plan04: Arkadien liegt an der Roonstraße

Nicola Schudy; Eine architektonische Sehnsucht in 1:50.

Ein prachtvolles Gründerzeithaus beherbergt das newropean institute und dieses wiederum die Installation der Künstlerin Nicola Schudy. Man erblickt auf einer tischhohen Platte eine stilisierte Gartenlandschaft mit einer Erhebung, auf der – wie es klassischer nicht sein könnte – eine Laube oder auch ein Tempietto plaziert ist.

In dieser Idylle leuchtet die Architektur und nicht die Sonne. Der Anblick ist gleichermaßen fremd und verlockend. Pflanzen, Erde und Kiesel bilden lebendige Inseln und Farbtupfer. Mit ihrem kräftigen Pink schaffen die Alpenveilchen eine Atmosphäre aus Exotik und Kitsch.

Betritt man den Raum, so kommt der Ton hinzu. Aus Lautsprechern hört man Zikaden, die tapfer gegen den Lärm der Roonstraße anzirpen. Dann wieder erklingt zartes Glockenspiel oder man hört den Wind pfeifen. Dann und wann schwillt das Vogelgeschrei enervierend an und jeglicher paradiesischer Eindruck ist zerstört bis die Zikaden einen wieder versöhnen. Textfragmente werden wie Überschriften auf die Wand projeziert und verleihen der Installation eine weitere Dimension.

Für Nicola Schudy stellt der Locus amoenus eine Art „blauer Blume“ der Architektur dar. Mehr poetische Idee als real gestalteter Raum, ein fiktiver Ort, an dem sich die Widersprüche auflösen ins Unbestimmte, so wie es modellhaft in ihrem Szenario vorgeführt wird. Und das gilt in doppeltem Sinne, denn die Installation visualisiert einen Vorschlag der Künstlerin zur Gestaltung einer Brachfläche in Berlin.

Nicola Schudy schließt die Lücke, indem sie ein Stück Arkadien in den Alltag holt. Denn das ist es, was ihr in der Stadt fehlt: zweckfreie Flächen und Räume, Oasen der Fantasie und Poesie, deren ausschließliche Funktion es ist, sich allen Funktionen zu entziehen und allein der Muße und dem Genuss zu dienen.

Petra Metzger

schudy_plan04

Idee für eine Stadtbrache: Ein poetischer Liebesbrief an einen Ort.

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