Installation "Fallen und Steigen" Beitrag von Christian Hasucha zum Festival KUNST BASIS EBERTPLATZ 2017 © Foto Reinhard Matz

Können wir lernen, die Qualität durch den Dreck zu sehen?

Während im Frankfurter DAM und weltweit im Netz der wiederentdeckte Brutalismus gefeiert wird, hat Köln damit ein sehr konkretes Problem. Denn der Ebertplatz ist keine dieser fotogenen Wahnsinnsarchitekturen, sondern seit der Eröffnung 1977 ein Zeugnis seines Scheiterns. Zumauern oder Zuschütten schlägt die Stadt nun vor. Ernsthaft? Hoffentlich nicht. Aber nach einem Mord im Drogenmilieu will sie ein Zeichen setzen. Doch bitte keines, das die Hilflosigkeit auch noch in Beton manifestiert.

 

Der von Josef Stübben geplante Schmuckplatz am Deutschen Ring 1889, Blick Richtung Rheinufer © Rheinisches Bildarchiv

 

Ein Blick zurück: Der Ebertplatz entstand um 1880 in einer Folge von Schmuckplätzen und Boulevards auf der Fläche des zur Stadterweiterung niedergelegten Festungsrings. Josef Stübben und seine Nachfolger planten Grünanlagen, Weiher und Brunnen, aus den einmündenden Straßen wurden Alleen. Dabei genoss der Ebertplatz die Lagegunst des nördlichen Kopfstücks, das über den Theodor-Heuss-Ring (damals gemeinsam „Deutscher Ring“) zum Rheinufer führte. Doch nach dem Krieg wurde Köln neu gedacht und viele der großzügigen, grünen Flächen dem Verkehr geopfert. Bis es am Ebertplatz soweit war, vergingen Jahrzehnte, inzwischen hatte die Nord-Süd-Fahrt Platz und Ring mit sechsspurigem Verkehr zerschnitten, während untertage der größte U-Bahn-Knotenpunkt der Stadt entstanden war. Mit diesen Rahmenbedingungen sollte auf der rund 8.000 Quadratmeter großen Verkehrsinsel ein moderner Platz als Verbindung und Kommunikationspunkt für die anliegenden Veedel entstehen. Doch als die Planungen umgesetzt wurden, war ihre Zeit schon wieder vorbei. Anklänge an die nur 1000 Meter Luftlinie entfernten Domplatte sind deutlich, auch wenn es sich hier um einen Entwurf des städtischen Planungsamtes unter Werner Baecker handelt. Auch Baeckers Lösung schuf einen Schutzraum für die Fußgänger, hier eine abgesenkte, über Tunnel erschlossene Platzfläche. Der Transitbereich im Westen wurde als halboffene Ladenpassage gestaltet, im Osten führte eine breite Rampe weiter hinunter zu den U-Bahnen. Dazwischen blieb viel Raum, die Ränder wurden mit Hochbeeten begrünt, etwas außermittig platziert ersetzte die „Wasserkinetische Plastik“ des Künstlers Wolfgang Göddertz den historischen Springbrunnen. Auch diese neue Stadtlandschaft wurde aus Beton geformt, die Geometrie bis ins Detail vom Sechseck bestimmt.

 

 

Brutalistisch nennen das heute die einen und horchen auf, doch unter jenen, die diese Formel nicht kennen, hat der Platz nie Freunde gefunden. Aber es wäre zu einfach zu sagen, die Architektur ist schuld, den Sichtbeton mögen wir nicht und unten wollen wir nicht sein. Doch genauso ist es passiert. Schleichend aber kontinuierlich wurden nicht nur die Qualitäten, sondern auch die Funktionen dieses öffentlichen Raumes ignoriert und vernachlässigt: ein Drittel der Lampen wurde demontiert, an funktionierende Rolltreppen erinnert sich kaum noch jemand und auch der Brunnen ist seit langem trocken. Die dunklen Ecken wurden noch schmutziger und unheimlicher, ungepflegtes Gehölz nimmt die Sicht. Natürlich kann niemand dort unten einen Laden betreiben – auch nicht mietfrei – und natürlich wurden die Bedingungen für den Drogenhandel irgendwann ideal. Fast fragt man sich, ob es Kalkül war, die absehbare Folge vom Meiden über das Ignorieren bis zum Aufgeben nicht zu stoppen.

 

Große Pläne

Auszug aus dem Masterplan Innenstadt Köln von AS+P, 2008 @ Stadt Köln, AS+P

 

Dabei ist es nicht so, als wäre der Ebertplatz nie im Gespräch gewesen, ganz offiziell wurde die Umgestaltung im 2008 von AS+P erstellten Masterplan als kurzfristige Maßnahme klassifiziert: die Unterwelt sollte zugeschüttet werden, um die Fläche wieder als Schmuckplatz und wieder in Insellage zu gestalten. Fast könnte man es Glück nennen, dass sich die Stadt jahrelang mit der Idee einer Tiefgarage verzettelt hatte, die sich jedoch nach einer im Herbst 2015 vorgelegten Studie in jeder der drei Varianten als unwirtschaftlich erwiesen hat. Denn Köln braucht keinen isolierten und prätentiösen Schmuckplatz dieser Dimension, sondern vernetzte öffentliche Räume, die mehr leisten, mehr ermöglichen und insbesondere auch mehr aushalten. Nun ist ein Werkstattverfahren für eine langfristige Lösung in Vorbereitung.

 

Fallen und Steigen

Installation „Fallen und Steigen“, Beitrag von Christian Hasucha 2017: Aus dem Lichthof der U-Bahnpassage Ebertplatz ragt ein Baugerüst. Von der obersten Arbeitsplattform schaufelt ein Arbeiter unentwegt groben Kies in eine Schuttrutsche. Am Fuß des Gerüstes hat sich ein Kieshaufen gebildet. Dort können Passanten der Tiefebene einen weiteren Bauarbeiter beobachten, der den Kies in den Trog des Bauaufzuges kippt und ihn mit einer Fernbedienung wieder nach oben befördert.Die Baustelle wurde kuratiert und organisiert von Stefanie Klingemann im Rahmen von KUNST BASIS EBERTPLATZ (www.kunstbasis.koeln), Juli 20017 © Foto Reinhard Matz

 

Weil aber auch sofort etwas passieren muss und mehr Polizeipräsenz zu wenig Erfolg brachte, schlug die Stadt vor, die Ladenpassage zuzumauern. Dabei übersahen die zuständigen Ämter jedoch die eine wesentliche Qualität, die der Ebertplatz derzeit hat. Hier unten konnte sich in den letzten zehn Jahren eine freie Kunstszene entwickeln. Organisiert im Brunnen e.V. und Labor e.V. mieten sie die Ladenlokale und profitieren von dem unwahrscheinlichen Glück mitten in der Stadt einen bislang wenig beachteten Ort zu finden. Für sie sei, so der Künstler und Gründer des Labors Michael Nowottny, der Ebertplatz ein wunderschöner, urbaner Ort mit mystischer Ausstrahlung, eine innerstädtische Nische für die Kunst. Die Künstler waren schon vor den Dealern da, sie zahlen Miete an die Stadt und haben in ihren Galerien und Projektrräumen, aber auch auf dem Platz davor schon hunderte von Veranstaltungen in verschiedensten Formaten und unterschiedlichen lokalen, aber auch internationalen Kollaborationen durchgeführt. Mit der Kündigung der Mietverträge und der Schließung der Passage vernichtet die Stadt den Kunst- und Kulturstandort Ebertplatz. Eine unkluge Entscheidung, denn die Künstler sind nicht das Problem, vielmehr zeigen sie den Ansatz einer Lösung auf. Architekten, darunter Christian Schaller und Bachmann Badie rufen zum Weiterbauen auf und legten schon vor Jahren Entwürfe vor, die zeigen, dass Defizite der Platzgestaltung ohne Zumauern oder Zuschütten behoben werden können. Zum Beispiel mit einer faltbaren Glaswand zwischen Platz und Passage. Die Künstler würden die Rolle des Hausherrn gerne übernehmen – jedoch nicht ehrenamtlich.

NO GOOD (START THE DANCE) Installation von Tim Cierpiszewski für das Festival KUNST BASIS EBERTPLATZ 2017 © Foto Tim Cierpiszewski

 

Man müsse nur lernen „die Qualität durch den Dreck zu sehen“, fordert die ehemalige Stadtkonservatorin Hiltrud Kier und setzt sich dafür ein, den Ebertplatz, der der einzige Platz dieser Zeit in Köln ist, als Denkmal zu erhalten. Doch wofür wird dieses Denkmal stehen? Seine offizielle Geschichte ist keine Gute, denn sie handelt von Vernachlässigung und Versagen. Hoffnung findet sich nur zwischen den Zeilen, im Informellen, Ungeplanten, das mit den Künstlern dort eingezogen ist. Hier gilt es anzusetzen, wenn man weiterbauen will – ein Denkmal im konventionellen Sinne kann der Ebertplatz nicht sein.

 

Text Uta Winterhager, Gespräche Barbara Schlei

 

Eine tolle Fotodokumentation zumAlltag auf dem Ebertplatz gibt es unter #derebertplatzisteinbiest

 

Ebertplatz-Weihnachtskarte des Büros Schaller Theodor 2012 – immer noch aktuell © Christian Schaller

 

 

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