Ein Jahrhundertfotograf

Die Galerie infocus, Köln, zeigt Bilder des Architekturfotografen Heinrich Heidersberger

Ein Architekt, der einen Bau realisiert hat, lässt diesen in der Regel fotografieren, um ihn zu dokumentieren und für Werbezwecke zu nutzen. Die Aufgabe der Architekturfotografie ist es, möglichst das Ideal der Erscheinung zu fixieren. Dieses Ideal ist aber schwer endgültig festzulegen, weil es zeitabhängig ist und ebenso abhängig von der Inszenierung des Fotografen – gleich wie dokumentarisch er arbeitet. Und genau dieses subjektive Moment zeichnet einen der Väter der deutschen Architekturfotografen besonders aus.

Dunkle Himmel

Dunkle Himmel über modernistischen Siedlungshäusern, hell gefilterte Grasflächen, harte Licht-Schatten-Kontraste, dramatische Wolkenbildungen und immer wieder kleine erzählende Elemente (Autos, Menschengruppen), die den Gebäuden Maßstab geben und ihnen die Sterilität nehmen. Ein Meister der Tiefenstaffelung des Raumes wie der flächigen Frontalansicht, die mit den Bildern der Becher-Schule zu musealen Ehren gekommen ist.

Ein Jahrhundert Heidersberger

Heinrich Heidersberger, der in diesem Jahr nach seinem hundertsten Geburtstag verstarb, war einer der Väter der deutschen Architekturfotografie, aber er war weit mehr als das.

Geboren 1906 in Ingolstadt, ging er nach einem abgebrochenen Architektur- und Ingenieurstudium nach Paris an die private Malschule von Fernand Léger, wo er Kontakt zur künstlerischen Avantgarde bekam und zu fotografieren begann. Paris – zu Beginn der 1930er Jahre ein Zentrum der surrealistischen Bewegung, ein Ort der Mode und des Designs – hat Heidersbergers visuelle Arbeit zeitlebens geprägt.

1936 ging er nach Berlin, um dort als freier Bildjournalist sowie als Sach- und Werbephotograph zu arbeiten. Es folgten Aufträge für Rüstungs- und Industriebauten, unter anderem des Architekten Herbert Rimpl. Nach dem Krieg: Dolmetscher, Porträt- Tanzfotograf, für Merian und Stern und schließlich Wiederanknüpfung an die Architekturfotografie. Er fotografierte die Nachkriegsbauten von Hans Scharoun und Alvar Aalto und wird zum bevorzugten Fotografen der Braunschweiger Schule um Wilhelm Kraemer. Er arbeitet für das Wolfsburger VW-Werk, dessen berühmteste Ansicht von ihm stammt. 1972 repräsentieren von ihm geschaffene Wandbilder die Stadt Wolfsburg bei der Olympiade in München.

Die Rhytmogramm-Maschine

Doch das selbstbewusst schöpferische Element, das bei all diesen dokumentarischen Auftragsarbeiten sichtbar bleibt, drängt Heidersberger dazu, auch unabhängig vom Auftrag experimentell zu arbeiten. Er, der sich nach dem Krieg ‚Lichtbildner’ nennt, erfindet 1955 – ein Vorgriff auf die Op-Art – die Rhytmogramm-Maschine, mit der er kontrollierte Schwingungsbilder von Lichtquellen erzeugen kann. Eines diente dem Südwestfunk Baden-Baden jahrzehntelang als Testbild.

Historisch ist er ein Vermittler zwischen dem Aufbruch in die Moderne und der Nachkriegszeit, immer offen für Zeitgeschichtliches und ausgestattet mit einer „intuitiven Begabung für die Optionen des Schicksals“, wie er es beschrieb.

Autorenfotograf

Heidersberger, den die Kunstkritikerin Ursula Bode einmal einen „notorischen Autodidakten“ nannte, was ihm sehr gefallen hat, war zeitlebens so etwas wie ein „Autorenfotograf“. Er verzichtete auch in den Zeiten des Wirtschaftswunders auf ein großes Studio und einen repräsentativen Mitarbeiterstab. Stattdessen experimentierte er lieber mit neuen Techniken und modifizierte seine Kameras.

Nicht zufällig wird Heidersberger mit Beginn der 1980er Jahre wiederentdeckt, als sich das Medium Fotografie langsam als Kunstform etabliert. Heidersbergers Position zwischen Auftrag und Kunst erscheint jetzt sehr aktuell. Es folgten Ausstellungsbeteiligungen in der ganzen Welt und nach 1986 auch eine Anzahl von Einzelausstellungen zu seinem Werk.

Im hohen Alter soll der Fotograf bis zuletzt auf seinen Ausflügen im Elektromobil immer eine Kamera dabei gehabt haben.

20.08.2006 bis 01.10.2006

Heinrich Heidersberger Struktur und Architektur –

Vintage Fotografien


infocus Galerie

Brüsselerstr. 83

50672 Köln

Öffnungszeiten:

20.08.-2.09. täglich von 15.00 – 19.00 Uhr

3.09.-22.09. nur nach Vereinbarung

23.09.-28.09. täglich von 15.00 – 19.00 Uhr

im Rahmen der Internationlen Photoszene Köln

29./30.09. von 14.00 – 20.00 Uhr

1.10. von 12.00 – 16.00 Uhr

Im Rahmen der Photokina spricht Bernd Rodrian (DGPh) in der infocus Galerie am Samstag den 30. September um 18.00 Uhr zu Heidersbergers Werk.

Axel Joerss

Heidersberger: VW-Kraftwerk, Wolfsburg, 1971

Heidersberger: Käfer-Produktion, 1955

Heidersberger: Chemische Werke Huels, Hanau

Heidersberger: VW-Reparaturwerkstatt, 1955

Heidersberger: Rhytmogramm, 1963

Heidersberger: Kleid aus Licht, 1949, für den Stern

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