stadt Köln nun selbst einen Vorschlag erarbeitet. Nach der Bewertung der drei vorliegenden Entwürfe wurden aus jedem einige Elemente aufgegriffen und damit ein eigenes Konzept erarbeitet.

Ein Bekenntnis zu qualitätsvoller Architektur

„Streitbergers Kompositionen“ wurden letzte Woche dem Rat vorgestellt, wo sie allerdings keine eindeutige Mehrheit fanden. Der Stadtentwicklungsdezernent verweist in seiner Vorlage auf ein robustes städtebauliches Gerüst, das eine flexible und hochgradig individuelle Entwicklung ermöglicht, die ihre Qualität im Wesentlichen aus der Architektur beziehe. „Aus diesem Grunde muss für jedes einzelne Verfahren in diesem Bereich ein Realisierungswettbewerb durchgeführt werden.“

Das Expertengremium favorisierte den Entwurf des Kölner Büros JSWD. Hier fassen gut 20 Meter hohe Blockstrukturen das Areal im Norden und zur Bahntrasse hin. Zwei 60 Meter hohe Häuser akzentuieren den Zugang zur Messe und den Ottoplatz. Der Messeeingang ist über eine erhöhte Plattform, „Stadtbalkon“ genannt, zu erreichen. Wichtiges Entwurfeselement ist die Durchlässigkeit der Gebäude zwischen Bahntrasse und Messe.

Wie versteht man in Köln konzeptionellen Städtebau?

Doch gegenüber dem Votum des Werkstattverfahrens möchte der Stadtentwicklungsausschuss souverän bleiben und keinen der Entwürfe in Reinform realisieren. Es geht um Entscheidungen, die zwischen divergierenden Interessen der Akteure stehen, und hier ermöglicht Pragmatismus auch eine höchstmögliche wirtschaftliche Flexibilität. Im Hinblick auf die Vermarktungschancen und die Ausnutzung bevorzugt die Fraktion der SPD den Astoc-Entwurf. Barbara Moritz, Bündnis’90/Die Grünen, favorisiert ebenfalls den Astoc-Entwurf, da dieser Entwurf „gleichberechtigte Adressen bildet“ und die „Strahlkraft des Projektes von der Architektur“ ausgeht und nicht von höheren und weniger hohen Gebäuden und wechselnden Konfigurationen.

In der nun erarbeiteten Verwaltungsvorlage sind die Grundstrukturen des JSWD Entwurfes zu erkennen aber es fehlen wesentliche Entwurfselemente, wie z. B der Stadtbalkon, der einen Blick über den Bahndamm zur Altstadt und zum Dom erlaubt. Eine der wesentlichen Vorgaben: Es sollen nicht mehr als zwei Hochhäuser errichtet werden, deren Höhe soll die 50 Meter nicht überschreiten. Dies ist erstaunlich, da selbst die UNESCO eine Bebauung von 60 Meter Höhe bewilligte, um zwischen dem 103 Meter hohen LVR-Turm und der sonstigen Bebauung rund um den Deutzer Bahnhof zu vermitteln.

Mit gutem Beispiel voran

Zwar ist es durchaus üblich, dass bei städtebaulichen Wettbewerben Verwaltung und die Politik Änderungswünsche anmelden, doch das städtebauliche Grundkonzept und die Handschrift müssen erhalten bleiben. Fragwürdig und offensichtlich wenig transparent bleibt jedoch nicht nur die Mischung aus drei Entwürfen, sondern das Verfahren an sich. So hält CDU Vorsitzender Klipper das Verfahren, drei Planungsbüros auszuwählen, um in einem offenen Workshop ein städtebaulich hochwertiges Ergebnis zu bekommen, für ungeeignet. Dr. Eva Bürgermeister erklärt für die SPD-Fraktion, dass das Verfahren nicht für einen Wettbewerb sondern für „einen kommunikativen Arbeitsprozess“ gehalten wurde. Und wo es keinen Wettbewerb gibt, kann es auch keinen Sieger geben.

Ralph Sterck, Vorsitzender der FDP ist jedoch der Ansicht, dass es „nicht der in Köln praktizierten Planungskultur entspricht, am Ende eines Qualifizierungsverfahrens das Planungsbüro, das aus bisher allen drei Stufen als Sieger hervorging, auszugrenzen“ und durch eine weiterentwickelte Planung ohne Einbeziehung des Siegerbüros zu ersetzen. Weiter kritisiert Sterck, „dies würde der Stadtentwicklungsausschuss bei einem privaten Investor nicht kritiklos hinnehmen“.

Solche Ungereimtheiten machen deutlich, dass es höchste Zeit ist, gerade für öffentliche Grundstücke, verbindlichen Verfahrensregeln zu definieren um ein städtebaulich hochwertiges und für alle nachvollziehbares Ergebnis zu bekommen. Eine Entscheidung fiel bisher noch nicht. Zunächst müssen andere Fachausschüsse, der Gestaltungsbeirat, die Bezirksvertretung Innenstadt sowie die Ausschüsse Wirtschaft und Liegenschaften, das Thema beraten. Bis dahin soll nun erst einmal ein Modell des Verwaltungsentwurfes gebaut werden.

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Barbara Schlei
Redaktion

So sieht die Verwaltungsvorlage des Kölner Stadtplanungsamtes für die Deutzer Planung aus. Die Grundstrukturen des JSWD Entwurfes sind zu erkennen auch wenn wesentliche Entwurfselemente fehlen.

Grafik: Stadtplanungsamt

Geführte Wegeverbindung vom Bahnhofvorplatz zum Messeeingang und durchlässige Blockstrukturen: Der Entwurf des Kölner Büros JSWD

Grafik: JSWD

Entwurf JSWD: Aus den ca. 20 Meter hohen Blockstrukturen ragen zwei 60 Meter hohe Gebäude, die sowohl den Messeeingang, als auch den Ottoplatz akzentuieren.

Foto: JSWD – Architekten

Die Planungsgemeinschaft Astoc / KCAP schlägt ein leicht gekrümmtes Gebäudeband mit einheitlicher Höhenentwicklung vor.

Foto: Stadtplanungsamt

Aus der Überlagerung von Raum- und Ordnungsprinzipien gelangt das Architekturbüro Trojan & Trojan aus Darmstadt zu ihrem Entwurfskonzept.

Foto: Stadtplanungsamt

3 Kommentare

„Er Barme dich unser“ die Gebäudehöhen werden immer geringer. Es werden bestimmt wieder die erbärmlichen Gebäuderiegel geplant (s. neue LH Verwaltung). Möglicherweise geht man wieder in die Tiefe (s. Philharmonie). Schlecht f. Deutz, Schlecht f. Köln. Eben doch nur Provinz.

Es MUSS doch eine Anpassung der Höhenstruktur erfolgen, sonst steht der (tolle) Triangle ohne Kontext einfach als Solitär in der Gegend. Mindesten 2-3 60m-Gebäude müssen her, um eine optische Angleichung zu erzielen. Wenn man sich schon von der richtig großen Lösung trennen musste, dann aber doch wenigstens eine ausgewogene Höhenentwicklung. Hat Streitberger keine Augen im Kopf?

In Duisburg wird ein grosser Teil der Innenstadt von Norman Foster neu geplant. In Köln macht’s die Stadtverwaltung unter Streitberger (s. Barmer Viertel) Auweia!

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