Die Kirche St. Ursula in Hürth-Kalscheuren wird profaniert

Dies muss ein besonderes Kirchenfest sein. Acht in rote Talare gehüllte Geistliche zelebrieren den feierlichen Gottesdienst, alle Kerzen sind angezündet, die Kirchenbänke sind voll besetzt, die Gemeindemitglieder scheinen vollzählig hier versammelt zu sein. Ja, es ist ein besonderes Kirchenfest: Der letzte Gottesdienst den St. Ursula in Hürth-Kalscheuren erleben wird.

„Profanierung“ nennt die katholische Kirche den Vorgang, bei dem sich die Gemeinde feierlich von ihrer Kirche verabschiedet, bevor sie per Bischofsdekret wieder dem profanen Gebrauch übergeben wird. In St. Ursula findet der Profanierungsgottesdienst nur 50 Jahre nach ihrer Weihe am 29. Juni 1956 statt. Damals ging man davon aus, dieser Ortsteil würde wachsen. Heute zählt Hürth-Kalscheuren gerade mal 535 Einwohner, im Grunde ein Gewerbegebiet – größter Nachbar von St. Ursula sind die MMC-Studios in denen Shows und Seifenopern produziert werden.

Gesamtkunstwerk von Gottfried Böhm

St. Ursula ist eine moderne Kirche und ein Gesamtkunstwerk des Architekten Gottfried Böhm. Ursprünglich stammte der Entwurf von seinem Vater, dem Kirchenbaumeister Dominikus Böhm, der die Arbeit an seinen Sohn übergab. Gottfried Böhm schuf einen Zentralbau als moderne Adaption eines antiken Tempels. Der Rundbau steht frei auf einer Wiese, der Gemeinderaum ist von einer Säulenreihe umschlossen, komplettiert wird das Ensemble durch einen freistehenden Glockenturm mittig vor dem Eingang.

St. Ursula ist einer der ersten Betonschalenbauten im Erzbistum Köln und eine der wenigen reinen Rundkirchen der Nachkriegszeit. Die runde Grundform wird durchbrochen von sechs halbrunden Konchen aus nichttragenden Betonschalen, von der kuppelartigen Dachschale abgesetzt durch ein gläsernes Lichtband. Auch zwischen den Konchen spannt sich ein gläsernes Netz. Ein feierlicher, lichtdurchfluteter Raum, der schon einige der liturgischen Erneuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils vorwegnimmt.

Gedrückte Stimmung in heiterer Umgebung

Der Sonnenschein fällt an diesem heiteren Sommerabend durch die Fenster und die weit geöffneten Türen in die Kirche, fröhliches Vogelgezwitscher übertönt fast die Worte vom Altar. Und doch ist die Stimmung in diesem Raum, der so klar die Hoffnung und die Freude der Verkündigung vermittelt, seltsam gedrückt. Viele der Gemeindemitglieder halten Taschentücher in den Händen, wischen sich verstohlen Tränen aus den Augen. Mit gesenkten Köpfen lauscht die Gemeinde der Verlesung des Profanierungsdekrets, darin auch die Anweisung des Bischofs, die Innenausstattung, „insbesondere den konsekrierten Altar, Tabernakel, Taufbecken und Ambo“ zu entfernen.

All diese Ausstattungsgegenstände, wie auch die gebogenen Bänke und die bronzene Taube, die im Zentrum des Raumes das Ewige Licht trägt, gehören zur Architektur, sie wurden für diesen Raum erdacht. Das unter Denkmalschutz stehende Gesamtensemble wird mit der Profanierung zerstört, auch wenn der Raum als Hülle erhalten bleibt. Ein Investor möchte hier einen Ausstellungsraum einrichten. Das Erzbistum Köln konnte sich mit diesem Gedanken anfreunden, die Denkmalpfleger nicht.

Buh-Rufe gegen Kirchenläuten

Und auch die Gemeindemitglieder haben die Profanierungsüberlegungen nicht einfach hingenommen. Seit Ostern kämpft eine Bürgerinitiative für die Erhaltung von St. Ursula als Kirche, doch auch das Angebot, für die Kosten des Unterhalts aufzukommen, konnte das Erzbistum nicht von dem – offenbar sehr lukrativen – Angebot des Investors abbringen. Selbst am Tag der Profanierung haben einige noch nicht aufgegeben, mit Transparenten empfängt ein kleines Grüppchen Demonstrierender die Prozession, die Reliquien und Hostien in die Kirche St. Severin in Hermülheim bringen wird. Mit Buh-Rufen versuchen sie gegen das letzte Kirchenläuten an diesem Ort anzukommen – vergeblich.

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Die Kirchenbänke sind gut besetzt.

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Der frei stehende Rundbau.

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Der Innenraum von St. Ursula.

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Der eigens entworfene Altar.

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Die bronzene Taube trägt das Ewige Licht.

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Einige der liturgischen Gegenstände werden aus der Kirche gebracht.

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Um die Andacht der Gläubigen nicht zu stören, werden die Demonstranten gebeten, leise zu sein.

Fotos: Vera Lisakowski

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Eine Reaktion auf “Ein letztes Läuten”

  1. Ingrid Faßbender

    Ihr Artikel ist umfassend und ausgewogen. Ich möchte dennoch folgendes anmerken:

    St. Ursula ist nicht nur für das jetzige Kalscheuren gebaut worden. Die ehemalige Pfarrei St. Ursula umfasste auch weitgehend die Blumensiedlung in Hermülheim.

    Kalscheuren ist zwar im Flächennutzungsplan zu großen Teilen als Gewerbe- und Mischgebiet ausgewiesen, z.Z. befinden sich dort aber noch sehr große Ackerflächen. Der Investor, der St. Ursula gekauft hat, annonciert an einem Neubau in Kalscheuren „Wohnen im Grünen !“
    Die Stadt Hürth erwägt, in Kalscheuren wieder mehr Wohnbebauung auszuweisen. Die verkehrstechnische Anbindung des Ortes (Bahnlinien nach Köln, Koblenz, Euskirchen) ist gut.
    Eine positive Entwicklung von Kalscheuren erscheint möglich.

    St. Ursula war nicht nur eine Kirche und ein Denkmal, sie ist (noch) ein Gesamtkunstwerk, das theologische Aussagen und Ideen der Aufbruchstimmung des 2. Vatikanischen Konzils auf spürbare Weise vermittelt.

    Ehemalige Ursulaner waren bei der Profanierung kaum zu sehen. Sie waren als Angehörige des kleinsten Teiles dreier fusionierter Gemeinden in ihrem Bemühen, St. Ursula zu erhalten, schlicht überstimmt worden. Finanziell war der Schritt nicht erforderlich, so das Bistum, die Kirche werde vielmehr für die Zukunft einfach nicht mehr benötigt. In Hermülheim verbleiben nun 2 Kirchen in Sichtweite voneinander, die Schönheit und Attraktivität von St. Ursula wird der kath. Kirche ein für alle mal verloren gehen.

    Ich halte das Ergebnis für falsch, doch dürften Bemühungen, St. Ursula zu erhalten, an vielen Faktoren gescheitert sein, insbesondere der, dass man nicht ausreichend lange und intensiv – auch in der Öffentlichkeit – nach Alternativlösungen gesucht hat oder erforderliches Entgegenkommen von dritter Seite (Bistum, Staat, …) möglicherweise nicht ernsthaft in Aussicht gestellt wurde.

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