Zwischen Schock und Sehnsucht

nrw urbanism – neue Prinzipien für den Städtebau in Nordrhein-Westfalen?

Um den New Urbanism sollte es gehen, bei einer Tagung in der Abtei Brauweiler, die das Europäische Haus der Stadtkultur als Träger der Baukultur-Initiative des Landes veranstaltete. Der New Urbanism ist eine aus den USA kommende Richtung im Städtebau, die in Deutschland bislang vor allem mit historisierenden Fassaden verbunden wird und deshalb seit ihrer Ankunft heftige Kontroversen hervorgerufen hat. Um zu überprüfen, ob nicht doch etwas mehr dahinter steckt waren mehr als 200 Stadtplaner und Architekten aus ganz Nordrhein-Westfalen nach Pulheim gereist. Und sahen sich nicht mit hübschen Bildern, sondern mit einem umfassenden städtebaulichen Konzept konfrontiert. Wie Harald Bodenschatz von der Technischen Universität Berlin darlegte und Peter Park aus Denver an Beispielen vorführte, handelt es sich beim New Urbanism eher um eine Stadtplanungs-Methode als um einen städtebaulichen Stil. Ziel ist die Wiederherstellung oder der Neubau von Städten und Stadtteilen mit traditionellen Mitteln, also geschlossenen Straßenräumen und Plätzen, gemischter Nutzung und gleichmäßig verteilten Verkehrsströmen. Der Dessauer Regionalplaner Harald Kegler zeigte, dass der New Urbanism auch zur Einbeziehung der Bürgerschaft interessante Verfahren entwickelt hat.

Für Amerika vielleicht etwas Neues, und angesichts der dortigen Zersiedlung auch dringend Notwendiges. Vor dem Hintergrund deutscher Erfahrungen aber sicher ein planerisches Leitbild, das nicht allzuviel Innovation bietet, allerdings auch nicht allzuviel Verdammenswertes. Warum lassen sich dann trotzdem viele deutsche Architekten und Stadtsoziologen von dem Begriff provozieren? Die Ursache liegt wohl vor allem in einer geschickten Kombination: Auch hierzulande aktuelle städtebauliche Ziele wie Nutzungsmischung und Flächensparen werden beim New Urbanism verbunden mit einer Architektursprache, die Bürgern und Investoren Identifikationsangebote macht. Hierin liegt die Provokanz für die deutschen Experten, die noch immer an einer freilich modifizierten architektonischen Moderne festhalten. Und tatsächlich wirken die ersten nach den Prinzipien des New Urbanism entstandenen Quartiere wie gewachsene historische Viertel. Die Gestaltung reicht vom städtebaulichen Maßstab bis ins architektonische Detail, was in den nachmittäglichen Arbeitsgruppen von einigen Stadtbauräten anerkennend und nicht ganz neidlos festgestellt wurde. Im Resultat entstehen Viertel oder Stadtbausteine, die schon kurz nach ihrer Entstehung Atmosphäre besitzen und bei ihren Bewohnern beliebt sind. Dass diese Projekte in den Niederlanden zu finden sind zeigt, dass man dort nicht nur in Bezug auf die wilden Kompositionen von Architekten wie OMA oder MVRDV mutiger ist als hierzulande, sondern eben auch im Ausprobieren historischer Formen.

Zwischen Schock und Sehnsucht hatte Organisatorin Frauke Burgdorff zu Beginn des Tages das Verhältnis der deutschen Planer zum New Urbanism verortet. Und wollte trotzdem versuchen, Theorie und Praxis dieses Ansatzes näher kennen zu lernen, offen zu diskutieren und auf eine eigenständige Positionierung des Landes hinzuarbeiten. Doch der Schock saß zu tief, die Sehnsucht wurde unterdrückt und verhinderte einen rationalen Umgang mit dem Phänomen. Auffallend schnell ließ man die Falle zuschnappen: „Disneyfizierung“, „Kulissenarchitektur“ und weitere Schlagworte mehr erfüllten den Saal. Die Orientierung am Geschmack der Bürger wurde schnell zum „Populismus“. Nur zaghaft bemerkte Thomas Krüger von der Technischen Universität Hamburg-Harburg, von der Emotionalität des New Urbanism könne man hierzulande doch einiges lernen.

Und so endete die Veranstaltung schließlich mit dem Fazit, dass Nordrhein-Westfalen weder einer „Städtebaureform“ bedürfe noch sich von einzelnen Elementen des New Urbanism anregen lassen sollte. Selten waren sich so viele einig. Doch die Gelegenheit für eine Debatte über die Stadt und die Stadtplanung von morgen war vertan. (sw)

Eine Dokumentation der Tagung wird voraussichtlich vom Europäischen Haus für Stadtkultur herausgegeben werden.

vortrag park

Vortrag von Peter Park. Foto: Europäisches Haus der Stadtkultur.

foto arbeitsgruppe

Anregende Diskussionen fanden vor allem in den Arbeitsgruppen statt. Foto: Europäisches Haus der Stadtkultur.

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