Rafael Moneo (li) und Jean-Louis Cohen folgten der Einladung ins Ungers-Archiv. Moneo sprach im Interview mit koelnarchitektur.de über das Leben der Gebäude. Von seinen kann man sagen: Wie der Schöpfer, so das Werk – außergewöhnlich freundlich und bescheiden. @ Heidrun Hertel

Im Gespräch mit Rafael Moneo, der im Duo mit Jean-Louis Cohen im Ungers Archiv „ex libris“ las

Für die letzte Veranstaltung dieses Jahres in der Reihe „Ex Libris“ folgte Rafael Moneo der Einladung von Sophia Ungers. Moneo, der nach seinem Studium bei Jørn Utzon arbeitete, seit 1973 ein Studio in Madrid führt und an verschiedenen Universitäten lehrte und noch lehrt, hatte in diesem Jahr eine Retrospektive im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid. Der Kursaal in San Sebastián, der Atocha Bahnhof und die Prado Erweiterung gehören zu den bekanntesten Schöpfungen des 80jährigen Architekten. Seine Bauten sind ortsangemessen, bescheiden und freundlich. Sie treffen stets den richtigen Ton und bleiben durch eine stille Originalität im Gedächtnis haften – wie der Schöpfer, so das Werk.

Rafael Moneo, Jean-Louis Cohen, Sophia Ungers und viele Jahrhunderte Architekturgeschichte in der Bibliothek von Oswald Mathias Ungers. Moneo und Ungers verbindet ein tiefes Interesse an Architekturtheorie und damit an den Büchern. @ Heidrun Hertel

 

Das Leben der Bücher

Die Bibliothek von Oswald Mathias Ungers in seinem einstigen Wohnhaus, heute Sitz des „UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft“, hat eine starke Zugkraft auf die Fachwelt. Das beweist sich seit vielen Jahren, wenn bei der Veranstaltungsreihe Ex Libris je ein Duo von hochrangigen Vertretern des internationalen Architekturgeschehens Inkunabeln aus Ungers‘ Sammlung vorstellt. Auch Moneo hatte seit langem Kenntnis von Ungers‘ Bibliothek. Er war Ungers zum ersten Mal 1976 in New York begegnet und dann weitere Male, so als Moneo in Berlin das Hyatt Hotel am Potsdamer Platz baute. Nun arbeitet er wieder an einem Berliner Projekt und machte einen Umweg über Köln. Rafael Moneo nahm sich vor der Veranstaltung Zeit für ein Gespräch mit koelnarchitektur.de.

 

Herr Moneo, es wäre interessant zu hören, wie Sie unsere Stadt wahrnehmen.

Moneo: Ich war vor langer Zeit schon mal in Köln, das muss 60 Jahre her sein. Jetzt gerade konnte ich nur den Dom besuchen. Das war sehr beeindruckend, selten drückt sich die Gotik mit einer solchen Pracht aus, eine Pracht, die nicht aus den technischen Mechanismen resultiert, sondern aus dem im Gefühl verankerten Vermögen für eine Architektur, die der Lebensauffassung der Epoche Form gibt und in Wirklichkeit umsetzt. Das übersetzt sich in eine Sinnerfahrung des Raums, die über die reine Konstruktion hinausgeht.

Ich habe also nur wenig gesehen, wir sind bis zum Museum von Rudolf Schwarz gegangen, morgen schauen wir uns seine Kirchen an, ich habe ihn immer sehr bewundert. Uns Spanier beeindruckt natürlich der Rhein und wie die Stadt sich daran gewöhnt hat, mit der Industrie zu leben und mit der Infrastruktur wie den Brücken. Der Wiederaufbau scheint mir nicht sehr verschieden z.B. von dem in Frankfurt, das waren gut gemeinte Eingriffe. Auch wenn die Qualität der späten 40er und frühen 50er Jahre bald nicht mehr erreicht wurde, war es doch eine Architektur, die humanistisch sein wollte, so sehr sie auch Normen und rigiden Mechanismen unterworfen war. Nein, das ist schon bewunderungswürdig und auch überraschend, was in Deutschland entstanden ist.

 

Sie haben gerade häufig in Berlin zu tun.

Moneo: Ja, wir werden im Frühjahr das Projekt dort einweihen, es liegt zwischen der Bauakademie und der Friedrichwerderschen Kirche. In Hamburg haben wir verloren, es gab nur den zweiten Platz. Da ging es um ein Gebäude fast gegenüber vom Chilehaus. Dieses stammt ja aus den 1920er Jahren, noch bevor Deutschland zum Paladin und zur Wiege der Moderne wurde, entstanden in expressionistischem Geist und in der Absicht, den Kontakt mit der Stadt des Mittelalters zu wahren. Es hätte mir sehr gefallen, dort zu bauen.

Anmerkung der Redaktion: Gefragt, um welches Projekt es sich in Berlin handelt, erläutert Señor Moneo nur: „Es ist ein kleines Gebäude …“. Sein Büro baut dort einen Trakt mit hochpreisigen Wohnungen für die Frankonia. Die Fassade wird aufwändig mit einer Steinsorte verkleidet, die sich auch am Palast Karls V in der Alhambra findet.

 

Jean-Louis Cohen und Rafael Moneo reden über Bücher. Cohen stellte das 1930 von W. Boesiger und O. Stonorov herausgegebenen Buch „Le Corbusier et Pierre Jeanneret – Ihr gesamtes Werk von 1910–1929“ vor. Moneo sprach über „Delirious New York“ von Rem Koolhaas aus dem Jahr 1978. @ Heidrun Hertel

 

Und heute Abend lesen Sie im Ungers Archiv.

Moneo: Ich bin auf Mathias Ungers zunächst über Publikationen aufmerksam geworden. Anfang der 60er Jahre haben einige italienische Zeitschriften über sein Haus und sein Werk berichtet, das fand ich sehr interessant. In New York habe ich ihn 1976 kennen gelernt, und später bin ich in Berlin mit ihm zusammen getroffen, auch bei den Arbeiten für das Hyatt Hotel am Potsdamer Platz. Ich wusste von seinem Archiv, und ich freue mich darauf, diese wunderbare Sammlung zu sehen.

Der Veranstaltungsraum im Ungers Archiv konnte längst nicht alle Interessenten fassen. Doch der Geist des Ortes war wichtig, und ein größerer Raum kam nicht infrage. @ Heidrun Hertel

 

Sie schreiben auch, eines Ihrer Werke trägt den Titel „Das Leben der Gebäude“.

Moneo: Ja, ich möchte mich damit nicht nur an Studenten und Kollegen, sondern auch an den Arzt in Santiago und den Notar in Bilbao richten. Das Buch vereint drei Aufsätze aus verschiedenen Epochen. In einem geht es zum Beispiel um die Moschee in Córdoba, ein Gebäude mit einer formalen Matrix, die ihm sogar das Wachsen ermöglicht.

Für heute Abend habe ich „Delirious New York“ von Rem Koolhaas ausgesucht. Ich möchte damit einen Kontrapunkt setzen zu der Auswahl von Cohen. Koolhaas‘ Buch wird zum Manifest durch seinen Willen, die reduzierteste Version von Architektur abzulehnen, den Rationalismus, der sie seiner Meinung nach vom Leben trennt. Anders als bei Le Corbusier geht es ihm um die Rückgewinnung einer mit dem Leben verbundenen Architektur, sehr verschieden übrigens auch von dieser Kathedrale: Hier wird dem Gebäude ein Wert für sich gegeben, ein Wert, der dem Leben, das es beinhalten könnte, fast fremd ist.

 

Das heißt, je mehr Eigenleben ein Gebäude besitzt, desto weniger Verbindung hat es mit dem normalen Leben?

Moneo: Ja, zu diesem Schluss können wir gelangen. Ein autonomes Gebäude, mit großer mentaler Anstrengung geschaffen, hat eine geringere Kapazität, sich mit dem Leben zu verzahnen: Die Wolkenkratzer in New York bieten das aber. Koolhaas hat das auch beschrieben. Das kommt aus dem pragmatischen Realismus einer Architektur, die sich in den Dienst der Massen stellt, die sie nutzt, und des Geldes. Das ist keine falsche Denkweise, es ist wahrscheinlich die positivste Materialisation des Kapitalismus, sich in einer Architektur mit Herzschlag wie in New York auszudrücken. Das ist alternativ zur Stadt von Le Corbusier, so viel mehr in eine soziale Utopie verwandelt, von Ideologie diktiert.

Jean-Louis Cohen lehrt Architekturgeschichte in Paris und New York. Seine Forschungen gelten insbesondere der Architektur und Stadtplanung des 20. Jahrhunderts. @ Heidrun Hertel

 

Und wo geht die Reise hin, wenn wir vor allem von Nachhaltigkeit reden?

Moneo: Man darf ja nicht vergessen, dass einheimische, ortsansässige Architekturen immer nachhaltig waren. Wir müssen uns heute so sehr anstrengen, uns mannigfaltigen Normen zu unterwerfen, dass die sogenannte Nachhaltigkeit sich in einer Künstlichkeit zeigt, die diesen Architekturen fremd war. Und so ist es heute sehr schwer, diese Kongruenz zu erzielen mit dem, was sich in der Architektur ausdrücken soll. Die Gebäude müssen heute einen ganzen Leistungskatalog erfüllen, und man übertreibt die Dinge, damit wir das Gefühl haben, genug getan zu haben. Aber wir übersehen die Kosten hinter dieser Künstlichkeit.

Das ist das große Problem, das die Architektur heute hat: Uns Architekten wird vertraut, dass wir das, was wir tun, mit der Vernunft kontrollieren, und der Mangel an Baumaterial zwang auch dazu, vernünftig zu bauen. Aber mit den heutigen konstruktiven Mitteln ist nicht alles, was möglich ist – im Sinne des Vitruvschen Ideals der firmitas, Festigkeit –, auch automatisch in sich vernünftig. So kommt es in der Welt der Formen zu seltsamen, monströsen Gebilden, die nur zu wachsen scheinen, weil sich Leute mit viel Geld viele Quadratmeter kaufen. Wenn eine Stadt so wächst, verliert sie die Prinzipien höchster menschlicher Schöpfung, in der sich auch die bauliche Logik wiederspiegelt.

Das Interview führte Ira Scheibe

 

Am Ende des Abends widmet sich Rafael Moneo mit viel Geduld und Hingabe und persönlichen Worten den Signaturwünschen der Zuhörer. @ Ira Scheibe

Rafael Moneo ist als Architekt in Madrid aktiv – eine Webseite unterhält er allerdings nicht. Hier weitere Infos zu den erwähnten Projekten:

Das Berliner Projekt der Frankonia am Schinkelplatz

Zur Webseite des UAA

 

 

 

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