– eine Baustellenbesichtigung

Am 12. September eröffnet die ‚Langen Foundation‘ ihr neues Ausstellungshaus, einen Bau des japanischen Architekten Tadao Ando auf der Raketenstation Hombroich in unmittelbarer Nähe des „Museums Insel Hombroich“.

Eine fast normale Baustelle – Handwerker verlegen die letzten Leitungen, die Gärtner mähen den Rasen und pflanzen,, eine Putzfrau wischt den Boden. Ein fast normales Bild. Aber es bleibt ein Bild. Auch beim Begehen der Räume bleibt der Ort ein Bild. Fast als ob jemand den Ton abgestellt hätte. Es ist nicht ruhig, nein, im Gegenteil. Der Rasenmäher ist laut, die Kuratoren diskutieren über die Hängung der Bilder, die Bohrer geben ihren Teil dazu. Aber all das geht an mir vorüber, nehme ich nur kaum war – ich bin allein mit diesem faszinierenden Ort.

Der Stifterin Marianne Langen muss dies schon beim Betrachten des Entwurfs des japanischen Architekten Tadao Ando passiert sein. „Es ist das letzte Kunstwerk, was ich kaufe“, sagte sie damals und realisierte das Projekt ohne jegliche Fördermittel. Die Eröffnungsausstellung „Bilder der Stille. Die Tradition Japans und die westliche Moderne“ ist wie für diesen Ort geschaffen und zeigt Werke aus der Sammlung Viktor und Marianne Langen und Leihgaben. Später werden in der Langen Foundation wechselnde Ausstellungen präsentiert.

Der Ort ist nur 30 Fahrminuten von Köln entfernt, aber schon die Anfahrt über die weitläufige renaturierte Auenlandschaft lässt den Besucher bald seine Alltagsprobleme vergessen. Die riesige Beton-Skulptur des baskischen Künstlers Eduardo Chillida erscheint – Wahrzeichen des Kulturraums Hombroich, der sich aus zwei wesentlichen Bestandteilen zusammensetzt: dem „Museum Insel Hombroich“ und der Raketenstation – heute Wohn- und Arbeitsraum für Künstler.

Ort der Ruhe

Im ersten Moment ein seltsamer Gedanke: Eine Zone, die während Jahrzehnten auf Karten inexistent war, ein Unort, abgegrenzt durch Stacheldraht, in der Ebene unsichtbar gemacht durch hohe Erdwälle – dieser fast schon bedrohliche Ort einer Raketenstation, einer ehemaligen NATO-Basis ist heute Ort des Friedens und Geborgenheit, Ort der Freiheit. Ein „Ort der Ruhe“, wie Ando ihn bezeichnet.

Der Weg vom Parkplatz zum Eingang führt den Besucher fast einmal um das Gebäude herum. Lassen Sie Sich nicht entmutigen, die Mühe lohnt sich. Lassen Sie Sich von der gebogenen Form des Eingangsportals führen, das Ihre Blicke zum Eingang lenken wird. Vorbei an Kirschbäumen, die auf exakt geschnittenem Rasen stehen, vorbei an einem künstlichen Teich, der die alten Erdwälle und die neuen Gebäudekomplexe in sich spiegelt.

Die Foundation besteht aus zwei Teilen: Ein lang gestreckter, von einem Glasmantel umgebener Bau aus Sichtbeton und – im 45 Grad Winkel dazu – zwei parallel zueinander gebaute Riegel aus demselben glatten Beton. Diese beiden sind sechs Meter tief in die Erde gegraben und schauen nur ein Stück heraus. Die Umgebung wird so nicht beeinträchtigt, zwischen Gebäude und Natur herrscht Harmonie. Die Raumhöhe von acht Meter ist daher auch erst im Inneren des Gebäudes erfahrbar. Obwohl die Gebäudeteile perfekt miteinander harmonieren, dieselben Elemente wie Lichtbänder, Rampen, Treppen, Linien und dieselben – für Ando typischen – Materialien wie Beton, Glas und Stahl verwendet werden, sind die drei Ausstellungsräume unterschiedlich in ihrer Erscheinung und Wirkung.

Raumplastik – ein Ausstellungsort

Der Japanraum mit 210 Quadratmetern, der Werken aus der Japan-Sammlung der Foundation vorbehalten ist, beeindruckt durch seine Dimensionen. Das faszinierende Raumgefühl entsteht durch von oben einfallendes natürliches Licht, in die Decke eingearbeitete lineare Lichtschienen und den hell-oliven Farbton des Raumes.

Der Ausstellungsweg führt im Zwischenraum von Betonbau und Glasmantel über einen Korridor, der an eine Holz-Terrasse der traditionellen japanischen Architektur erinnert, in die Gebäudetrakte der „Moderne“. Von einer Galerie aus blickt man in die „Moderne 1“ und die „Moderne 2“, wo zukünftig die Wechselausstellungen präsentiert werden. Die zwei völlig identisch dimensionierten Räume mit je 436 Quadratmetern könnten unterschiedlicher nicht sein. Während eine Rampe aus Beton im einen Raum den Blick auf sich zieht, kann man im anderen Gedanken und Blicke schweifen lassen.

Zwischen den beiden Trakten führt die imposante „Grand Stair“ wie eine Himmelsleiter aus der Tiefe zurück in die Natur. Die Treppe ist für den Besucher nicht zugänglich, sondern Teil der Ausstellung. Nur ein Element von vielen, an dem die Dialektik des Ortes deutlich wird: Der gebaute Raum ist nicht nur Hülle für Kunst, sondern stellt sich auch selbst aus. Die größte Plastik der gesamten Ausstellung ist die Architektur selbst.

Architekt und Bauherrin ließen sich auf diesen Planungsprozess ein. Die Skulptur musste im Nachhinein „funktionsfähig“ gemacht werden, um Besucher empfangen zu können. So wurden Räume für Toiletten, Verwaltung oder Garderobe erst später im Entwurf integriert.

Auch die Umsetzung von Andos Entwurf war für die ausführenden Firmen und betreuenden Architekten eine große Herausforderung. Aber es ist gelungen: Mit viel Perfektionismus und Liebe zum Detail entstand nach zweieinhalb Jahren Bauzeit ein Meisterwerk der Linien, Formen und Materialien, einem Dialog zwischen Gebäude und Natur.

Adresse:

Langen Foundation,

Raketenstation Hombroich I

41472 Neuss

Langen Foundation

Eröffnung:

Sonntag: 12. September 2004

11 – 17 Uhr

Öffnungszeiten:

Di – So 10 – 18 Uhr

Natalie Gemmrig

ando 2

Tomas Riehle/artur 2004

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Tomas Riehle/artur 2004

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Eine Reaktion auf “Kunst und Architektur im Wechselspiel der Gefühle”

  1. Renate Da Rin

    Kompliment für den atmospärisch sehr dichten Beitrag von Frau Gemmrig! Mehr solcher Texte über Projekte „in process“ wären sehr begrüßenswert.
    Mit besten Grüßen
    R. Da Rin

    Antworten

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