„Das Motiv Palast der Republik habe ich mal als Neujahrskarte an meine Architekten verschickt. Mich hat sehr erstaunt, dass nicht einer den leisesten Zweifel hatte, dass das kein A...

„Das Motiv Palast der Republik habe ich mal als Neujahrskarte an meine Architekten verschickt. Mich hat sehr erstaunt, dass nicht einer den leisesten Zweifel hatte, dass das kein Architekturfoto sein kann. Während einer Ausstellung haben selbst alte Berliner nicht erkannt, dass die Perspektive so nicht möglich sein kann. Nachdem ich ihnen das Bild erklärt habe, sind sie noch einmal zum Palast gefahren. Dort haben sie dann das Bild erst wirklich verstanden. Das „Foto“ entspricht also einer gemeinsamen Erinnerung an einen Ort.“ Dafür fotografiert Roth Fragmente, die als Bausteine dienen. Durch digitale Verdopplungen baut er das Gebäude nach und bringt es in die gewünschte Perspektive. Dann bearbeitet er jedes Fenster und kopiert die Spiegelung des Berliner Doms hinein. „Mir war klar, dass ich die Abmessungen und die Anzahl der Fassadenabschnitte nicht verändern will. Die Form eines Gebäudes dieser Bedeutung zu manipulieren, wäre einfach albern.“

Anders bei dem Bürohochhaus: Das Gebäude erhielt erst nach seiner Erweiterung um einen Baukörper und der neuen Spiegelfassade als Holiday Inn, heute Park Inn Hotel eine öffentliche Aufmerksamkeit in Köln. „Das alte Haus stand schon lange auf meinem Plan, aber es war einfach nicht zu fotografieren. Der heutige Parkplatz war früher eine Pappelallee. Erst das Fällen der Bäume gab den Blick auf das Gebäude frei und ermöglichte den entsprechenden Kamerastandpunkt.“ Unter Einhaltung der Perspektive fotografiert Roth den mittleren, rechten sowie linken Teil des Gebäudes. Zusammengesetzt ergeben die Bilder dann ein wesentlich breiteres und höheres Gebäude. Es entsteht eine Übertreibung die durch die künstliche Gestaltung des Umfelds noch verstärkt wird: „Der Hintergrund ist das Rollfeld des Luxemburger Flughafens und die Laternen stehen in Wirklichkeit vor dem Siemensbau in Düsseldorf. Den richtigen Parkplatz habe ich dann noch in Kalk gefunden und fotografiert.“ Da es Roth in diesem Bild um den Eindruck eines Gebäudes dieser Art geht, ist es ihm nicht mehr wichtig, das Motiv auf einen Ort zurückführen zu können.

Das Spiel mit der Wahrnehmung

Nicht mal zwei Jahrzehnte nach der Erfindung der Fotografie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts schon ähnlich verfahren. Um einer Landschaft eine gewünschte Atmosphäre zu verleihen, fotografierte man die Wolken separat. Im Labor wurden dann die entsprechenden Teile der beiden Negative nacheinander auf Fotopapier belichtet. Auch Fotografien von Personengruppen wurden kunstvoll im Labor montiert. So wurde schon früh damit begonnen, die Wahrheit des Augenblicks zu manipulieren.

Lukas Roth sucht seine Motive nicht, er entdeckt, erlebt sie. So auch seine Natur-Räume. Den Wald auf einer Autobahnzubringerschleife korrigierte er zum Beispiel nur in der Symmetrie, um den Sog auf die fast fluoreszierend grün bemoosten Stämme der mittleren Bäume zu verstärken. Der Blick von der Brücke hingegen ist montiert und vereint in seinem Konstrukt eine Gesamtwahrnehmung, die beim Entlangfahren der Brücke von dem Tal entsteht.

2004 erhält Lukas Roth für sein künstlerisches Werk den Otto-Steinert-Preis. Seine Arbeiten gewinnen an öffentlichem Interesse und platzieren sich auf dem Kunstmarkt. Seit Herbst 2004 wird Roth durch die Kölner Galerie Martin Kudlek vertreten. „Soweit ich den Markt beurteilen kann, ist der große Hype der Fotografie langsam vorbei. Auf Kunstmessen sieht man ganz deutlich, dass es wieder mehr um Malerei, wie beispielsweise die Leipziger Schule geht. Dennoch, für mich sind die drei Messen, die Kudlek mit mir gemacht hat, gut gelaufen – mehr kann ich dazu noch nicht sagen.“

Das Original im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit

Ein Vintage bezeichnet einen Abzug, den der Künstler selbst zum Zeitpunkt der Entstehung der Aufnahme gefertigt hat. Die analoge Laborarbeit macht dabei jeden Abzug, so ähnlich er auch einem anderen sein mag, zu einem Original. Bei einer Datei hingegen wird im übertragenen Sinne die Laborarbeit eingefroren. „Das macht auch die Abwicklung der Architekturfotografie wesentlich schneller und einfacher, da die Kunden heute meist keine Abzüge mehr, sondern Scans bestellen. Auch nach Jahren kann man von einer Datei noch immer das gleiche Ergebnis bekommen. Deshalb halte ich die Vergänglichkeit der digitalen Fotografie für nicht so kritisch, wie sie oft dargestellt wird.“

Wenn man eine Datei im Zusammenhang mit ihrer Auflage als Original betrachtet, ist für Roth das Ersetzen eines ausgeblichenen oder zerstörten Bildes legitim. „Ich sehe das als Vorteil: wenn Rembrandt digital ausbelichtet hätte, dann wüssten wir heute, wie seine Bilder ursprünglich ausgesehen haben. Jedes Kunstwerk verändert sich. In Rembrandts Bildern ist im Laufe der Zeit der Teeranteil der Farben an die Oberfläche gewandert – die Dunkelheit seiner Bilder ist also kein Stilmittel, sondern eine Alterserscheinung. Letztendlich wird es aber eine Entscheidung der Sammler sein, ob ein ausgeblichener Andreas Gursky mehr wert ist, als ein nicht ausgeblichener.“

Architektur, Fotografie und Kunst

Vor ein paar Jahren haben sich Lukas Roth und seine Frau aus der Notwendigkeit der Ansprüche einer sechsköpfigen Familie heraus entschieden, ein eigenes Haus zu bauen. „Mit vielen Leuten zusammenzuleben ist einfacher, wenn man einen guten Ort dafür hat.“ Dieser Ort entsteht für Roth aus den Bedürfnissen des Bauherren und der formalen Idee des Architekten. Wie sich selbst als Architekturfotograf, sieht Roth auch den Architekten nicht nur als Kreativen, sondern vor allem als Dienstleister. „Man behält zwar seine eigene Sehweise bei, muss aber auch die Wünsche des Auftraggebers respektieren.“

Neben dem Familienleben genießt Roth auch das Arbeiten in den eigenen vier Wänden. Wenn er keinen Vortrag als Gastdozent hält oder Bau fotografiert, sitzt er mit seinem Assistenten im Atelier, wo die beiden akribisch genau an der digitalen Ausführung Roths künstlerischer Entwürfe arbeiten.

Christoph Herkenrath

roth_16_palast

oT, 2003, 123cm x 263cm, Palast der Republik

roth_13_buerohaus

oT, 2002, 123cm x 171cm, Bürohaus

roth_15_wald

oT, 2002, 123cm x 241cm, Wald

roth_17_tal

oT, 2004, 123cm x 202cm, Tal

roth_07_riemann

Neuer Weg, Norden, Sanierung und Neubau, 1999-2004, Architekt: Helmut Riemann

roth_04_riemann

Neuer Weg, Norden, mehrere Sanierungen und Neubauten, 1999-2004

roth_03_riemann

Neuer Weg, Norden, mehrere Sanierungen und Neubauten, 1999-2004

roth_14_landschaft

oT, 2002, 123cm x 150cm, Landschaft

roth_18_strand

oT, 2005, 94cm x 395cm, Strand

Artikel teilen

Ihre Meinung zählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.