Statik in Bewegung

Ein Filmfestival des Bundes Deutscher Architekten BDA und der Videonale 11 zu Architektur in Film, Fernsehen und Video.

In Zusammenarbeit des BDA und der Viedeonale 11 fand Ende Dezember im Kunstmuseum Bonn das Filmfestival ‚Statik in Bewegung – Architektur in Film, Fernsehen und Video’ statt. Die Initiatoren Andreas Denk, Chefredakteur der Zeitschrift „Der Architekt“, und Georg Elben, Kurator der Videonale im Kunstmuseum Bonn, haben das zweitägige Festival zum Thema ‚Architektur in bewegten Bildern’ den drei Sparten Film, Fernsehen und Video gewidmet. Für die dritte und letzte Festivalsequenz „Architektur in bewegten (Video-)Bildern“ wurde aus den Einsendungen von knapp 600 Beiträgen, für die im März 2007 in Bonn stattfindende Videonale 11, gezielt eine Auswahl getroffen, die sich ausdrücklich mit Architektur beschäftigt und von einer „formalen, scheinbar dokumentarischen Bildsprache bis hin zu einer fiktiven Erzählung reicht“. Alle gehen der grundsätzlichen Frage nach: „Wie wird Architektur in bewegte Bilder umgesetzt?“

„Architektur in bewegten (Video-)Bildern“

‚Zurück in die Stadt von morgen’

Michaela Schweiger (D)

Eine Erzählung über das Hansaviertel in Berlin – Mitte. Die Geschichte des Hansaviertels ist eng verbunden mit der städtebaulichen Gesamtplanung für Berlin nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Die katastrophale Lage und großflächige Zerstörung der Stadt bot Stadtplanern eine einmalige Gelegenheit. Im Jahr 1946 erhielt Hans Scharoun von Seiten des Alliierten Kontrollrates den Auftrag, ein Konzept zur Neugestaltung Berlins zu entwickeln. Unter seiner Leitung entstand der so genannte Kollektivplan, der eine völlige Neuaufteilung und Dezentralisierung der Stadt vorsah – der Grundstein für das Hansaviertel, der ‚Stadt von morgen’ war gelegt.

Aber was ist geworden aus den damaligen Denkanstößen, Zielen und Strukturen? Dieser Frage geht Michaela Schweiger mit ihrem Kurzfilm ‚Zurück in die Stadt von morgen’ nach.

Sie bedient sich hierfür der Stilmittel Erzählung, Distanz und Reflexion des epischen Theaters und zeichnet auf diese Weise ein gegenwärtiges Portrait. Verschiedene Protagonisten übernehmen die Rolle des Erzählenden, führen Selbstgespräche und Dialoge. Der Zuschauer wird dabei zum stillen Betrachter und aus einem Wechsel von Rückblick, Momentaufnahme und Ausblick erschließt sich für ihn die heutige Situation. Die Baumeister der Vergangenheit und Bewohner der Gegenwart beschreiben die Idee hinter der ‚Stadt von morgen’ und erörtern gleichzeitig die Wahrnehmung des Hansaviertels von heute. Das Stilmittel der Reflexion transportiert auf diese Weise den Grundgedanken der Planer bzw. Scharouns und verdeutlicht das bestehende Netzwerk und Strukturen des Viertels.

,La Ville‘

Jeremy Beaudry

Auch ‚La Ville’ von Jeremy Beaudry befasst sich wie auch ‚Zurück in die Stadt von morgen’ von Michaela Schwaiger mit dem Hansaviertel in Berlin – Mitte. Im Gegensatz zum gezeigten Portrait in ‚Zurück in die Stadt von morgen’ wirkt seine Botschaft jedoch tendenziell und wesentlich oberflächlicher.

Der Zuschauer begibt sich mit Hilfe der Kamera auf einen Spaziergang durch die Straßen des Viertels. Dabei bedient sich Beaudry in unregelmäßigen Abständen der Wiederholung und Reihung verschiedener Sequenzen. Anfang und Ende bilden einen Rahmen und sind identisch.

Begleitet wird der Spaziergang von einer im Hintergrund laufenden, verzerrten Soundcollage aus Schlagwörtern, die vermutlich von Le Corbusier stammen und als Hinweis auf einen weiteren ‚geistigen Vater’ von Wohnsiedlungen verstanden werden kann. Die Verbindung zum Ort wird durch zeitweilige Unterbrechungen und das Einspielen von Umgebungsgeräuschen hergestellt.

‚f.road’

Matthias Scholten (D)

Hinter dem Titel ‘f.road’ verbirgt sich ein verdichtetes Stadtportrait über die Metropole Frankfurt am Main. Mit Bildern aus bereits vorhandenen Filmen, die zwischen 1978 -2004 entstanden und eigenem aufgenommenem Material begleitet Matthias Scholten die Stadt von den Morgenstunden bis zum Abend. Hierbei wechseln sich Sequenzen auf der Strasse mit Aufnahmen der puren Infrastruktur ab. Deutlich wird, dass sich die Strukturen der Stadt im Laufe der Zeit nicht gravierend gewandelt haben. Denn mit zunehmendem Verlauf der Bilddurchmischung wird es für den Betrachter immer schwieriger zwischen alt und neu zu unterscheiden. Lediglich Einstellungen großer Straßenverkehrsknotenpunkte lassen sich klar zuordnen und als Raum- und somit auch Gesellschaftsstrukturen der heutigen Zeit erkennen.

‚Computer Game’

Anne Pöhlmann (D)

Die Technik computergenerierter Bilder hat sich Anne Pöhlmann zum Mittel gemacht um die emotionale Wahrnehmung des ‚architektonischen Raums’ zu transportieren. Der Beitrag Computer Game bedient sich der computergesteuerten Bewegung durch das Zusammengefügen einzelner, digitaler Fotografien eines Parkhauses. Auf diese Weise gelingt eine fast unheimliche Verbildlichung des Gefühls von Angst, des Gefangenseins. Verstärkt wird diese nicht nur durch eine triste, graue Farbkomposition sondern zusätzlich durch die teilweise sprunghafte, schnell wechselnd animierte Bewegung. Die Unterlegung mit elektronischer, im Loop abgespielter Musik erzeugt eine enorme Dramaturgie, die Spannung steigt unaufhörlich, bis hin zum Gefühl der Hysterie.

‚Let the User speak next’

Nick Jordan (GB)

Die Annäherung an ein scheinbar alltägliches Gebäude – Das ist der Eindruck den der Betrachter zu Beginn des Dokumentarkurzfilms ‚Let the User speak next’ erhält. Im Laufe der Zeit fügen sich die einzelnen Sequenzen zu einem scheinbar lückenlosen Gesamtbild zusammen. Und erst nach und nach, durch den geschickten Wechsel zwischen detaillierten Innen- und Außenaufnahmen, tastet sich der Zuschauer gemeinsam mit dem gezeigten Protagonisten an das Gebäude heran. Die Kamera führt, beobachtet, entdeckt, betrachtet, berührt, spürt und probiert aus. Dies alles geschieht stillschweigend, so dass sich alle Konzentration auf den Blick des (stellvertretenden) Besuchers und der Kamera richtet und schlussendlich das Gefühl des eigenen Blicks entsteht. Spätestens bei Betrachtung der Fassade wird für Architekturkenner klar, dass es sich hier um das Kloster ‚La Tourette’ von Le Corbusier handelt, dass hier seine Eindrücke hinterlässt.

Die akribische Entdeckungstour Nick Jordans zeichnet ein unbeschreiblich genaues Bild und schafft es auf diese Weise, mit ausdrucksstarken Bildern, langen Einstellungen, Detailaufnahmen bis hin zu Verfärbungen an Stellen der Decke, ein authentisches Raumempfinden zu erzeugen und dieses auf den Betrachter zu übertragen. Am Ende wird der Zuschauer entlassen mit dem Gefühl selbst dort gewesen zu sein und jede Ecke, jeden Winkel selbst entdeckt zu haben.

Bedeutung bewegter Bilder

Neben der sehr unterschiedlichen Portraitierung von Architektur ist die auffallend treffende Charakterisierung des jeweiligen Gebäudes, Ortes und Raumes allen gezeigten Beiträgen gemeinsam. Die große Vielfältigkeit und experimentelle Kraft verdeutlichen, dass das Medium Film unzählige Möglichkeiten bietet Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Wichtigkeit der gebauten Umwelt zu vermitteln.

Weitere Informationen zur Videonale 11 im März 2007 finden Sie hier

Kathrin Seifert

‚Let the User speak next’ 1

Let the user speak next2

‚Let the User speak next’

Nick Jordan (GB)

‚Zurück in die Stadt von morgen’1

zurück in die stadt von morgen2

‚Zurück in die Stadt von morgen’

Michaela Schweiger (D)

‚Computer Game’1

Computer Game2

‚Computer Game’

Anne Pöhlmann (D)

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